Seifert aus Lemberg: "Versorgungslage gut, wenn man das Geld hat"

28. März 2022 · Lesedauer 2 min

Einerseits Kultur, Restaurants und Straßenmusik, andererseits Not von Kriegsvertriebenen - Thomas Seifert, stellv. Chefredakteur der "Wiener Zeitung" schildert seine EIndrücke aus der westukrainischen Metropole Lemberg.

Lemberg (Lwiw) ist die größte Stadt im Westen der Ukraine. Bis vor kurzem blieb sie vom russischen Angriffskrieg nahezu unberührt. Auch deshalb wurde sie zu "einer Art Refugium für Vertriebene" aus anderen Landsteilen, schildert der stellvertretende Chefredaktuer der "Wiener Zeitung" Thomas Seifert im PULS 24 Interview.

Er ist vor Ort in Lemberg und berichtet: "Es ist sehr ungewöhnlich hier in der Stadt: Das Wetter ist schön, (...) es sind viele Leute auf den Straßen, die Restaurants sind voll." Gleichzeitig wurden etwa Theater zu Flüchtlingsunterkünften umgewandelt, auf öffentlichen Plätzen werden Vertriebene, die oft gar nichts mehr besitzen, versorgt. Immer wieder gibt es auf der Straße auch Szenen, "wo Menschen einander in die Arme fallen", weil sie sich nach der Trennung auf der Flucht wiederfinden.

Viele fühlen sich auch in Lemberg nicht sicher

Viele bleiben aber nicht in Lemberg sondern wollen weiter über die Grenze - etwa nach Polen, Ungarn oder Moldau. Denn viele Vertriebene fühlen sich auch im bisher noch weitgehend verschonten Lemberg nicht sicher. "Man muss sich das vorstellen", meint Seifert. Die Menschen hätten in ihren Heimatstädten oft "das Schlimmste erlebt", diese Traumata kämen bei jedem Luftalarm zurück.

Die Schicksale der Geflüchteten seien oft "wie aus einem Roman, aber für die Menschen hier ist das Alltag", sagt Seifert. Er beschreibt seine Begegnung mit einem Klavierspieler in einem zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Theater. Der Mann namens Alexej berichtete ihm, dass er aus Irpin sei, einem schwer umkämpften Vorort von Kiew. Er habe dort all seine Musikinstrumente zurücklassen müssen und spiele, weil er die Musik vermisse, erzählte ihm der Mann.

Die Versorgungslage in der Stadt sei "grundsätzlich gut, wenn man Geld hat". Viele Geflüchtete seien aber ohne Zugang zu ihrem Konto oder hätten schon vor dem Krieg wenig besessen. Diese Menschen sind auf äußere Hilfe angewiesen. Es gebe viel Solidarität und Engagement von der Lemberger Bevölkerung.

Stephan HoferQuelle: Redaktion / hos