APA/APA / Burgtheater/Marcella Ruiz Cruz

Burgtheater landet Gipfelsieg auf dem "Zauberberg"

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An manchen Theaterabenden geht alles auf. Bastian Krafts Inszenierung von Thomas Manns Jahrhundertroman "Der Zauberberg" am Burgtheater ist so ein Fall. Stark gekürzt und komprimiert auf vier Schauspieler, die alle Alter Egos der Hauptfigur Hans Castorp sind und gleichzeitig als Videoprojektionen 14 Nebenfiguren spielen - da fragten sich auch die Beteiligten während der Proben: Kann das alles funktionieren? Die umjubelte Premiere am Samstag bewies: Es funktioniert prächtig.

Für so ein Konzept braucht man viel Erfahrung und viel Selbstbewusstsein. Über beides verfügt Bastian Kraft, der schon drei Romane von Thomas Mann und auch Klaus Manns "Mephisto" erfolgreich dramatisiert hat. Schon in seiner Roman-Adaption "Die Schwerkraft der Verhältnisse" nach Marianne Fritz im Akademietheater sorgte er für verblüffende Effekte im Zusammenspiel von Realität und Virtualität. Was das Darsteller-Quartett auf dem "Zauberberg" in der Interaktion mit seinen voraufgezeichneten Figuren leistet, ist technisch perfekt und lässt nicht nur den Videotechnikern, sondern auch den Maskenbildnern Hochachtung zollen.

Peter Baur, zuletzt für sein Bühnenbild für "Die Schwerkraft der Verhältnisse" mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet, hat eine Art Eisberg auf die Vorderbühne des Burgtheaters gestellt, der zu Beginn von einer Vierer-Seilschaft in cremefarbenen Pullis erklommen wird. Dieser Berg soll mehr an eine Skulptur als an Natur erinnern und dient schon nach wenigen Augenblicken nicht nur als Spiel-, sondern auch als Projektionsfläche. Dass Felix Kammerer, Dagna Litzenberger Vinet, Markus Meyer und Sylvie Rohrer nicht nur als vier Castorps präsent sind, sondern ständig zu Einspielungen, in denen sie die unterschiedlichsten Nebenfiguren spielen, nahezu lippensynchron sprechen und dabei im Realen miteinander agieren, ist anfangs verwirrend, funktioniert aber bestens, sobald man die Funktionsweise des Abends und die mitunter verblüffenden Besetzungen dechiffriert hat.

Anders als bei Alexander Eisenach, der 2018 am Schauspielhaus Graz das eigentlich in luftigen Höhen liegende Lungensanatorium in schlossähnliche Gewölbe mit Jugendstilanklängen und Ernst-Ludwig-Kirchner-Gemälden verlegte, und Sara Ostertag, die ihre Roman-Fassung 2021 in Sankt Pölten in einem riesigen Brustkorb, der wie eine Spinnenskulptur von Louise Bourgeois aussah, spielen ließ, hat man nun im Burgtheater kaum das Gefühl eines Verlustes. Die Atmosphäre des 1924 erschienenen Romans, der zum Sinnbild einer Gesellschaft im Stillstand geworden ist, vermittelt sich gut.

Die eigentümliche Faszination dieser Gesellschaft, die sich auf 1.600 Meter Seehöhe und weitab von der übrigen Menschheit ihre eigenen Gesetze von Raum und Zeit, Gesundheit und Krankheit macht, erfasst Hans Castorp, der eigentlich nur seinen lungenkranken Cousin besucht, schnell. Die sieben Jahre, die sein Aufenthalt hier währen wird, sind die Ruhe vor dem Sturm, das Innehalten vor dem Untergang jener Welt, wie man sie bis dato kannte. Der Cousin stirbt in der Höhenluft, noch ehe er in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs verrecken kann.

Die Vielfach-Besetzungen machen nicht nur Staunen ob der Kunst der Maskenbildner und der Wandlungsfähigkeit der Darsteller, sondern bringen immer wieder auch Komik ins Spiel, das die schwere Aufgabe ansonsten überaus ernst nimmt. Wenn sich Sylvie Rohrer in den auf den Berg projizierten Videos als Settembrini und Naphta mit sich selbst duelliert, Dagna Litzenberger Vinet als Joachim seinen Cousin Hans in die seltsame Gesellschaft am Zauberberg einführt, Markus Meyer als künstlerisch ambitionierter Anstaltsleiter und als strenge Oberschwester brilliert und Felix Kammerer nicht nur eine verführerische Russin, sondern auch einen dämonischen holländischen Millionär verkörpert, dann sieht man Können und Spielfreude in Großaufnahme vereint.

Viel Theaterzauber also auf diesem "Zauberberg", der in einem Kraft-Akt jedoch nicht auf Readers Digest-Format geschrumpft, sondern durchaus in nahezu voller Größe bezwungen wurde. Nach zwei Stunden 15 Minuten wurde ausgiebig gejubelt. Mit diesem Gipfelsieg sollten sich auch schlechte Auslastungszahlen erfolgreich bekämpfen lassen.

(S E R V I C E - "Der Zauberberg" von Thomas Mann in einer Fassung von Bastian Kraft, Regie: Bastian Kraft, Bühne: Peter Baur, Kostüme: Jelena Miletic, Musik: Björn SC Deigner, Video: Sophie Lux, Mit Felix Kammerer, Dagna Litzenberger Vinet, Markus Meyer, Sylvie Rohrer. Burgtheater, Nächste Vorstellungen am 30. Jänner sowie am 4., 11. und 15. Februar, www.burgtheater.at)

ribbon Zusammenfassung
  • Bastian Krafts Inszenierung von Thomas Manns Jahrhundertroman "Der Zauberberg" am Burgtheater ist so ein Fall.
  • Über beides verfügt Bastian Kraft, der schon drei Romane von Thomas Mann und auch Klaus Manns "Mephisto" erfolgreich dramatisiert hat.
  • Mit diesem Gipfelsieg sollten sich auch schlechte Auslastungszahlen erfolgreich bekämpfen lassen.
  • Burgtheater, Nächste Vorstellungen am 30. Jänner sowie am 4., 11. und 15. Februar, www.burgtheater.at)