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Weinen vor TV und Co wirkt anders als bei emotionalem Stress

Heute, 11:03 · Lesedauer 3 min

Wenn Erwachsene weinen, dann wird das oft damit erklärt, dass sie dadurch emotionale Erleichterung erfahren. Eine neue Studie von Forschenden der Karl Landsteiner Privatuniversität in Krems legt nahe, dass die Sache komplexer ist, als vielfach vermutet. Im Fachmagazin "Collabra: Psychology" liefern sie nun Hinweise, dass das Weinen als Reaktion auf emotionale mediale Inhalte noch am ehesten entspannen kann - es sich bei emotional belastenden Situationen aber anders verhält.

Wenn Babys weinen, hat das bekanntlich einen sehr einleuchtenden Grund: In der Regel zeigen sie damit an, dass etwas nicht stimmt. Warum aber auch erwachsene Menschen dieses Verhalten immer noch an den Tag legen, sei aber bisher erstaunlich wenig erforscht, schreiben Hannah Graf, Sophie Biebl und Stefan Stieger von der KL Krems in ihrer Publikation: "Emotionales Weinen - also Weinen als Reaktion auf positive oder negative Reize - ist ein einzigartig menschliches Verhalten und sehr verbreitet." Insgesamt werde oft angenommen, dass es dabei hilft, Spannung abzubauen und sich Menschen besser fühlen, heißt es in der Arbeit.

Einschlägige Studien dazu wurden bisher aber vor allem unter Laborbedingungen durchgeführt, oder man griff auf Schilderungen über Ereignisse zurück, die weiter in der Vergangenheit liegen. Dass sich dieses Verhalten alles in allem eher schwer untersuchen lässt, scheint einleuchtend - vor allem, wenn man wissen möchte, was Menschen relativ unmittelbar während oder kurz nach dem Weinen empfinden. Daher griffen die Wissenschafterinnen und der Wissenschafter auf eine Smartphone-basierte Methode zurück, wo die 106 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über vier Wochen Episoden ihrer emotionalen Ausbrüche dokumentierten und angaben, wie es ihnen 15, 30 und 60 Minuten danach erging.

"Mithilfe von Smartphones konnten wir Weinepisoden in Echtzeit erfassen und anschließend den emotionalen Status über die nächste Stunde hinweg verfolgen. Dadurch konnten wir Veränderungen nach dem Weinen deutlich präziser untersuchen als mit retrospektiven Berichten oder Laborstudien", wird Stieger am Mittwoch in einer Aussendung zitiert. Immerhin kam das Team so auf Daten zu 315 Ereignissen, bei denen die erwachsenen Studienteilnehmer Tränen vergossen.

Zentrale Rolle für Auslöser

Die Ergebnisse zeichnen ein eher unerwartetes Bild: So dominierten unmittelbar nach dem Weinen eher negative Gefühlszustände und Gefühle der starken Belastung. Je intensiver die Episode, umso negativer auch die Gefühlslage. Eine wichtige Rolle spielte demnach der Auslöser: War das Weinen mit dem Konsum von emotionalen medialen Inhalten verbunden, stellte sich im Schnitt eine weniger negative Gefühlslage ein, als wenn Einsamkeit oder Überforderung der Grund für den Ausbruch waren. Teils hallten die Emotionsverschiebungen noch eine Stunde nach dem Weinen an. Am nächsten Tag war davon aber nichts mehr in den Daten nachweisbar.

Insgesamt berichteten Frauen über häufigere "Weinepisoden". Außerdem weinten sie eher angesichts von Einsamkeit, während Männer eher aufgrund von Hilflosigkeit oder in Reaktion auf Medieninhalte zum Taschentuch griffen. "Insgesamt fanden sich keine überzeugenden Hinweise dafür, dass Weinen an sich dazu beitrug, dass sich Menschen besser fühlten als sonst", heißt es in der Arbeit.

All das weise darauf hin, "dass Weinen nicht als automatische Form emotionaler Erleichterung verstanden werden sollte. Seine emotionalen Auswirkungen scheinen stark vom jeweiligen Kontext abzuhängen", so Graf. Es dürfte sich also um einen etwas komplexeren emotionalen Prozess handeln, als dies oftmals vermutet wurde.

(S E R V I C E - https://dx.doi.org/10.1525/collabra.157541 )

Zusammenfassung
  • Eine Studie mit 106 Erwachsenen und 315 dokumentierten Weinepisoden zeigt, dass nach dem Weinen meist negative Gefühle vorherrschen, besonders wenn Einsamkeit oder Überforderung der Auslöser sind.
  • Wenn das Weinen durch emotionale Medieninhalte ausgelöst wurde, fiel die Gefühlslage der Betroffenen weniger negativ aus als bei anderen Gründen.
  • Die emotionale Belastung hielt teilweise bis zu einer Stunde an, am nächsten Tag waren jedoch keine Auswirkungen mehr messbar.