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Tod von Escort-Dame: "Bevorzuge Hotels, da werden Hilferufe eher gehört"

27. Sept. 2022 · Lesedauer 4 min

In Oberösterreich wurde am Samstag eine Escort-Frau via Internet in das Haus eines Kunden bestellt - dort soll sie zu Tode geprügelt worden sein. Der Fall sorgt auch bei Sexarbeiterinnen für Aufsehen. PULS 24 hat nachgefragt, wie sie sich schützen und welche Maßnahmen nötig sind.

Dass Agenturen ihre Escort-Damen scheinbar ohne jegliche Überprüfung der Mentalität des Kunden zu diesem nach Hause schicken, schockiert Julia von Steyr, Sexarbeiterin und Studentin aus Wien. Sie fordert alle Sexarbeitenden und Vermittlungsdienstleister dazu auf, Erstgespräche mit Neukundschaft abzuhalten.

Scheinbar sei beim Fall in Oberösterreich nicht einmal die Agentur draufgekommen, dass die Frau nicht sicher zurückgekommen sei - sondern Freundinnen, sagt Julia. Sie sieht das als "grobe Vernachlässigung" von Seiten der Agentur. Diese habe sicherzustellen, dass die Escort-Damen nach Terminen wieder sicher nach Hause gebracht werden.

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"Emotionale Gewalt ist aufgrund der massiven gesellschaftlichen Verachtung und der damit verbundenen täglichen Diskriminierung ein sehr großes Thema in unserem Beruf", sagt sie im Gespräch mit PULS 24. Physische Gewalt habe sie selbst aber bisher nie erfahren, betont sie. Auch die Kolleginnen, mit denen sie sich im Rahmen der Berufsvertretung Sexarbeit Österreich (BSÖ) regelmäßig austauscht, nicht.

Als Sexarbeiterin müsse sie aber "monatelang" nach Steuerberater:innen oder Juristen:innen suchen, da sie wegen ihres Berufes häufig abgelehnt werde, schildert sie. "Selbst meine Studienkolleginnen schauen mich nicht mehr an". Eltern würden oft den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen, Sexarbeiterinnen von ihren Familien "verstoßen" werden. Der mutmaßliche Mord in Oberösterreich sei ein "Auswuchs vieler struktureller Probleme rund um die Sexarbeit", ist Julia überzeugt. Vor allem im Niedriglohnsektor sei die "Verachtung" gegenüber den Prostituierten noch schlimmer, weshalb sie sich klar gegen Dumpingpreise ausspricht.

Ein weiteres Problem sieht sie bei den Agenturen. Diese seien zwar praktisch für Frauen, die nicht oder schlecht Deutsch sprechen, vollkommene Selbstständigkeit sei aber sicherer, da man dadurch die Möglichkeit bekomme, sich mit allen Kundinnen und Kunden persönlich auszutauschen. Sie selbst mache etwa kaum Hausbesuche und führe vor Treffen mit Kunden Erstgespräche durch. 

Welche Vorkehrungen sind nötig?

Generell treffen viele Sexarbeiterinnen Sicherheitsvorkehrungen, wenn sie Kunden treffen. Julia etwa berichtet von Vertrauenspersonen, die immer wissen, wo sie sei. Sollte sie gezwungen werden, Textnachrichten zu senden, in denen sie etwa mitteilt, dass sie später heimkomme, habe sie Codewörter, die sie als Warnung in solche Nachrichten einbauen könne. 

Auch Jasmin, die als Sexarbeiterin in einer deutschen Großstadt tätig ist und auf Twitter regelmäßig über ihre Arbeit berichtet, schildert gegenüber PULS 24 ihre zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen. Sie könne nicht von allen berichten, "weil manche Dinge nur funktionieren, wenn sie nicht bekannt sind", sagt sie. Sie verwende aber etwa Google Tracking oder AirTags, damit jemand anderes wisse, wo sie ist. An Vertrauenspersonen schickt sie regelmäßig Nachrichten mit einem vereinbarten Text. Sie merkt aber an: "Das kann man natürlich alles vergessen, wenn man sich auf die Polizei verlässt und diese untätig bleibt".

Vor Ort achte sie außerdem darauf, dass Türen nicht verschlossen werden und ihr Handy in Griffweite liege. Sie bevorzuge Hotels, weil da Hilferufe eher gehört werden und kenne "ein paar Selbstverteidigungshandgriffe", wie sie sagt. Ob man Wohnungsbesuche ablehnen könne, sei aber "letztlich ein Kompromiss, wie viel Risiko man einzugehen bereit ist. Man will ja am Ende des Monats auch noch die Miete zahlen können und was essen", gibt sie zu.

Forderungen an die Gesetzgeber

Verbote von Prostitution und die Verbannung aus der Öffentlichkeit lehnen die Sexarbeiterinnen ab. Das würde zu noch mehr Unsicherheit führen. "Eine Welt, in der Sexarbeit ein akzeptierter Beruf ist, bei dem nicht erstmal getuschelt wird, wäre die beste Sicherheitsmaßnahme von allen, aber bis dahin ist es leider noch ein immens weiter Weg", sagt Jasmin.

Julia fordert, dass es in Österreich endlich einheitliche gesetzliche Regelungen geben sollte. In Österreich sind etwa Haus- und Hotelbesuche nur in Wien, Niederösterreich, im Burgenland, in Oberösterreich und in der Steiermark legal. In Vorarlberg ist Prostitution de facto gar nicht legal, kritisiert Julia. Sie wäre nur in Bordellen erlaubt, diese werden aber nicht genehmigt. Sexarbeit finde aber dennoch überall in allen Formen statt. Sie werde durch die Gesetze nur in die schlecht kontrollierbare Illegalität gedrängt, so die Kritik. Das gelte auch für die Verdrängung des sogenannten Straßenstrichs an den Stadtrand.

Sie fordert österreichweit einheitliche und transparente Prostitutionsgesetze, die auch Wohnungsprostitution entkriminalisieren sollten. Sexarbeiterinnen könnten dann gemeinsam mit Kolleginnen Arbeitswohnungen mieten, wo sie sich gegenseitig unterstützen und geschützter arbeiten könnten.

Konstantin AuerQuelle: Redaktion / koa