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"Der irrende Planet" tritt im Akademietheater auf der Stelle

29. Jan. 2026 · Lesedauer 4 min

Beim Spazierengehen machen sich die Gedanken selbstständig, mäandern zeit- und ziellos, bis sie nicht mehr einzufangen sind. In seiner Erzählung "Der Spaziergang" ließ Robert Walser den dichtenden Ich-Erzähler von der Leine, um sich frei assoziierend von eingetretenen Pfaden zu entfernen und den Blick auf das scheinbar Zwecklose zu richten. Im Akademietheater hat Barbara Frey den Text mit anderen Walser-Texten verschnitten und unter dem Titel "Der irrende Planet" inszeniert.

"Ein Spaziergang mit Robert Walser", lautet der Untertitel des eineinhalbstündigen, pausenlosen Abends. Dabei sitzt er zunächst: Hinter einem schwarzen Gaze-Vorhang hockt Martin Schwab als Alter Ego des Schweizer Autors (1878-1956) an einem kleinen Tisch und liest aus einem Buch vor. Hinter ihm hat sich eine illustre Runde versammelt: Maria Happel, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Katharina Lorenz, Elisa Plüss und Max Simonischek warten als auftretendes Personal der Geschichte artig auf ihren Einsatz. Bloß - eine Geschichte gibt es hier nicht wirklich zu erzählen. Vielmehr halten Chefdramaturg Thomas Jonigk und die Schweizer Regisseurin Frey den assoziativen Gedankenstrom bisweilen an, um klägliche Interaktionsversuche zwischen dem Erzähler und den ihm begegnenden Personen zu bebildern. Da trifft man sich zum Beispiel auf einer langen Bank und redet aneinander vorbei, während Josh Sneesby die Szenen live am Piano begleitet.

Dass Freys formstrenge Bildkompositionen durchaus einen Sog entwickeln und die Langsamkeit für intensive Gefühle sorgen kann, zeigte sie in den vergangenen Jahren am Haus etwa mit "Tartuffe" oder "Das weite Land". Der Unterschied: Dort gab es eine Handlung. Walsers teils selbstmitleidige Innenschau ist jedoch nicht dafür geeignet, sich mit dem Dichter - oder den ihm begegnenden Menschen - zu identifizieren.

Und so bleibt viel Zeit, über das bedrückende Bühnenbild von Martin Zehetgruber nachzudenken, das in seinen besten Lichtstimmungen an die depressive Unausweichlichkeit von Lars von Triers Endzeit-Streifen "Melancholia" erinnert. Große Gesteinsbrocken schweben zwischen Himmel und Erde, die von hoch wachsenden Blumen bevölkert ist. Sichtbar wird diese Szenerie nur, wenn sie hinter dem Gaze-Vorhang ins Licht (Bernd Purkrabek) getaucht wird, sonst ist es zappenduster und die lange Bank auf der Vorderbühne wird zum unbequemen Rastplatz.

Happel und Haupt bringen Glanz

Nahtlos geht die Ich-Erzählung von Martin Schwab auf Katharina Lorenz über, beide im schlichten, pastellgrünen Anzug. Auch Max Simonischek spricht als Dichter und versucht, die vorbeikommenden Frauen (Hartinger und Plüss) vergeblich mit Komplimenten zu ködern. Die demonstrative Langeweile, die die beiden ausstrahlen, ist sehenswert. Für Glanzmomente sorgt Maria Happel, die im geblümten Kleid mit hellgrüner Strickweste und Dauerwelle verschroben in verschiedene Rollen wie jene einer Schauspielerin oder einer übereifrigen Gastgeberin schlüpft, die den Dichter mit Gewalt zum Völlern bringt.

Den Vogel abschießen darf aber Sabine Haupt, die im Laufe des Abends mehrere Auftrittsversuche im gleißenden Scheinwerferlicht absolviert, bis sie ihren Text endlich aufsagen darf. Walsers Miniatur "Die Wurst" ist höchst amüsant, bleibt in der Inszenierung aber ein Fremdkörper. Den Zwischenapplaus hat sich Haupt aber in jedem Fall verdient. Am Ende ist schließlich wieder der lesende Martin Schwab am Wort. Und darf zum Abschluss ein berührendes Ständchen singen. Jubel für das Ensemble und herzlicher Applaus für das Regieteam beendeten den Abend, der die Bewegung lediglich behauptet.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Der irrende Planet. Ein Spaziergang mit Robert Walser" im Akademietheater, Regie: Barbara Frey, Bühne: Martin Zehetgruber, Kostüme: Esther Geremus, Musik: Josh Sneesby, Licht: Bernd Purkrabek. Mit Maria Happel, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Katharina Lorenz, Elisa Plüss, Martin Schwab und Max Simonischek. Weitere Termine: 31. Jänner, 10. und 15. Februar, 7., 24. und 29. März. www.burgtheater.at )

Zusammenfassung
  • Im Akademietheater wurde Barbara Freys eineinhalbstündige Inszenierung "Der irrende Planet" gezeigt, die verschiedene Texte von Robert Walser zu einem assoziativen Abend ohne stringente Handlung verwebt.
  • Das siebenköpfige Ensemble um Martin Schwab und Maria Happel agiert in einem von schwebenden Gesteinsbrocken geprägten Bühnenbild, das in seiner Lichtstimmung an Lars von Triers "Melancholia" erinnert.
  • Höhepunkte setzen Maria Happel und Sabine Haupt, die für ihren Vortrag von "Die Wurst" Zwischenapplaus erhält, während die Inszenierung insgesamt als bewegungslos und schwer zugänglich wahrgenommen wird.