Bundestheater-Chef: "Wir berechnen derzeit alle Szenarien"
APA: Kürzlich hat der kaufmännische Geschäftsführer des Burgtheaters das wiederholt, was aus den Bundestheatern immer wieder zu hören war: Wir haben unsere Sparpotenziale nahezu ausgeschöpft. Jede weitere Maßnahme ginge auf Kosten des Programms. Ist das auch die Meinung des Holding-Geschäftsführers?
Christian Kircher: Grundsätzlich ja, aber ich denke, dass es weitere Möglichkeiten gibt, an der Kostenschraube zu drehen. Allerdings ändert das nichts am strukturellen Problem, dem wir uns gegenüber sehen: Ein Unternehmen mit so hohen Personalkosten kann ein bestimmtes Ausmaß an Einsparungen niemals erreichen, wenn gleichzeitig der gesetzliche kulturpolitische Auftrag zu erfüllen ist.
APA: Wie löst man dieses Dilemma?
Kircher: Das Dilemma ist nur so zu lösen, indem vonseiten der Politik ein ganz klares Bekenntnis zur Werthaltigkeit unserer Basisabgeltung abgegeben wird. Wir wollen nicht mehr Geld, aber wir wollen das abgegolten haben, was ein Unternehmen in der Privatwirtschaft über Preiserhöhungen holen würde. Dieses Bekenntnis braucht es mehr denn je.
APA: Das Bekenntnis der handelnden Kulturpolitiker lautet aber, dass mehr bei den Großen als bei den Kleinen gespart werden soll. Und die Größten sind die Bundestheater.
Kircher: Das Sparen bei den Großen schadet der Republik, die sich immer auf das kulturelle Erbe beruft, mehr als uns. Wenn der Repertoirebetrieb infrage gestellt wird oder Mehrfach-Schließtage eingeführt werden, dann wäre das ein klassisches Eigentor. Natürlich kann man über einzelne Spielstätten reden, aber man muss fairerweise sagen, dass alle Spielstätten ein klares Profil und ihre Bedeutung im Gesamt-Puzzle der Bundestheater haben.
APA: Wird mit dem Eigentümer über solche konkreten Möglichkeiten gesprochen?
Kircher: Ja, wir berechnen derzeit alle Szenarien, auch die von Schließtagen. Aber ich hoffe sehr, dass das Rechnungen sind, die theoretisch bleiben. Wir berechnen das, um zu zeigen, welcher langfristige Schaden dabei entsteht. Das ist ja nicht so, als würde man seinen Wagen in die Garage stellen und in vier Jahren einfach wieder herausholen.
"Die darstellende Kunst ist wohl eine der teuersten Kunstformen"
APA: Ist das Gewicht, das Theater im österreichischen Kulturbudget hat, im 21. Jahrhundert durch mehr zu erklären als durch Traditionspflege?
Kircher: Das ist eine berechtigte Frage. Es ist aber eine Tatsache, dass die darstellende Kunst wohl eine der teuersten Kunstformen ist. (Pause) Ich ringe um eine Antwort, weil das auch mein eigenes Tun infrage stellt. Ich stehe zur Kunstform Theater und bin überzeugt, dass eine Gesellschaft, die nicht auch diese Kunstform pflegt, deutlich ärmer ist als eine, die darauf verzichtet. Dazu kommt: Ausverkaufte Vorstellungen zeigen uns, dass die darstellende Kunst in vielen Fällen mit den Menschen etwas macht und sie bewegt.
APA: Der Hauptgrund für öffentliche Förderung von Kultur ist ihr wichtiger Beitrag für gesellschaftliche Reflexion. Können das zeitgenössische Kunstformen möglicherweise besser leisten als Aufführungen in Gebäuden, die überwiegend im 19. Jahrhundert errichtet wurden?
Kircher: Aber welche Kunstform erreicht schon alle Menschen? Der Kunstfilm ist es nicht, die Musik auch nicht, Literatur ist es nicht, und selbst bei der Popularmusik sind die Eintrittspreise mit Sicherheit nicht sozial verträglich. Wir wissen, dass sehr viele Leute noch nie in der Oper waren, dass aber auch ein Großteil von ihnen stolz auf sie ist. Natürlich hat aber die ganze Branche Nachholbedarf bei der Vermittlungsarbeit, um mehr Leute zu erreichen - etwas, das in den Museen viel früher begonnen hat.
"Die Gesamtsituation bringt auch mich zur Verzweiflung"
APA: Die steigenden Personalkosten sind in vielen Branchen ein riesiges Problem. Bei den Medien werden Aufgaben zunehmend von der KI übernommen.
Kircher: Das wird in der darstellenden Kunst wohl noch viele Jahre nicht der Fall sein, denn unser Tun lebt von der Präsenz von Menschen - auf der Bühne wie im Publikum. Aber ich gebe Ihnen recht: Die Gesamtsituation bringt auch mich zur Verzweiflung - ganz ehrlich. Als Mensch Christian Kircher finde ich den technischen Fortschritt bei Medien viel besorgniserregender. Das Wissen um den Wert einer funktionierenden Medienlandschaft beschäftigt mich gewaltig. Ich bin ein großer Verfechter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, von unabhängigen Medien, von Recherche, von Medienvielfalt - und das alles geht gerade unter anderem auch durch KI verloren. Irgendwann wird man draufkommen, dass eine kluge Fragestellung einfach einen Wert hat, doch derzeit wird das einem ökonomischen Druck untergeordnet. Das finde ich bedauerlich und beschäftigt mich mehr als die Entwicklung in der Kunst. Für mich war der Umgang der Medien mit dem Fall Teichtmeister bezeichnend für diese Entwicklung und eine große Zäsur. Das Generieren von schnellen Klicks ist wichtiger als die gesellschaftliche Verpflichtung, Antworten und Maßnahmen auf Fragen des Kindesmissbrauchs zu suchen.
APA: Theater sind in gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen mitten drinnen: auf der Bühne und dahinter. Das reicht von #Metoo bis zu Wokeness. Da hört man immer wieder Ansätze von Selbstkritik: Wir haben falsche Schwerpunkte gesetzt und dadurch Spezialprobleme größer genommen als sie sind. Wie denken Sie darüber?
Kircher: Als jemand, der Compliance bei den Bundestheatern wirklich sehr gefördert hat, in vielen Bereichen, mit Kinderschutzprogrammen, Compliance Codex, Hilfsmittel gegen Machtmissbrauch, kann ich sagen: Ich kann alles in Formeln, in Broschüren, in Regelwerke verpacken, am Ende des Tages geht es um die Umsetzung dessen, was Kant mit seinem Kategorischen Imperativ gemeint hat - dass man mit Menschen so umgeht, wie man es gerne selbst hätte. Das Außergewöhnliche, das der Kunst immer innewohnt, ist keine Entschuldigung für unangemessenes Verhalten. Es geht jeden Tag nur darum, das Richtige zu tun.
"Diese Branche eiert zwischen den Extremen"
APA: Haben Sie das Gefühl, dass in den Häusern Ihres Verantwortungsbereichs heute mehr das Richtige getan wird als zu dem Zeitpunkt, zu dem Sie gekommen sind?
Kircher: Im ganzen Kulturbereich gibt es nach wie vor Nachholbedarf. Ich glaube schon, dass heute ein anderes Bewusstsein vorhanden ist. Ich möchte nicht über die drei Bühnengesellschaften sprechen, sondern über die ganze Branche. Und diese Branche eiert zwischen den Extremen der totalen Wokeness und unreflektiertem Verhalten. Es gibt beides noch, und das ist etwas, was mich durchaus belastet.
APA: Wieso gibt es das noch: unreflektiertes autoritäres Verhalten, das man auch Machtmissbrauch nennen kann?
Kircher: Weil Menschen so sind, wie sie sind. Weil Leute, die sich autoritär verhalten, teilweise bewundert werden - von Trump abwärts. Das ist mir unverständlich, aber wieso sollte das in der Kultur anders sein? Es gibt Leute, die es schaffen, sich die Aura eines Machers zu geben. Und dann gibt es eine Barriere, diese Leute zu kritisieren. Das ist eine Tatsache, die ich bedaure.
"Ich weiß ganz genau, wer bei einem Machtwechsel als Erstes zum Telefon greifen wird"
APA: Wir wissen, wie anpassungsfähig auch Kulturinstitutionen bei Änderungen im Machtgefüge sein können. Was könnte das in Zukunft für Kunst und Kultur bedeuten?
Kircher: Nichts Gutes. Ich habe in knapp zehn Jahren neun politische Verantwortliche gehabt, aus den unterschiedlichsten Parteien. Man merkt, wenn man sich mit offenen Augen durch die Gesellschaft bewegt, dass es eine große Neigung gibt, sich veränderten Verhältnissen jeweils anzupassen. Man sieht, wer welche Einladungen annimmt, wer wessen Nähe sucht. Da bin ich, ehrlich gesagt, froh, dass ich mich in naher Zukunft mit diesen Fragen nicht mehr beschäftigen muss. Umfallen passiert ja nicht von heute auf morgen. Charakterstärke kann auch im Kleinen gezeigt werden. Das bekommt man auch mit. Deswegen weiß ich ganz genau, wer bei einem Machtwechsel als Erstes zum Telefon greifen wird, um vorstellig zu werden. Für mich war die Begegnung mit Achim Benning prägend, der gesagt hat: Die einzige gültige Ideologie bei uns ist der Opportunismus. Das ist bitter, aber realitätsnahe.
APA: Wie waren denn Ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit den Kulturpolitikern diverser Regierungen?
Kircher: Ich werde jetzt nicht anfangen, Zensuren zu verteilen. Einen guten Kulturpolitiker, eine gute Kulturpolitikerin zeichnet in erster Linie aus, möglichst viel für Kunst und Kultur zu erreichen. Ich stelle nicht die Anforderung, dass er oder sie dreimal in die Woche ins Theater oder in die Oper geht. Das ist noch kein Qualitätskriterium. Es hat für mich sehr integre Personen gegeben, wie beispielsweise Ulrike Lunacek, die sehr kurz im Amt war, Leute mit großem Herz wie Josef Ostermayer zu Beginn meiner Funktionsperiode, es hat Leute gegeben, die uns durch Krisen getragen haben wie Andrea Mayer, und Leute, die sehr tough waren und wirtschaftlich viel eingefordert haben wie Gernot Blümel. Es war ein breites Spektrum dabei. Unterm Strich ist wichtig, dass sie aus Überzeugung Kulturarbeit unterstützen.
"Ich war heuer das erste Mal wieder auf einer Demonstration"
APA: Wie werden Sie selbst künftig mit der Situation umgehen?
Kircher: Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser ist, wie Candide einfach das eigene Feld oder seinen Gemüsegarten zu bestellen. Das klingt nach Resignation, ich weiß. Vielleicht werde ich mich aber öfter äußern können, wenn diplomatisches Verhalten nicht mehr erforderlich ist. Ich war heuer das erste Mal wieder auf einer Demonstration. Nach dem Überfall auf den Peršmanhof habe ich mir gedacht, ich muss hingehen, wenn die Zivilgesellschaft vor dem Innenministerium ein Zeichen setzt, weil ich diese Vorgänge empörend finde. Auch als jemand, der in seiner Position sehr auf Äquidistanz wert legt, gibt es Momente, wo man sagen muss: Sorry, das will ich nicht!
APA: Ab 1. April bestellen Sie also den eigenen Gemüsegarten - oder haben Sie schon einen neuen Job?
Kircher: Viele Leute haben mir schon zu meinem neuen Job beim Carinthischen Sommer gratuliert, wo ich Vorstand des Vereins sein werde, aber das ist ein Ehrenamt, bei dem ich etwas unterstützen möchte, was ich gut finde. Ich habe noch keinen neuen Job, brauche aber noch zwei oder drei Jahre für meine Pension. Ich weiß noch nicht, was ich ab April machen werde, sehe dem aber sehr gelassen entgegen. Tatsächlich gibt es wirklich die Variante, dass ich künftig in der Steiermark die Landwirtschaft meiner Frau mitbetreibe - insofern ist also Candide nicht nur ein Symbolbild. Aber irgendwo werde ich schon Anschluss finden, weil ich weiß, dass es genug Leute gibt, die mich schätzen.
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
Zusammenfassung
- Christian Kircher (61) zieht nach zehn Jahren als Geschäftsführer der Bundestheater-Holding Bilanz und gibt am 18. Februar seine letzte Pressekonferenz.
- Kircher warnt, dass die Sparpotenziale der Bundestheater nahezu ausgeschöpft sind und weitere Einsparungen nur zulasten des Programms möglich wären.
- Aktuell werden alle Szenarien, auch Schließtage, durchgerechnet, um die langfristigen Schäden solcher Maßnahmen aufzuzeigen.
- Er fordert von der Politik ein klares Bekenntnis zur Werthaltigkeit der Basisabgeltung, anstatt weitere Einsparungen bei den größten Kultureinrichtungen zu verlangen.
- Ab 1. April übernimmt Sonja Hammerschmid die Geschäftsführung, während Kircher noch keine neuen beruflichen Pläne hat und ein ehrenamtliches Engagement beim Carinthischen Sommer plant.
