Christoph Thun-Hohenstein gibt sich "zukunftsmutig"
"Zukunftsmut ist die feste Überzeugung, dass es möglich ist, das Morgen und Übermorgen markant besser zu gestalten, als es die krisengeschüttelte Gegenwart und düstere Zukunftsprognosen vermuten lassen", schreibt er in der Einleitung und verweist auf die unbestreitbare Tatsache, "dass wir längst über das nötige Wissen und zunehmend auch über die geeigneten Werkzeuge verfügen, um die Zukunft zum Besseren zu wenden. Was uns fehlt, ist die feste Überzeugung, dass eine solche bessere Zukunft gelingen kann." In mehreren Kapiteln dieses zwischen Essaysammlung und erzählendem Sachbuch changierenden Bandes lässt er ein Alter Ego Hoffnung machende Begegnungen erleben und von einer besseren Zukunft träumen - einer Zukunft, in der nicht Ausbeutung und Profitstreben, sondern Solidarität und Regeneration das menschliche Zusammenleben wie unser Verhältnis zur Natur bestimmen.
Bläst da nicht ein unverbesserlicher Optimist einen Haufen bunter Seifenblasen in die Luft, die im rauen Wind der Wirklichkeit rasch zerplatzen? Das will der 1960 geborene Ex-Diplomat und Kulturmanager, der vor dem MAK das Austrian Cultural Forum New York und nach dem Museum die Sektion für Internationale Kulturangelegenheiten im österreichischen Außenministerium leitete, im Gespräch mit der APA nicht auf sich sitzen lassen. Ein "Mindset Change" sei nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich. Der Wandel müsse aber aus der Gesellschaft kommen, denn die Politik sei heute zu sehr von Sozialen Medien und Umfragewerten getrieben.
"Wir brauchen eine neue Vision, das wird uns nicht erspart bleiben." Diese müsse das Positive in den Vordergrund stellen - und sollte etwa mehr von Natur als von Klima sprechen. "Über die reine Klimadebatte werden wir nicht weiterkommen. Mit dem Wort Natur kann man aber eine breite Mehrheit finden: Jeder will eine intakte Natur! Das ist auch ein viel weiteres Mindset." Revoluzzer ist er dennoch keiner. "Ich stehe zum Kapitalismus, aber er muss regenerativ werden. Wir müssen ihn neu aufsetzen. Und wir müssen die Transformationsschritte so wählen, dass sie bewältigbar sind und dass die Unternehmen darin auch Geschäftsmodelle sehen für die Zukunft."
Einbeziehung der digitalen Moderne
"Regenerativ" ist ein Lieblingswort von Thun-Hohenstein, der auch Künstlerischer Leiter der kulturellen Zukunftsplattform ReGenerativa ist. "Auch die Demokratien müssen wir regenerieren", sagt er etwa. Vor allem geht es ihm aber darum, die rasante Entwicklung auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz nicht von seinen Visionen einer besseren Welt abzugrenzen, sondern zu integrieren. "Wir müssen die ganze Regenerationsdebatte konsequent mit der digitalen Moderne zusammenführen. Da liegt für Europa eine riesige Chance." In drei bis fünf Jahren werde es einige künstliche "Superintelligenzen" auf der Welt geben, Europa müsse mit einer öffentlichen und ethischen Superintelligenz, der gemeinschaftlichen Ausrichtung man vertrauen könne, mitziehen bzw. dagegenhalten, um bestehen zu können. "Daran wird kein Weg vorbeiführen."
Jene Superreichen, die nicht nur die Ungleichheit weiter vorantreiben, sondern auch immer stärkeren politischen Einfluss gewinnen, müsse und könne man durch mehr Transparenz in die Schranken weisen, glaubt er, obwohl derzeit eher das Gegenteil der Fall ist, da auch unabhängige und kritische Medien stark unter Druck geraten sind. "Ein bisschen Naivität sei gestattet!" Zudem werde auch bei den wirtschaftlich immer Mächtigeren der Druck der nachfolgenden Generation zunehmen und eine Wende zu weniger Ausbeutung und mehr Nachhaltigkeit einleiten, glaubt Thun-Hohenstein, der gleichzeitig aber zugeben muss, dass auch auf breiterer Ebene noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist: "Es ist uns leider nicht gelungen, eine breite Bevölkerung zu überzeugen, dass es richtig ist."
Die Bedeutung der Kunst
Der Kunst komme bei diesem Paradigmenwechsel große Bedeutung zu, allerdings dominierten etwa in Literatur und Film in der Beschäftigung mit dem Thema Katastrophenszenarien, die zu einer zunehmenden Abstumpfung führten. "Wir müssen den Menschen Mut geben, dass sie wieder an eine gute Zukunft glauben. Es geht darum, dass wir aufzeigen, wie spannend ein Leben in einer regenerativen und partizipativen Welt sein kann." Das sei natürlich nicht als Imperativ zu verstehen, denn selbstverständlich gelte die Freiheit der Kunst und jeder Künstler, jede Künstlerin sei frei in der Themenwahl. "Aber wenn wir in 20, 30 Jahren zurückblicken auf die wesentlichen Entwicklungen in der Kunst der zweiten Hälfte der 2020er-Jahre, dann wünsche ich mir, dass man sagt, dass Wien einer der maßgeblichen Orte für die Geburt einer regenerativen Moderne war - so wie es Wien um 1900 für die Moderne war."
Am Ende seines Buches entwirft Thun-Hohenstein "eine regenerativen Zukunftsleiter, deren Sprossen so weit voneinander entfernt angebracht sind, dass jede neue Sprosse ab der zweiten nur von der direkt vorgelagerten aus erklommen werden kann": Seine neun "Qualitäten" nennt er Wahrheitsliebe, Transparenz, Weltkompetenz, Naturliebe, Kreislaufkultur, Ganzheitlichkeit, Fantasie, Kooperationsbegeisterung und Teamintelligenz. Diese führten zur zehnten Qualität, dem Zukunftsmut. Geht es nach ihm, ist der Mutmensch der neue Gutmensch.
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Christoph Thun-Hohenstein: "Zukunftsmutig". Kremayr & Scheriau, 166 Seiten, 25 Euro, Präsentationen u.a. am 24. März, 18.30 Uhr, im Wien Museum, am 25. März, 17 Uhr, im Museumsquartier Wien Raum D (mit dem Künstler Edgar Honetschläger und der Kuratorin Livia Klein) 31. März, 19 Uhr, bei Thalia, Wien 6, Mariahilferstraße 99; https://www.regenerativa.eu/ )
Zusammenfassung
- Christoph Thun-Hohenstein hat am Montag im Wiener Künstlerhaus sein neues Buch "Zukunftsmutig" vorgestellt, das auf 166 Seiten Mut und Freude an einer besseren Zukunft vermitteln soll.
- Er fordert einen gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Solidarität und Regeneration und sieht bereits das nötige Wissen sowie geeignete Werkzeuge dafür vorhanden.
- Die Integration der digitalen Moderne, insbesondere der Künstlichen Intelligenz, in die Regenerationsdebatte betrachtet er als große Chance für Europa.
- Thun-Hohenstein nennt neun Qualitäten wie Wahrheitsliebe, Transparenz und Naturliebe, die zur zehnten, dem Zukunftsmut, führen sollen.
- Das Buch kostet 25 Euro und wird unter anderem am 24., 25. und 31. März bei verschiedenen Veranstaltungen in Wien präsentiert.
