APA - Austria Presse Agentur

Aberwitziger Bewusstseinsstrom in Mitterer-Uraufführung

02. Juni 2021 · Lesedauer 3 min

Das Stück "Wurlitzergassen 22 zwozl-zwozl" von Felix Mitterer hat am Dienstag beim Theaterfestival "Steudltenn" im Zillertal seine Uraufführung gefeiert. Um den assoziativen Bewusstseinsstrom-Text auf die Bühne zu bringen, wagte Regisseur Hakon Hirzenberger einen Kunstgriff und lud die Figur des Papageis Gogol mit neuen Bedeutungsebenen auf.

Der genaue Ort der Handlung des Stücks ist unklar. Doch man befindet sich entweder in einem Altersheim oder einem Krankenhaus. Jedenfalls nicht mehr in der Wurlitzergasse 22, die dem Stück seinen Namen gibt. Mirl, eine alte Frau, die im Rollstuhl sitzt und Gogol, ihr geschwätziger und vorlauter Papagei, fristen dort ein eher trostloses Dasein. Mirl erinnert sich an ihr Leben, redet sich oftmals in Rage, versucht ihre Vergangenheit und ihre Identität erzählend zu rekonstruieren, verläuft und irrt sich aber oft.

Ihr Papagei dient dabei als Korrektiv sowie als Antriebsfeder. Er weist sie zurecht, wenn sie Dinge durcheinanderbringt und schiebt Erinnerungen mit Textfragmenten und Zitaten zum Teil überhaupt erst an. Er singt zudem gerne mit Mirl, was im Bühnenstück zu berührenden Duett-Gesangseinlagen von Susanne Altschul, die wortgewaltig und mit ausdifferenzierter Mimik Mirl verkörpert und Juliana Haider, die als Gogol brilliert, führt.

Abgesehen von der emotionalen Tiefe des Stücks, das auf Kindheitserinnerungen von Mitterers Frau basiert, beeindruckt auch die Entscheidung von Hirzenberger, die Rolle des Papageis auf unerwartete und im Text nur implizit angedeutete Weise auszugestalten. Gogol ist bei ihm nicht nur Weggefährte, sondern auch Pfleger der alten Frau und gleicht, auch durch die Bewegungen von Haider angedeutet, mehr einem Roboter denn einem warmherzigen Begleiter in den letzten Tagen der stetig mehr vereinsamenden Mirl.

Zusammen mit der stimmungsvollen, sparsam aber hocheffizient eingesetzten Musik von Matthias Jakisic und dem auf wenigen Requisiten reduzierten Bühnenbild von Gerhard Kainzner erzeugt das knapp 80-minütige Zwei-Personen-Stück einen ungeheuren Sog. Als sich Mirl am Schluss auf den Weg macht, ihren einstigen Wohnort Wurlitzergasse 22, der längst dem Erdboden gleich gemacht wurde, aufzusuchen, hat der Abend seinen Höhepunkt und sein trauriges Ende erreicht. Man hätte Mirl noch stundenlang zuhören wollen.

Das Publikum quittierte den Theaterabend, der auf allen Ebenen vollends überzeugte, mit kräftigem Applaus und vereinzelten Bravo-Rufen. Diese galten sowohl den famosen Darstellerinnen als auch dem wagemutigen Regisseur und nicht zuletzt dem bei der Premiere anwesenden Felix Mitterer samt Ehegattin Agnes.

(S E R V I C E – "Wurlitzergassen 22 zwozl-zwozl" von Felix Mitterer. Regie: Hakon Hirzenberger, Bühne: Gerhard Kainzner, Musik: Matthias Jakisic, Kostüme: Andrea Bernd, Licht: Sabine Wiesbauer. Mit: Susanne Altschul (Mirl), Juliana Haider (Gogol). Nächste Vorstellungen am 2., 3., 9., 10., 11., und 12 Juni. https://www.steudltenn.com/)

Quelle: Agenturen