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"Aufsteiger" von Peter Huth: Schlüsselroman über Medienszene

Heute, 04:00 · Lesedauer 4 min

Wenn sich zu Beginn eines Romans über "die" Medien ein Kommissar und ein Arzt in der Rechtsmedizin über eine Leiche beugen, ahnt man, dass es Journalisten in diesem Buch nicht leicht haben werden. So kommt es dann auch. Peter Huth, früher Chefredakteur der Berliner Springer-Blätter "B.Z." und "Welt am Sonntag" und heute Unternehmenssprecher und Chefberater von Verlagschef Mathias Döpfner, hat mit "Aufsteiger" einen Schlüsselroman über die Berliner Medienszene geschrieben.

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Journalist mit dem sprechenden Namen Felix Licht. Ein ewiges Talent, das nun endlich den Sprung nach ganz oben, auf den Chefredakteurs-Sessel des "Magazin" schaffen will. Das "Magazin" ist eine Mischung aus "Spiegel", "Bild" und "Focus", ein vom digitalen Wandel vor sich her getriebenes Leitmedium aus der Print-Ära.

Da ist das aus Ostdeutschland stammende Verlegerpaar Christian und Charlotte Berg, das das "Magazin" gekauft hat. Beide sind millionenschwere Laien in der Medienszene. Die Bergs sind unschwer erkennbar vom Verlegerpaar Silke und Holger Friedrich inspiriert, das mit seiner "Berliner Zeitung" die Medienbranche mit unorthodoxen Ansätzen aufmischt.

Und da ist Sentheim. Ein Anwalt, der einen rechtspopulistischen Blog betreibt. Ein Enttäuschter, aus einer renommierten Anwaltskanzlei geflogen, der jetzt andere Enttäuschte vertritt und sich seine Arbeit am Ende von einem Kugellagerfabrik-Besitzer aus der Provinz bezahlen lässt.

Da ist der gedankliche Weg zu Lautsprechern des Mediengeschäfts wie dem nach Querelen um seine Amtsführung gefeuerten Ex-"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt nicht weit, der jetzt mit dem Portal "Nius" auf sich aufmerksam macht. Autor Huth dürfte vor dem geistigen Auge auch Medienanwälte wie den häufig in sozialen Medien präsenten Joachim Steinhöfel gesehen haben.

Huths Chef hat keine Entsprechung im Buch

Sie alle treffen sich im Roman immer wieder zum Spesenessen und Gesehenwerden im "Berndstein" leicht als das Szenerestaurant "Borchardt" in Berlin-Mitte zu dechiffrieren. Restaurantchef Wien weist seinen Gästen allerdings nur dann einen Tisch zu, solange sie wichtig sind. Stockt die Karriere, heißt es: "leider ausgebucht".

In "Aufsteiger" fehlt beim näheren Hinlesen eigentlich nur einer, den man im Werk eines Springer-Sprechers hätte erwarten können: Huths Chef Mathias Döpfner hat keine Entsprechung im Buch. Dabei gäbe der 2,02-Meter-Mann an der Spitze von Deutschlands größtem Verlag eine prächtige Romanfigur ab.

In "Aufsteiger" treten dafür auf: bürgerliche Feministinnen, Klimakleber, Transpersonen - und manches Thema, das in den vergangenen Jahren für Aufsehen sorgte. Das wirkt gelegentlich angestaubt. Dieses ist laut Huth damit zu erklären, dass das Buch bereits vor zwei Jahren fertig, aber jetzt erst veröffentlicht wurde.

Huths Verlag wollte vor zwei Jahren erst seinen eingängigeren Roman "Der Honigmann" herausbringen, ein von einer wahren Berliner Geschichte angeregtes Buch über die Enttarnung eines verurteilten Pädophilen, der nach seiner Haftentlassung einen Laden im Berliner Speckgürtel eröffnet und die dortige Idylle sprengt.

Buch ist auch als Sittengemälde lesenswert

Auch in "Aufsteiger" wirft der 56 Jahre alte Autor eine Dynamitstange in das vermeintliche Leitmedien-Idyll. Zwar nerven die sozialen Medien und der Bedeutungsverlust, aber die Auflage ist immer noch hoch genug für spektakuläre Gehälter und das nötige Selbstbewusstsein. Einen Roman über sich "mittelalt fühlende weiße Männer", die nicht wüssten, dass sie längst "alte weiße Männer" seien, nennt Huth seinen Roman im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dann auch.

Weil er sich als Ex-Chefredakteur und Medienmanager in dieser Umgebung so gut auskennt, ist "Aufsteiger" für Nicht-Medienkenner in seiner Detailverliebtheit manchmal schwer nachzuvollziehen. Für sie ist das Buch weniger als Branchenporträt, sondern mehr als Sittengemälde lesenswert: über übertriebenen Ehrgeiz, Werteverlust, Selbstbezogenheit, zu viel Geld in Händen von Naiven.

Das dürften gewiss nicht alle heimlichen Vorbilder der Romanfiguren in "Aufsteiger" gut finden. Deshalb wird Huth auf Nachfrage auch nicht müde zu betonen, es handle sich um keinen Schlüsselroman, sondern um Fiktion. Ähnlichkeiten seien rein zufällig.

(S E R V I C E - Peter Huth: "Aufsteiger", Droemer, 332 Seiten, 22 Euro, erscheint am 1. September)

Zusammenfassung
  • Peter Huths Roman "Aufsteiger" zeichnet auf 332 Seiten ein Sittengemälde der Berliner Medienszene rund um den aufstiegswilligen Journalisten Felix Licht.
  • Neben gesellschaftlichen Themen wie Feminismus, Klimaprotesten und Transpersonen werden reale Vorbilder wie das Verlegerpaar Berg und ein rechtspopulistischer Blogger-Anwalt literarisch verarbeitet.
  • Das Buch, das am 1. September für 22 Euro erscheint, entstand bereits vor zwei Jahren und thematisiert Werteverlust, Ehrgeiz und Selbstbezogenheit in der Medienbranche.