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UNO-Bericht: "Zeitalter globalen Wasserbankrotts" beginnt

20. Jan. 2026 · Lesedauer 5 min

Die Welt tritt einem UNO-Bericht zufolge in ein "Zeitalter des globalen Wasserbankrotts" ein. Begriffe wie "Wasserknappheit" oder "Wasserkrise" spiegelten die Realität an vielen Orten nicht mehr wider, weil sie zeitweilige und potenziell reversible Zustände suggerierten, hieß es von der Universität der Vereinten Nationen in Kanada. Kennzeichnend seien inzwischen aber unumkehrbare Verluste bei Süßwasserreserven.

"Dieser Bericht vermittelt eine unbequeme Wahrheit: Viele Regionen leben über ihre hydrologischen Verhältnisse, und viele wichtige Wassersysteme sind bereits bankrott", sagte Hauptautor Kaveh Madani, Direktor des Instituts für Wasser, Umwelt und Gesundheit der Universität. Viele Gesellschaften haben dem Bericht zufolge nicht nur ihr jährliches Kontingent an erneuerbarem Wasser aus Flüssen, Böden und Schneedecken überschritten, sondern auch ihre langfristigen Reserven in Grundwasserleitern, Gletschern, Feuchtgebieten und anderen natürlichen Reservoirs aufgebraucht.

Weltweit habe inzwischen eine kritische Menge von Wassersystemen irreversible Schwellenwerte überschritten, erklärte Madani. "Diese Systeme sind durch Handel, Migration, Klimarückkopplungen und geopolitische Abhängigkeiten miteinander verbunden, sodass sich die globale Risikolandschaft nun grundlegend verändert hat."

Die Landwirtschaft zum Beispiel sei für den größten Teil des Süßwasserverbrauchs verantwortlich - und die globalen Ernährungssysteme seien durch Handel und Preise eng miteinander verbunden, so Madani. "Wenn Wasserknappheit die Landwirtschaft in einer Region untergräbt, wirken sich die Auswirkungen auf die globalen Märkte, die politische Stabilität und die Ernährungssicherheit in anderen Regionen aus."

Weitere genannte Punkte:

Zwei Milliarden Menschen leben auf absinkendem Boden, in einigen Städten liegt der jährliche Rückgang bei etwa 25 Zentimetern.

Vier Milliarden Menschen sind mindestens einen Monat pro Jahr schwerer Wasserknappheit ausgesetzt.

Drei Milliarden Menschen leben in Gebieten, in denen die gesamten Wasservorräte zurückgehen oder instabil sind.

1,8 Milliarden Menschen lebten 2022 bis 2023 unter Dürrebedingungen.

Millionen Landwirte versuchten, Nahrungsmittel auf Basis schrumpfender, verschmutzter oder verschwindender Wasserquellen zu produzieren, sagte Madani. "Ohne einen raschen Übergang zu wassersparender Landwirtschaft wird sich die Wasserbankrott-Rate rapide ausweiten."

Nutzbare Anteile schrumpfen

Im Bericht geht es um die verfügbare und nutzbare Menge an Süßwasser auf dem Planeten. Vielfach überstiegen die Entnahmen die Neubildung. Und selbst dort, wo die Wassermengen stabil scheinen, schrumpfe der tatsächlich nutzbare Anteil. Zu den Ursachen zählten Grundwasserverschmutzung, Übernutzung von Ressourcen, Degradation von Land und Böden, Entwaldung und Umweltverschmutzung, noch verschärft durch die globale Erwärmung.

Einige genannte Trends:

Mehr als die Hälfte der großen Seen weltweit hat seit Anfang der 1990er-Jahre Wasser verloren, 25 Prozent der Menschheit sind direkt von diesen Seen abhängig.

Rund 50 Prozent des häuslichen Wasserverbrauchs weltweit stammen inzwischen aus Grundwasser.

40 Prozent des Bewässerungswassers wird aus Grundwasserleitern entnommen, die stetig austrocknen.

Etwa 70 Prozent der großen Grundwasserleiter zeigen langfristige Rückgänge.

410 Millionen Hektar natürlicher Feuchtgebiete sind in den vergangenen fünf Jahrzehnten verschwunden, was fast der Fläche der EU entspricht.

Die Welt hat seit 1970 mehr als 30 Prozent ihrer Gletschermasse verloren.

Dutzende große Flüsse fließen heute während eines Teils des Jahres nicht mehr bis zum Meer.

100 Millionen Hektar Anbauflächen sind durch Versalzung zerstört.

Rund drei Viertel der Menschheit betroffen

Rund drei Viertel der Menschheit leben dem Bericht zufolge in Ländern, die als wasserunsicher oder kritisch wasserunsicher gelten. Zu den besonders betroffenen Regionen gehören demnach der Nahe Osten und Nordafrika, Teile Südasiens und der Südwesten der USA. Die UN-Experten betonen aber auch: "Wasserinsolvenz ist keine Reihe isolierter lokaler Krisen, sondern ein gemeinsames globales Risiko." Auch Europa ist wie andere Regionen, die selbst genügend verfügbares Wasser haben, über Handelsströme, Preise und Lieferketten vom Bankrott betroffen.

"Eine Insolvenz zu erklären bedeutet nicht, aufzugeben – es bedeutet, neu anzufangen", betonte Madani. Indem der globale Wasserbankrott anerkannt werde, könnten endlich schwierige Entscheidungen getroffen werden. "Je länger wir zögern, desto größer wird das Defizit." Nötig ist demnach eine neue, von Ehrlichkeit, Mut und politischem Willen geprägte Reaktion: Insolvenzmanagement statt Krisenmanagement. "Wir können verschwundene Gletscher nicht wiederherstellen oder stark verdichtete Grundwasserleiter wieder auffüllen, so Madani. "Aber wir können den weiteren Verlust unseres verbleibenden Naturkapitals verhindern und Institutionen neu gestalten, um innerhalb neuer Wassergrenzen zu leben."

Wasserintensive Sektoren umgestalten

Die derzeit auf Trinkwasser, Sanitärversorgung und schrittweise Effizienzsteigerungen konzentrierte Wasseragenda sei vielerorts nicht mehr zweckmäßig, hieß es von der UNO-Universität. Priorität müsse für Regierungen haben, weitere irreversible Schäden wie den Verlust von Feuchtgebieten, Grundwasserverarmung und Verschmutzung zu verhindern. Wasserintensive Sektoren wie die Landwirtschaft müssten durch Umstellung des Anbaus und der Bewässerung umgestaltet werden.

Die Experten betonen zudem, dass der Wasserbankrott nicht nur ein hydrologisches Problem ist, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit mit tiefgreifenden sozialen und politischen Auswirkungen. Die Lasten fielen unverhältnismäßig stark auf Kleinbauern, indigene Völker, einkommensschwache Stadtbewohner, Frauen und Jugendliche, während die Vorteile der Übernutzung oft mächtigen Akteuren zugutekämen. Der Report erscheint im Vorfeld einer UNO-Wasserkonferenz in den Vereinten Arabischen Emiraten Ende des Jahres. Die Autoren hoffen auf einen dort verhandelten Neustart der globalen Wasserpolitik.

Dieser Report sei ein weiterer Weckruf, den nötigen Paradigmenwechsel in der Wasserwirtschaft zu forcieren, sagte Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). So ernst die Lage sei: Es gebe ein weites Spektrum an nachhaltigen Lösungsoptionen, das es nur zu fördern und umzusetzen gelte. Rike Becker vom Imperial College London betonte: "Wichtig ist: Der Bericht sollte nicht demotivieren und das Scheitern in den Vordergrund stellen, sondern uns wachrütteln und zu Aktion aufrufen, auf globaler, nationaler und lokaler Ebene."

(S E R V I C E - United Nations University Institute for Water, Environment and Health: https://dpaq.de/UALQPWJ, UNO-Bericht: https://dpaq.de/hoQusjR)

Zusammenfassung
  • Laut UNO-Bericht beginnt ein 'Zeitalter des globalen Wasserbankrotts', da viele Wassersysteme weltweit irreversible Verluste erlitten haben.
  • Vier Milliarden Menschen sind mindestens einen Monat pro Jahr schwerer Wasserknappheit ausgesetzt, und drei Milliarden leben in Gebieten mit rückläufigen oder instabilen Wasservorräten.
  • Mehr als die Hälfte der großen Seen hat seit den 1990er-Jahren Wasser verloren, und rund 70 Prozent der großen Grundwasserleiter zeigen langfristige Rückgänge.
  • Die Landwirtschaft verbraucht den größten Teil des Süßwassers und beeinflusst damit globale Märkte, Ernährungssicherheit und politische Stabilität.
  • Der Bericht fordert einen Paradigmenwechsel in der Wasserwirtschaft und betont die Notwendigkeit eines ehrlichen Insolvenzmanagements, um weitere Verluste zu verhindern.