Vierte Welle dank Delta wahrscheinlich

08. Juli 2021 · Lesedauer 4 min

Die Ampel-Kommission erwartet "mit hoher Wahrscheinlichkeit" eine vierte Corona-Welle. Offen bleibe der Zeitpunkt des Eintreffens und das Ausmaß. Wie schnell jetzt weitergeimpft werde, sei nun ausschlaggebend. Eine Corona-Taskforce zum Thema tagte am Freitag.

Die schlechte Nachricht: Eine vierte Welle an Corona-Infektionen wird es dank der Delta-Variante "mit hoher Wahrscheinlichkeit" geben. Unklar ist allerdings der Zeitpunkt dieser Welle und ihr Ausmaß. Das Covid-Prognosekonsortium erstellte für das Gesundheitsministerium einen Policy Brief zur Risikobewertung der Delta-Variante, das zu diesem Schluss kam. 
Die Maximierung der Durchimpfungsrate (Vollimmunisierung) müsse nun "oberste Priorität" haben.

Corona-Taskforce zur Prävention

Am Freitag trat Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) nach einer Arbeitssitzung der Corona-Taskforce vor die Presse und richtete einen Appell an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen. "Die Sache ist ganz eindeutig: das Virus wird nicht verschwinden, es wird bleiben. Und nur wer geimpft ist, ist geschützt", eröffnete Kurz seine Rede am Freitag. Es gehe hier nicht um "eine Phase von Wochen oder Monaten". "Nein, das Virus wird über Jahre bleiben".

Ungeachtet der leicht steigenden Corona-Fallzahlen will die Regierung dennoch an ihrem Weg der sukzessiven Lockerungen festhalten. Kurz kündigte an, dass die Maskenpflicht im Handel am 22. Juli fallen wird. Ab dann wird nur mehr an Orten des täglichen Bedarfs eine Maskenpflicht gelten. Die 3G-Regel gilt weiterhin.

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) sagt, dass die Delta-Variante in Österreich mittlerweile vorherrschend ist. Die Zahlen würden aber "auf sehr niedrigem Niveau" steigen. Die Entwicklung zeige, dass das derzeitige Regelwerk funktioniere. Mückstein versprach, dass im heurigen Herbst das Corona-Management anders aussehen wird. "Das garantiere ich", sagte der Gesundheitsminister.

Anfang Juli 60 Prozent Delta-Fälle in Österreich

Das Konsortium betonte, dass sich aus Daten (vor allem aus Großbritannien) festhalten lasse, dass "die Delta-Variante deutlich übertragbarer als die bislang dominante Alpha-Variante (B.1.1.7) ist. Erste Schätzungen gehen von einer um etwa 50 Prozent höheren Übertragbarkeit im Vergleich zur bisher dominanten Alpha-Variante aus. 

Lukas Weseslindtner, Virologe an der MedUni Wien, spricht mit PULS 24 über die Ausbreitung der Delta-Variante in Österreich.

Daten würden laut Konsortium auch nahelegen, dass die Delta-Variante auch in Österreich das Fallgeschehen bereits dominiert. In der Kalenderwoche 25 belief sich der Anteil der Delta Variante am Infektionsgeschehen bereits auf etwa 50 Prozent, der darauffolgenden, Ende Juni, Anfang Juli auf über 60 Prozent. Die Experten rechnen bereits im Juli mit "ähnlichen Prävalenzen" wie im Vereinigten Königreich. Allerdings: "Eine genauere Schätzung der Ausbreitungsgeschwindigkeit der Delta-Variante ist aufgrund des derzeit niedrigen Fallgeschehens mit großer Unsicherheit behaftet", betonte das Konsortium.

"Trotz der aktuell niedrigen Inzidenz ist eine rasche Zunahme der Delta-Variante mit Austausch der gegenwärtig dominierenden Alpha-Variante (...) in Österreich anzunehmen. Ein systemkritischer Belag in den Krankenanstalten ist im Sommer 2021 jedoch unwahrscheinlich", vermutet das Konsortium. Mittelfristig sei allerdings abzuwarten, ob abschwächende oder verbreitungstreibende Faktoren überwiegen.

Alle Impfbaren könnten bis Oktober ersten Stich haben

Statistiker Erich Neuwirth rechnet im PULS 24 Interview vor, wie schnell die Durchimpfung voranschreiten könnte. 

80 Prozent Durchimpfung: Welle bis Ende September unwahrscheinlich

Das Best Case-Szenario des Konsortiums geht von einer Vollimmunisierungsrate von 80 Prozent aus, die bei etwa 80 Prozent des Impftempos aus dem Juni 2021 erreicht würde. Hier "ist eine systemgefährdende Epidemiewelle bis Ende September sehr unwahrscheinlich", hieß es. Wird das Tempo beibehalten, aber nur eine Vollimmunisierungsrate von 60 Prozent erreicht, wäre eine systemkritische Auslastung der Intensivstationen weiter sehr unwahrscheinlich.

Der Schlüssel liegt offenbar beim Impftempo. Bei 60 Prozent Vollimmunisierung und 60 Prozent des Impftempos von Juni 2021 könnte auch eine systemkritische Auslastung der Intensivstationen mit sich bringen. Dieses Szenario halten die Experten allerdings für unwahrscheinlich.

Das Konsortium betonte: "Bei einer Durchimpfungsrate (Vollimmunisierung) von 70 Prozent ist der hypothetische Schwellwert der Herdenimmunität für die Delta-Variante noch nicht erreicht, insbesondere in der kälteren Jahreszeit." Selbst bei einer Durchimpfungsrate von 70 Prozent (Vollimmunisierung) oder höher sei "davon auszugehen, dass es in Bevölkerungsgruppen mit geringer Durchimpfung zu größeren Clustern oder zur unkontrollierten Übertragung in diesen Bevölkerungsgruppen kommen kann". 

Experten empfehlen mehr PCR-Tests

Außerdem empfahlen die Experten, "Maßnahmen, welche nur geringe Einschränkungen für die Bevölkerung bedeuten, jedoch zur Dämpfung des Anstiegs der Fallzahlen beitragen", beizubehalten. "Dies gilt insbesondere für die Aufrechterhaltung eines niederschwelligen und breitflächigen Testangebots vornehmlich mit PCR-Testverfahren."

Quelle: Agenturen / lam