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Beeindruckende "Dances for an actress" bei ImPulsTanz

11. Juli 2022 · Lesedauer 3 min

Was passiert, wenn eine Nicht-Tänzerin ikonische Tanzszenen des 20. Jahrhunderts auf die Bühne bringt? Wenn der Ausdruck mehr zählt als die Perfektion und die Atemlosigkeit mit einem Schluck aus der Wasserflasche besänftigt wird? Mit "Dances for an actress" schafft der französische Choreograf Jérôme Bel genau das: Einen staunenswerten Versuch über Imperfektion, den die belgische Schauspielerin Jolente De Keersmaeker im Akademietheater zu einem hingebungsvollen Solo erweckte.

Die Schwester der Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker bringt dabei genug Selbstironie mit, um selbst beim zaghaftesten Plié eine schlechte Figur zu machen. Und so beginnt der Sonntagabend - nachdem die 1967 geborene Schauspielerin humorvoll den aus ökologischen Gründen nicht existenten Programmzettel vorgetragen hat - mit einer Szene aus Ballettschuljahren. Arme und Beine wissen noch nicht so recht, wie sie sich nun strecken sollen, von fünf Pirouetten gehen drei schief. Doch nach wenigen Minuten geht es ans Eingemachte. Schließlich gilt es, einige der großen Tanzszenen des 20. und 21. Jahrhunderts zum Besten zu geben.

Die erste Szene ist der amerikanischen Tanzlegende und Wegbereiterin des modernen Ausdruckstanzes, Isadora Duncan, und ihrem Stück "Prelude" gewidmet, das sich De Keersmaeker leidenschaftlich erarbeitet. Ein kleiner Rückgriff auf das Vorjahr, als der Choreograf der Tanzikone eine Lecture Performance mit Mitmach-Möglichkeit für tanzbegeistertes Publikum widmete. Für einen Ausschnitt aus Pina Bauschs "Café Müller" von 1978 lässt De Keersmaeker dann bald die Hüllen fallen und wagt ihre eigene Interpretation des Klassikers, der schließlich - unter großem Gejohle im Publikum - in Rihannas Song "Diamonds" übergeht, dem Jérôme Bel eine exaltierte Choreografie verpasst hat.

Nach so viel Bewegung braucht De Keersmaeker eine Pause, die sie auf einem Klappstuhl mit ihrem Laptop verbringt und quasi eine Audiodeskription von John Travoltas Dance-Moves in "Saturday Night Fever" liefert, bevor sie sich dann selbst an den einen oder anderen Schritt wagt. Besonders berührend gerät schließlich eine filigrane Hommage an den japanischen Butoh-Pionier Kazuo Ohno. Den Abschluss des nur 60 Minuten kurzen Abends bildet schließlich eine entfesselte Eigenkreation der Schauspielerin.

Ob das nun Tanz ist oder Theater oder ein völlig neues Genre - das ist am Ende des amüsanten und zugleich zutiefst ernsten Abends einerlei. Hier zeigt eine herausragende Schauspielerin, was sie kann: Für eine Stunde ist sie eben Tänzerin - mit Leib und Seele. Lang anhaltender Applaus für einen ungewöhnlichen Abend, der leider nur ein einziges Mal auf dem ImPulsTanz-Programm stand.

(S E R V I C E - ImPulsTanz: "Dances for an actress" von a tg STAN & R.B. Jérôme Bel production, mit Jolente De Keersmaeker. www.impulstanz.com)

Quelle: Agenturen