Bihler demontiert "Glaube Liebe Hoffnung" im Akademietheater
Diesmal hat Bühnenbildnerin Pia Maria Mackert das Akademietheater in eine beängstigende Unterwelt verwandelt, die von einem gefährlich die Zähne fletschenden Höllenschlund umrahmt wird. Glaube und Liebe sind hier ausgespart, und die Hoffnung ist am Ende nur Teil einer defekten Neonschrift, die den gesamten Abend über der Szenerie schwebt: "Abandon all Hope" ("Lass alle Hoffnung fahren") heißt es da für einen kurzen Moment, bevor dann wieder nur ein trügerisches "Hope" übrig bleibt. Wie schon ihre Regie-Kollegin Rieke Süßkow jüngst im Volkstheater bei Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald", die im Dreivierteltakt auf der zuckerlrosa Drehbühne in einer Art Spieluhr erzählt wurden, setzt die 38-jährige Bihler auf eine zentrale Regie-Idee, die zunächst überrascht, sich im Laufe des Abends mangels Entwicklung jedoch abnützt.
Gleich zu Beginn stürzt Marie-Luise Stockinger als Elisabeth in den Abgrund und bleibt - nur mit jener Unterwäsche bekleidet, die sie als Vertreterin zu verkaufen gedenkt - auf den nackten, schwarzen Felsen einer Höhle liegen, die von seltsamen Fabelwesen bevölkert wird. Victoria Behr hat ganze Arbeit geleistet und steckt das restliche, stark zusammengekürzte Personal des Abends in bunt behaarte Kobold-Suits, peitschende Schwänze und wild wachsende Hörner inklusive.
Neugierig nähern sie sich dem gefallenen Menschenkind, das nun erwacht und all jene Vorkommnisse, die es in diese Lage gebracht haben, mithilfe der teuflischen Kobolde Revue passieren lässt. Verdeutlicht wird der Zugriff über den Rückblick bereits ganz zu Beginn, wenn eine Flüsterstimme aus dem Off jene Zeilen zitiert, die sich im Original auf der letzten Seite finden: "Ich lebe, ich weiß nicht wie lang / Ich sterbe, ich weiß nicht wann / Ich fahre, ich weiß nicht wohin, / Mich wundert, dass ich so fröhlich bin."
Fake News und Latex-Handschuhe
Begonnen hat alles bekanntlich vor dem Anatomischen Institut, wo Elisabeth ihren Körper bereits zu Lebzeiten der Wissenschaft vermachen will, um vorgeblich das Geld für ihren Wandergewerbeschein zu verdienen. Diese Möglichkeit fällt allerdings in die Kategorie Fake News und so stülpt sich Felix Reich als gutgläubiger Präparator kurzerhand schwarze Latex-Handschuhe über die behaarten Koboldarme, um dem armen Mädel nicht ohne Hintergedanken unter die Arme zu greifen. Auch das nächste Bild spielt wie auch der Rest des nur 75-minütigen Abends im unveränderten Setting: Elisabeth trifft auf ihre Chefin Irene Prantl (Sabine Haupt), die ebenso wie die erfolgreiche Frau Amtsgerichtsrat (Andrea Wenzl) als Kobold-Frau in den von Nebenhöhlen durchsetzten Wänden herumturnt.
Immer enger zieht sich die Schlinge um Elisabeths Hals, die das Geld für den Gewerbeschein für eine Geldstrafe zweckentfremdet hat, die ihr aufgebrummt worden war, nachdem sie ohne selbigen ihrer Tätigkeit nachgegangen war. Es sind die kleinen Paragraphen, die den kleinen Menschen das Leben schwer machen. Doch für Horváths Sozialrealismus, der uns verlässlich Menschen vor Augen führt, die unverschuldet zu Schuldigen werden, ist hier kein Platz. Es ist Elisabeth allein, die hier auf die schiefe Bahn gerät und am Ende dafür bezahlen muss, dass alle anderen böse sind.
Keine Sicherheit in unsicheren Zeiten
Zuvor scheint sich mit der Romanze mit dem Schutzpolizisten Alfons Klostermeyer (herrlich vom Liebesblitz getroffen: Tilman Tuppy) noch alles zum Guten zu wenden, doch Sicherheit in einer höchst unsicheren Welt bleibt Elisabeth versagt. Also landet sie wieder dort, wo der Abend begonnen hat: auf dem nackten schwarzen Felsen, umringt von neugierigen Fabelwesen. Dazwischen mäandert Stockinger zwischen derbem Mädel mit starkem Wiener Zungenschlag und von den gesellschaftlichen Regeln aufgeriebene Unschuldige durch die überraschend texttreue Handlung, während das restliche Ensemble mit sichtlich großer Lust das dämonische Personal verkörpert. Für zusätzliche Gruselatmosphäre sorgt das Live-Geigenspiel (alternierend Alyona Pynzenyk und Ulrike Greuter).
Das Gefühl, hier einem Akt der Künstlichkeit um der Künstlichkeit willen beigewohnt zu haben, bleibt am Ende als dumpfes Gefühl im Raum zurück und macht deutlich: Nicht jeder Stoff eignet sich für Verfremdungen, ohne sich zu entfremden. Zwischen Jubel und ungläubigem Schweigen endete ein Abend, der der Horváth-Exegese kein nachhaltiges Kapitel hinzufügt.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Glaube Liebe Hoffnung" von Ödön von Horváth im Akademietheater. Regie: Lucia Bihler, Bühne: Pia Maria Mackert, Kostüme: Victoria Behr, Komposition und Sounddesign Jacob Suske, Licht: Marcus Loran. Mit Sabine Haupt, Dietmar König, Felix Rech, Marie-Luise Stockinger, Tilman Tupppy und Andrea Wenzl. Live-Musik: alternierend Alyona Pynzenyk und Ulrike Greuter. Weitere Termine: 28. März, 6., 8., 22. Und 29. April. www.burgtheater.at)
Zusammenfassung
- Lucia Bihler brachte mit ihrer 75-minütigen Inszenierung von "Glaube Liebe Hoffnung" eine düster-groteske Version des Horváth-Stücks auf die Bühne des Akademietheaters.
- Das von Pia Maria Mackert gestaltete Bühnenbild verwandelte das Theater in eine bedrohliche Unterwelt mit Höllenschlund und defekter Neonschrift, während Victoria Behr das Ensemble in auffällige Kobold-Kostüme steckte.
- Marie-Luise Stockinger verkörperte Elisabeth, die von gesellschaftlichen Zwängen und Paragraphen in den Abgrund gedrängt wird und am Ende isoliert bleibt.
- Der innovative Regieansatz überraschte zunächst, wurde im Verlauf des Abends jedoch als ermüdend und wenig entwicklungsfähig wahrgenommen.
- Die Inszenierung polarisierte das Publikum und endet mit weiteren Aufführungsterminen am 28. März sowie am 6., 8., 22. und 29. April.
