10 Jahre danach
Flüchtlingswelle 2015: Wer kam und wer blieb?
"Wir schaffen das", sagte Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2015. Hunderttausend Geflüchtete, die meisten flohen vorm syrischen Bürgerkrieg, kamen im Sommer und Herbst 2015 nach Europa.
Spätestens mit Ende August, als Deutschland verkündete, das Dublin-Verfahren - das eine Rückführung in das Ersteinreiseland innerhalb der EU vorsieht - für Syrer:innen auszusetzen, schlug die "Flüchtlingskrise", wie sie heute genannt wird, auch in Österreich durch. Zehn Jahre ist das nun her.
Die allermeisten reisten weiter
Mehr als 700.000 Geflüchtete kamen damals nach Österreich, die allermeisten reisten weiter. Laut Innenministerium wurden im Jahr 2015 etwa 88.340 Asylanträge gestellt. Zum Vergleich: 2013 waren es 17.503, im Jahr 2017 waren es 24.734 Anträge.
2015 war für Österreich aber gar nicht das Rekordjahr, was Anträge auf internationalen Schutz anbelangt. 2022 wurden nämlich 112.272 Anträge gestellt, die meisten davon von Afghan:innen. Im Vorjahr zogen sich die USA und ihre Verbündeten aus dem Land am Hindukusch zurück, die islamistischen Taliban übernahmen die Macht.
Dennoch wird das Jahr 2015 von vielen als Zäsur betrachtet. Aber wie viele Menschen kamen seither wirklich nach Österreich und wer sind sie?
In den vergangenen zehn Jahren haben zusammen 122.967 syrische Staatsbürger:innen und 95.018 afghanische Staatsbürger:innen in Österreich Asyl beantragt.
In den Jahren 2015 bis 2025 wurde in 195.000 Fällen eine Asylberechtigung oder subsidiärer Schutz erteilt. Sie sind also sogenannte Schutzberechtigte. 16.522 Mal wurde ein sogenanntes Bleiberecht, also ein humanitärer Aufenthaltstitel erteilt.
Schutz- oder Aufenthaltstitel
Subsidiärer Schutz
Subsidiären Schutz erhalten Personen, deren Asylantrag zwar mangels Verfolgung abgewiesen wurde, aber deren Leben oder Gesundheit in ihrem Herkunftsland bedroht wird. Sie haben einen befristeten Schutz vor Abschiebung.
Asylberechtigung
Den Status als Asylberechtige:r erhalten Personen, die laut Genfer Flüchtlingskonvention aus begründeter Furcht vor Verfolgung fliehen.
Aufenthaltstitel
Ein Aufenthaltstitel bekommen Drittstaatenangehörige, die sich länger als sechs Monate in Österreich aufhalten oder sich hier niederlassen wollen.
Bei den Anträgen stachen als Herkunftsstaaten über all die Jahre Syrien und Afghanistan heraus.
Vermehrt junge Männer
Es waren zudem vermehrt Männer, die in Österreich um einen Schutz- oder Aufenthaltstitel ansuchten. 237.445 der Anträge von 2015 bis 2025 stammten von Männern, 152.388 von Kindern. Nur 52.365 Anträge stammten von Frauen.
In dem Zeitraum kamen 41.253 Personen als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Österreich.
Österreich hat gemessen an der Bevölkerung die meisten Asylanträge in der EU angenommen. Nur Zypern liegt gleichauf. Allerdings: Von 2020 bis 2024 hat Österreich EU-weit laut Eurostat auch die meisten Asylverfahren wieder eingestellt (siehe Grafik), weil Antragssteller:innen zurück- oder weiterzogen.
Aus keinem Land der Europäischen Union sind im Zeitraum 2020 bis 2024 mehr Asylantragssteller:innen zurück- oder weitergezogen wie in Österreich.
Wie viele jener Geflüchteten, die 2015 nach Österreich kamen, nach wie vor im Land sind, kann nicht genau gesagt werden, heißt es von der Asylkoordination auf PULS 24 Anfrage.
60 Prozent der 2015 Geflüchteten haben noch Wohnsitz
Laut einer vom Integrationsfond in Auftrag gegebenen Studie hatten 2024 allerdings noch etwa 60 Prozent der 2015 nach Österreich geflüchteten Menschen hierzulande einen Wohnsitz.
In welchen österreichischen Gemeinden die meisten der Geflüchteten, die 2015 gekommen sind, leben, dazu gibt es dementsprechend ebenso wenig genaue Angaben.
Aufschluss geben können aber die Zahlen zur Sozialhilfe bzw. Mindestsicherung, die Flüchtlinge erst dann erhalten, wenn sie schon Schutzstatus erreicht haben. Demnach leben die meisten Schutzberechtigten, die Mindestsicherung beziehen, in Wien.
Entgegen der oft von Rechtsparteien verwendeten Argumente, wonach Geflüchtete nach Österreich kommen, um von Sozialstaat zu profitieren, zeigen die Zahlen: Der Anteil der Schutzberechtigten, die Mindestsicherung beziehen, liegt seit 2017 stabil zwischen 0,8 bis 0,9 Prozent der Gesamtbevölkerung, so die Asylkoordination.
Die Grafik zeigt, dass in Österreich derzeit die geringste Zahl an Asylwerber:innen in der Grundversorgung seit 2015 sind.
Seit 2015 ist derzeit auch die geringste Anzahl an Asylwerber:innen in der Grundversorgung (siehe Grafik). Von den 11.500 Asylwerber:innen in Grundversorgung leben etwa 2.900 in Wien, 2.200 in Oberösterreich und 1.300 in Tirol.
"Es braucht legale Fluchtrouten"
Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger spricht bei PULS 24 über die europäische Migrationspolitik.
Zusammenfassung
- Vor zehn Jahren sind mit einer großen Fluchtbewegung zehntausende Menschen nach Österreich gekommen.
- Wie viele blieben und wo wohnen sie?