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Chaos als Konzept bei künstlerischem Abendessen "RAW"

16. Mai 2022 · Lesedauer 3 min

Nicht gekocht, nicht bearbeitet oder grob im Umgang: Was gemeint ist, wenn man von "roh" spricht, kommt auf die Situation an. Was genau sich im Rahmen der Wiener Festwochen hinter "RAW" verbirgt, wird für das Publikum an jedem Termin anders sein. Fest steht: Verdauen wird eine Rolle spielen - ziemlich sicher in mehrfacher Hinsicht. Sonntagabend fand der erste von vier Abenden statt.

Ersonnen wurde die "Performance mit Dinner" von Laia Fabre und Thomas Kasebacher, die seit 2008 unter dem Namen notfoundyet zusammenarbeiten. Für die Festwochen haben sie nun ein künstlerisches Abendessen kreiert, bei dem wohl niemand in seinem gedanklichen Ohrensessel sitzenbleiben wird. An jedem der Sonntagabende ist ein anderer Künstler oder Künstlerin aus dem Festwochen-Kosmos eingeladen, um gemeinsam mit einem Koch oder einer Köchin einen Abend in der Festwochen-Bar im Cafe-Restaurant Resselpark zu gestalten.

Zum Auftakt gaben sich Joana Tischkau aus dem Kuratorenteam rund um das "Österreichische Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music", das am Wochenende im Belvedere 21 eröffnet hat, und Köchin Stefanie Herkner die Löffel in die Hand. Aus den angekündigten zweieinhalb Stunden wurden am Ende vier. Auf der Speisekarte stand kein rohes Fleisch, sondern unbearbeitete Unterhaltung im besten Sinne.

"Unser Konzept ist Chaos", postulierte die deutsche Choreografin und Kuratorin Joana Tischkau gleich zu Beginn, als sich das Publikum an der hübsch gedeckten Tafel niederließ. Diese galt es rasch wieder zu verlassen, um sich neben einem zufällig gelosten neuen Sitznachbarn erneut niederzulassen. Nach zwei Jahren Sicherheitsabstand, Maskentragen und Nicht-Kommunikation mit Sitznachbarn fast schon ein Tabu-Bruch, hatte man doch bereits aus dem Glas getrunken, das man in der Hitze des Platzwechsels stehen lassen musste.

Was folgte, waren Getränke wie "Otto und Cola" mit Wiener Wermut von Felipe Galuppo, gefüllte Eier mit Saiblingskaviar mit dem klingenden Titel "Mein Papagei frisst keine harten Eier" oder eine "Zigarettenpause" mit Kaugummi-Zigaretten. Zwischendrin gab Tischkau launige Einblicke in die Kochbuchsammlung ihrer Mutter, spielte der DJ Songs wie "Jetzt trinkt er Limonade" von Billy Mo oder "Griechischer Wein" von Udo Jürgens und wurde das eine oder andere Spiel gespielt. Nach Speisen wie "Gugelhupf vom Thum" und "Stefanies Falscher Hase feat. Hot Potato" gipfelte die Show in einem Wettbewerb um die am besten mit Marzipan nachgebildete Kartoffel. Denn: "Ich habe mich viel damit beschäftigt, was Deutsch-Sein bedeutet", so Tischkau, die zu dem Schluss kam: "Eine Kartoffel sein."

Doch was bleibt von diesem netten Rahmenprogramm mit noch netterem Menü? Das gemeinsame Essen mit völlig Fremden, die man bei vier Stunden Abendessen deutlich besser kennenlernt, als es bei einem Pausen-Prosecco je denkbar gewesen wäre. Wer sich am Ende noch bewegen konnte, ließ den Abend bei einem kleinen Tanzkurs ausklingen und musste bemerken: Der Inhalt dieser Performance waren wir alle.

(S E R V I C E - Wiener Festwochen: "RAW" von Laia Fabre und Thomas Kasebacher im Cafe-Restaurant Resselpark. Weitere Termine: 22. Mai (Buhle Ngaba und Steffi Parlow), 29. Mai (Adama Diop und Max Stiegl) und 12. Juni (Monica Calle und Julian Lechner). Infos und Tickets unter www.festwochen.at)

Quelle: Agenturen