Blasser "Faust Club" feierte im Bronski & Grünberg Premiere
Es ist ein nachvollziehbarer Gedanke: Hier der alte, von seiner Gelehrtheit gelangweilte Faust, dem Mephisto zu erneutem jugendlichen Elan verhilft; dort der schlaflose, bei Ikea dauerbestellende, namenlose Normalo, der von seinem Freund Tyler Durden in die Welt der Gewalttätigkeit eingeführt wird und plötzlich wieder zu neuer Energie findet. In beiden Stoffen mittendrin: eine Frau als passiver Katalysator. Mit ein wenig Fantasie kann man diese beiden Stoffe parallel führen und das männliche Streben nach Bestätigung als zeitlosen Topos durchexerzieren.
Bühnenbildnerin Elena Kreuzberger hat für die 90-minütige Inszenierung eine Art Wohlfühl-Wohnzimmer geschaffen, an dessen Wänden Bilder mit Sinnsprüchen zu Lebenslust animieren sollen. Mit offenem Pelzmantel, barfuß und sonst nur in Unterhose schleicht Mephisto um sein antiquiertes Wandtelefon herum, um mal eben bei Gott anzurufen, mit dem er sodann die berühmte Wette abschließt, den Gelehrten Faust vom rechten Weg abzubringen. Mit seinem diabolischen Mienenspiel und diebischer Verführungsfreude ist Florian Carove eine Idealbesetzung für Mephisto, als Tyler Durden erinnert er in seiner roten Lederjacke nur bedingt an Brad Pitt aus dem "Fight Club"-Original. Als Faust wie als der 1999 von Edward Norton meisterhaft gespielte Normalo zeichnet Stefan Lasko nicht minder überzeugend die Transformation von der Biederkeit zur (wieder) erwachenden Virilität.
Warum Beichl sich entschieden hat, die zentralen Frauenfiguren - Gretchen bei Goethe, Marla bei Fincher (man erinnere sich an die grandiose Helena Bonham Carter) - auf zwei Schauspielerinnen aufzuteilen, bleibt das größte Rätsel dieses Abends, der pflichtschuldig mit allen gängigen "Faust"-Zitaten in dem sonst eher belanglos dahinplätschernden Text aufwartet. Und so ist Elena Hückel ein zwischen Naivität und Lebenslust oszillierendes Gretchen, das sich bei ihrer Nachbarin Marthe (Doris Hindinger) Rat in Liebesdingen holt. In den "Fight Club"-Szenen ist es dann allerdings Marthe (und nicht Marla), die mit Tyler zur Sache geht.
Faust kann nicht nur Philosophie, sondern auch Yoga
Und so kommt es, wie es kommen muss: Nachdem Gretchen den Faust, der hier nicht nur "Ach! Philosophie, Juristerei, Medizin und leider auch Theologie" studiert hat, sondern u.a. auch vergleichende Literaturwissenschaft und Psychologie, Bikram Yoga praktiziert und den B-Führerschein gemacht hat, zunächst noch als "alten weißen Mann" diffamiert hat, verliebt sie sich nach der Verwandlung augenblicklich in dessen junges Ich . Zum Zeitpunkt der Verjüngung stimmt Stefan Galler (als Goethe) an der E-Gitarre Nirvanas "Smells like Teen Spirit" an und textet: "Faust riecht wieder jung". Haha.
Und auch im "Fight Club" schreitet die Handlung voran: Florian Carove zieht Stefan Lasko in seinen Keller, liefert eine filmreife Prügelszene und vergnügt sich in den Kampfpausen mit Doris Hindinger aka Marthe. Dazwischen trifft sich das Quartett bei den zahlreichen Selbsthilfegruppen, kommt über die Namensnennung jedoch nie wirklich hinaus. Viel mehr "Fight Club" gibt es dann allerdings nicht zu erleben.
Das anarchistische "Projekt Chaos", das schließlich für die Finanzwelt-Wolkenkratzer-Sprengungen in der letzten Szene von "Fight Club" verantwortlich zeichnet und Tyler und Marla händchenhaltend zuschauen lässt, fehlt vollends. Beichl lässt den Abend dennoch mit "Where Is My Mind?" von den Pixies enden. Allerdings steht Tyler allein da. Und blickt ein wenig verloren gegen eine Wand. Ein Zustand, der gesottene "Faust"/"Fight Club"-Fans nach 90 Minuten ebenso beschleichen könnte. Nichtsdestotrotz zeigte sich das Premierenpublikum begeistert und spendete langen Jubel.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Faust Club" von Moritz Franz Beichl (auch Regie) im Bronski & Grünberg. Bühne und Kostüme: Elena Kreuzberger, Musik: Stefan Lasko und Stefan Galler. Mit Stefan Lasko, Florian Carove, Elena Hückel, Doris Hindinger und Stefan Galler. Weitere Termine: 14., 15., 21., 22., 27. und 28. März, 10. und 11. April, 14., 15., 23. und 24. Mai. Infos und Tickets: www.bronski-gruenberg.at )
Zusammenfassung
- Moritz Franz Beichl feierte mit seiner 90-minütigen Inszenierung "Faust Club" am Donnerstag im Bronski & Grünberg Theater in Wien Premiere, wobei die Erwartungen nach seinen früheren Erfolgen hoch waren.
- Das Stück verknüpft Goethes "Faust" mit Finchers "Fight Club", setzt auf viele bekannte "Faust"-Zitate und ein Wohnzimmer-Bühnenbild, blieb laut Kritik jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück.
- Trotz fehlender "Fight Club"-Schlüsselelemente wie dem "Projekt Chaos" und einer ungewöhnlichen Aufteilung der Frauenrollen zeigte sich das Premierenpublikum begeistert und spendete langen Applaus.
