Vorarlbergs Gletscherfläche hat sich in 20 Jahren halbiert
Das Team um die Glaziologinnen Andrea Fischer und Lea Hartl vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der ÖAW analysierte Gletscherumrisse in Österreichs westlichstem Bundesland seit der Gletscherinventur "GI3", die hier den Gletscherstand von 2004 bis 2006 erfasste. Die Forschenden untersuchten die Entwicklung in den vier alpinen Vorarlberger Regionen - der Silvretta, dem Rätikon, Verwall und Lechtal - anhand von Luftbildern mit einer Auflösung von zehn bis 20 Zentimetern sowie digitalen Höhenmodellen aus den Jahren 2017 und 2023, die vom Land zur Verfügung gestellt wurden.
Im Verwall seien die westlichsten Gletscher - der Mittlere, Westliche und Östliche Eisentaler Gletscher - nicht mehr vorhanden. Man fand hier auch keine Hinweise auf verbliebenes Eis in den ausgewerteten Orthophotos von 2023. Das Gleiche gilt für den kleinsten der sechs Lechtaler Gletscher und den westlichsten Eiskörper der Silvretta, den Garnera-Gletscher. Zudem hatten acht Gletscher mehr als die Hälfte ihrer Fläche aus dem Jahr 2017 eingebüßt, heißt es in der Studie.
Für das Jahr 2023 kartierten die Forschenden in den vier Regionen 55 "einzelne Fragmente", also Mini-Gletscher oder vom Hauptgletscher abgetrennte Teile, von denen 29 größer als 0,01 Quadratkilometer waren. 16 Fragmente, die 13 Gletschern zugeordnet werden konnten, zeigten Spalten. "Diese sind ein Zeichen für aktuelle oder frühere Gletscherbewegung", so Hartl zu APA. Das spiele besonders im Zusammenhang mit der Definition von Gletschern eine Rolle: "Fragmente, die noch Spalten haben, weisen somit Anzeichen für Bewegung auf und erfüllen damit ein Kriterium der Definition eines Gletschers", so die Forscherin. So ließen sich Gletscher etwa von dem - sich nicht mehr bewegenden - Toteis abgrenzen.
Seit der Gletscherinventur Mitte der 2000er-Jahre haben sich die Flächenverlustraten in allen vier Teilregionen beschleunigt, wobei es auch zwischen den Regionen Unterschiede gibt, halten die Autoren fest. Schon der jüngst vom Alpenverein präsentierte Gletscherbericht kam zu einem alarmierenden Ergebnis. Die dramatischen Flächenverluste, besonders in extremen Jahren, lassen vermuten: Man werde sich in den nächsten zehn bis 20 Jahren "von zahlreichen Gletschern in ganz Österreich verabschieden müssen", so auch Hartl. Das Schmelzen ginge rasch vonstatten, in extremen Jahren erreichen die jährlichen Flächenverluste den hohen einstelligen Prozentbereich.
Gletscherzählung wird schwieriger
Die Gletscherzählung wird künftig immer schwieriger. Wenn eine Verbindung zwischen einem Seitenarm und dem Hauptgletscher abreiße, "entsteht ja kein neuer Gletscher", gibt Hartl zu bedenken. Zudem seien kleine Eis-Reste oft von Schutt bedeckt und selbst in hochauflösenden Daten schwer zu erkennen. Viele der verbliebenen Gletscherfragmente seien - je nach Definition - keine Gletscher mehr, sondern eben Toteis, da die Fließbewegung und ein firnbedecktes Nährgebiet fehlen.
"Neben hochaufgelösten Luftbildern und Höhenmodellen, die Veränderung der Oberflächenhöhe zeigen, können auch thermische Daten und Informationen zur Oberflächenbewegung das Erkennen von schuttbedecktem Eis unterstützen", sagte die Forscherin: "Also alles, was Hinweise darauf gibt, was unter dem Schutt passiert." Um die sehr schnellen Veränderungen gut erfassen zu können, sei es wichtig, dass vor allem Luftbilder und Höhenmodelle entsprechend häufig erhoben werden. "Jährliche Befliegungen am Ende des Sommers wären ideal." Erhebungen vor Ort wie z.B. geophysikalische Untersuchungen und Vermessung könnten die Analyse auch unterstützen, seien aber vergleichsweise aufwendig.
(S E R V I C E - Online-Studie: https://go.apa.at/MR7D7Lyl )
Zusammenfassung
- Seit Mitte der 2000er Jahre hat sich die Gletscherfläche in Vorarlberg etwa halbiert, wobei zwischen 2017 und 2023 ein durchschnittlicher jährlicher Rückgang von fünf Prozent verzeichnet wurde.
- Von den ursprünglich 30 Gletschern sind seit 2017 fünf komplett verschwunden, und acht weitere haben mehr als die Hälfte ihrer Fläche eingebüßt.
- 2023 wurden 55 einzelne Gletscherfragmente erfasst, von denen 29 größer als 0,01 Quadratkilometer waren und 16 Spalten zeigten, was auf aktuelle oder frühere Gletscherbewegung hindeutet.
