Verbrechensopfern droht "quartäre Viktimisierung"
Für die Opfer eines Verbrechens ende die Viktimisierung meistens nicht mit der Straftat, betonte Sautner. Nach Fehlreaktionen im sozialen Umfeld oder seitens von Behörden - die sogenannte sekundäre Viktimisierung - und eine Verfestigung der Opferidentität, die zu einem veränderten Selbstbild führt, können Medien demnach eine weitere Viktimisierung bewirken. Bei Opfern, aber auch ihren Angehörigen würden mitunter "neue Wunden aufgerissen. Und alte, bestehende Wunden können nicht heilen", sagte Sautner.
Verbrechensopfer hätten jedoch "ein Recht auf Würde, Schutz und Selbstbestimmung". Ihre Interessen hätten Vorrang vor einer von Sensationslust und Emotionalisierung getriebenen medialen Berichterstattung, die auf Kosten der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen geht. Ansonsten drohe diesen "eine Perpetuierung der Opfereigenschaft", meinte Sautner.
Detaillierte Berichte über Aufsehen erregende Straftaten würden bei Betroffenen "Angst, Scham, Ohnmacht und das Gefühl, über sein Leben die Kontrolle verloren zu haben" bewirken. Insofern hätten oft auch gut gemeinte Medienberichte über Gedenktage oder wirkungsmächtige True-Crime-Formate ihre Schattenseiten, da diese Sendungen oder Podcasts von Personalisierung und Emotionalisierung leben, gab Sautner zu bedenken.
Karner sieht gesamte Gesellschaft in Pflicht
"Es ist die Verantwortung der gesamten Gesellschaft, wie sie mit Opfern umgeht", betonte Innenminister Karner. In diesem Sinn hätten die Polizei- und Sicherheitsbehörden ihre Informationsverpflichtung professionalisiert. Die Pressestellen seien stets verfügbar, es würden "nur zu hundert Prozent gesicherte Informationen weitergegeben". In spektakulären Fällen wie etwa beim Grazer Amoklauf hätten sich jedoch Fotos und Videos über soziale Netzwerke verbreitet, die nicht publik hätten werden dürfen. Dieses Material sei "von manchen Medien bewusst an die Öffentlichkeit gezerrt worden", sagte Karner.
Vizekanzler und Medienminister Andreas Babler (SPÖ) bekräftigte in diesem Zusammenhang in einer Video-Botschaft seine Absicht, die Medienförderung zukünftig an "klare Qualitätskontrollen zu koppeln. So stärken wir den Opferschutz". Es sei unzulässig, wenn die Privatsphäre von Verbrechensopfern "zur Ware" wird und mit persönlichen Schicksalsschlägen Auflage generiert wird, stellte Babler klar.
Sporrer gegen Victim Blaming
"Journalistische Sorgfalt geht vor Clickbaiting", mahnte Sozialministerin Schumann. "Klicks zählen mehr als Vernunft und Mitgefühl", hatte zuvor Justizministerin Sporrer bedauert. Sporrer kam konkret auf Schlagzeilen über jüngste Femizide zu sprechen, in denen von einem "Sex-Unfall" oder einem "tödlichen Ausraster" die Rede war. "Ein verstörendes Bild", befand Sporrer, "da wird ein Narrativ erzeugt, das aus Tätern tragische Helden macht und aus Opfern Mittäterinnen." Dieses Victim Blaming sei absolut unangemessen, die Justiz werde die Opferrechte "konsequent stärken".
Sporrer versprach in diesem Zusammenhang "besseren Identitätsschutz, keine Viktimisierung und Verfahren, die Opfer nicht zusätzlich belasten". Schon jetzt sei mit der juristischen und psychosozialen Prozessbegleitung garantiert, "dass Opfer in Ermittlungsverfahren die nötige Unterstützung erhalten und im Prozess nicht auf sich alleine gestellt sind", hielt die Ministerin fest.
Über Fälle aus seiner Praxis, bei denen sich Medien nicht ausgezeichnet hätten, berichtete Markus Lamb, der Sprecher der Landespolizeidirektion Steiermark. So habe der Vater einer von ihrem Ex-Partner getöteten Frau vom Ableben seiner Tochter aus den Medien erfahren und nicht - wie es üblich ist - von der Polizei, die bei derartigen Verbrechen stets die Angehörigen in Begleitung eines Kriseninterventionsteams aufsucht und informiert. Erst danach werden die Medien unterrichtet. "Das beschädigt das Vertrauen in den Rechtsstaat und seine Institutionen und führt zu subjektiver Unsicherheit", sagte Lamb.
Tempo allein sei kein Merkmal für Qualität im Journalismus. Oft werde der Geschwindigkeit, mit der Neuigkeiten Verbreitung finden, eine zu große Bedeutung beigemessen: "Soziale Medien und Pseudo-Medien begünstigen diese Entwicklung."
Polizeisprecher Lamb: "Verantwortungsvolle Berichterstattung schützt Leben"
Beim Grazer Amoklauf hätten wiederum einige Medien aus dem Terror-Anschlag vom 2. November 2020 in Wien nichts gelernt, konstatierte der Polizeisprecher. Bildmaterial aus und vor der Schule, das in sozialen Medien kursierte, sei teilweise übernommen worden. Zum anderen hätte man "viele Zivilstreifen an Örtlichkeiten von Opfern und Angehörigen abgestellt, weil die uns angefleht haben, vor den Medien geschützt zu werden".
Bei sogenannten School Shootings den medialen Fokus auf den Täter zu richten - der Schütze in Graz wurde, wenn auch mit abgekürztem Familiennamen, genannt und Fotos des jungen Mannes verbreitet -, könne zu Nachahmungstätern führen, gab Lamb zu bedenken. Das wisse man seit dem Massaker an der Columbine High School in den USA. Dagegen das Augenmerk auf den Opferschutz zu legen, sei "keine Einschränkung, sondern ein professionelles Leistungsverständnis. Eine verantwortungsvolle Berichterstattung schützt Leben", meinte der Polizeisprecher abschließend.
Zusammenfassung
- Beim Symposium zum Tag der Kriminalitätsopfer im Innenministerium warnten Expert:innen wie Strafrechtsprofessorin Lyane Sautner vor einer 'quartären Viktimisierung' durch mediale Berichterstattung.
- Opfer und Angehörige leiden laut Sautner unter detaillierten Medienberichten, die Angst, Scham und Kontrollverlust auslösen und alte Wunden nicht heilen lassen.
- Innenminister Gerhard Karner betonte die Verantwortung der Gesellschaft und kritisierte, dass bei Fällen wie dem Grazer Amoklauf sensible Inhalte über soziale Netzwerke und Medien verbreitet wurden.
- Vizekanzler Andreas Babler kündigte an, die Medienförderung künftig an Qualitätskontrollen zu koppeln, um den Opferschutz zu stärken.
- Justizministerin Anna Sporrer und Sozialministerin Korinna Schumann forderten mehr Sorgfalt in der Berichterstattung und besseren Identitätsschutz, um Victim Blaming und zusätzliche Belastungen für Opfer zu verhindern.
