APA - Austria Presse Agentur

Ballettdirektor Legris präsentiert zum Abschied Nurejew-Gala

Juni 19, 2020 · Lesedauer 4 min

Mit einer digitalen Nurejew-Gala beschließt das Wiener Staatsballett am kommenden Donnerstag seine Saison. Die Aufführung markiert gleichzeitig den Abschied von Ballettdirektor Manuel Legris, der nach zehn Jahren in Wien an die Mailänder Scala wechselt. "Wien war eine großartige Zeit", sagte Legris im Gespräch mit der APA.

"Ich glaube, ich hätte es nicht besser machen können. Ich bereue nichts", sagte er mit Blick auf das vergangene Jahrzehnt. Gleichzeitig sei es nicht immer einfach gewesen. "Man muss immer mit Problemen umgehen können, wenn man Direktor einer Compagnie ist."

Legris war auch künstlerischer Leiter der Ballettakademie, gegen die im Frühjahr 2019 schwere Vorwürfe laut wurden. Eine Kommission stellte Ende des vergangenen Jahres "eine Gefährdung des Kinderwohls" fest. Das Ausmaß der Berichterstattung kann Legris bis heute nicht nachvollziehen. "Es ist schwierig für mich, darüber zu sprechen. Diese ganze Geschichte war verrückt. Es gab keinen Grund, so weit zu gehen." Er sage nicht, dass man nicht Dinge besser machen könnte, viele der Vorwürfe hätten auf ihn aber konstruiert gewirkt.

Die Ballettcompagnie in Mailand kennt Legris bereits. "Sie ist sehr gut", sagte er. Es sei ein guter Zeitpunkt, nun zu wechseln, auch weil er jetzt noch die Energie habe, eine neue Compagnie zu übernehmen. Welche Tänzer des Staatsballetts mit ihm nach Italien wechseln werden, wisse er noch nicht. Das Aufnahmeverfahren an der Scala musste wegen der Coronapandemie verschoben werden, nun finde es voraussichtlich im Herbst statt.

Neuer Direktor des Wiener Staatsballetts wird der Schweizer Martin Schläpfer. "Wir sind komplett verschieden", sagte Legris über seinen Nachfolger. Seine Vision für die Compagnie und für Wien sei eher eine klassische gewesen, Schläpfer sei ein moderner Choreograf. "Ich habe in meiner Direktionszeit versucht, eine Balance zu finden, und ich glaube, ich hatte mit meiner Vision Recht. Ich bin mir sicher, Martin Schläpfer hat ebenfalls Recht mit seiner Vision."

Als Legris von der Pariser Oper nach Wien wechselte, sorgte er für eine stärkere Hierarchie innerhalb der Compagnie. Schläpfer stellte im APA-Interview dagegen in Aussicht, eine "horizontalere Gesinnung" fördern zu wollen. "Ich sage nicht, dass es der einzige Weg ist, es so zu machen", sagte Legris. Aber es sei ein Ansporn für die Tänzer. Außerdem sei es seiner Meinung nach problematisch, für eine große Aufführung Tänzer aus dem Ausland zu holen. Er habe diese Chance den Tänzern der eigenen Compagnie gegeben.

Am kommenden Donnerstag präsentiert das Staatsballett seine letzte Aufführung unter Legris. Die Nurejew-Gala, die traditionell die Saison beschließt, wäre wegen der Coronakrise beinahe abgesagt worden. Stattdessen gelang es in den vergangenen Wochen, ein eigens dafür produziertes Programm auf die Beine zu stellen - trotz Rücksichtnahme auf die Abstandsregeln. "Ich denke, ich bin den Regeln bestmöglich gefolgt", sagte Legris. "Wenn es ein Pas de deux gibt, sind es Tänzer, die den Lockdown gemeinsam verbracht haben."

Einfach war die Vorbereitung nicht. Die Tänzer konnten schließlich wochenlang nur zuhause trainieren und mussten langsam zurückgeführt werden. "Manche haben ein bisschen an Gewicht zugelegt, das ist ganz normal", sagte Legris. "Sie müssen atmen können, sie brauchen Platz, sie müssen springen können", betonte er. Die Teilnahme an der Gala sei nicht verpflichtend gewesen. Der Großteil habe sich aber freiwillig gemeldet, freute sich Legris.

Getanzt werden Ausschnitte aus Ballettklassikern wie "Dornröschen", "Giselle" und "Don Quixote", zeitgenössischen Choreografien wie "Peter Pan", "Peer Gynt", "Movements to Stravinsky" und aus Legris' Kreationen für das Wiener Staatsballett "Le Corsaire" und "Sylvia". Die Aufzeichnung des rund einstündigen Programms findet Anfang kommender Woche statt. Im zweiten Teil der virtuellen Gala, die ab Donnerstag, 14 Uhr, für 24 Stunden online abrufbar sein wird, wird ein Zusammenschnitt der Höhepunkte der vergangenen Jahre gezeigt.

Quelle: Agenturen