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So läuft eine Masterprüfung per Videokonferenz

06. Juli 2020 · Lesedauer 4 min

Über Verbindungsprobleme, Schummeln und die Kleiderordnung bei Online-Abschlussprüfungen.

"Bitte warten Sie, bis der Host dieses Meeting beginnt", steht auf meinem Laptop. Es ist 08:20 Uhr am Morgen, in zehn Minuten beginnt meine Masterprüfung – online, über das Videokonferenz-Tool "Zoom".

Zehn Minuten vor Prüfungsbeginn soll ich mich anmelden, stand in der Mail mit dem Link zum Zoom-Meeting, die ich vor einer Woche bekommen habe. Mit jeder Minute in der ich warte steigt meine Nervosität, das Warten ist quälend. Um 08:31 werde ich dann vom Prüfungsvorsitz in die Gruppe gelassen. Das Chatfenster öffnet sich und mir sitzt eine dreiköpfige Prüfungskommission gegenüber – alle in separaten Räumen. Gleich zu Beginn gibt es dann das erste Verbindungsproblem. Das Bild friert ein. Ich höre nichts mehr. Die Störung dauert zum Glück nur kurz an, aber das sollte nicht zum letzten Mal passieren.

Normalerweise würde ich meinen Prüfern und meiner Prüferin in einem Raum in der Universität gegenübersitzen, wir wären schick angezogen und ich hätte meine ausgedruckte Masterarbeit dabei, die ich verteidigen würde. Dieses Jahr ist alles anders. Universitäten müssen inmitten einer Viruspandemie flexibel sein. Die Lehre wird Großteils auf Distance-Learning umgestellt und die Abschlussprüfungen werden ins Internet verlegt – jedenfalls an einigen Hochschulen. 

Barfuß bei der Abschlussprüfung

Ich habe mich auch für die virtuelle Prüfung elegant angezogen, zumindest soweit es für die Prüfer ersichtlich ist. Ich trage ein Kleid und einen Blazer, sitze aber barfuß und ohne Strumpfhose an meinem Küchentisch. Der Prüfungsvorsitz sieht die Kleiderordnung ohnehin locker. Er trägt ein legeres weißes Shirt mit Aufdruck, das eher zu einem Tag am Golfplatz passen würde als zu einer Hochschulprüfung.

Ich beantworte die ersten zwei Fragen einwandfrei. Meine anfängliche Anspannung fällt langsam ab. Dem zuträglich ist, dass ich mich in einer bekannten Umgebung befinde, in der ich mich wohl fühle. Ich sitze auch keiner Front von Prüfern gegenüber, wie es in einem Raum in der Uni der Fall wäre. Die Prüfer stellen ihre Fragen einzeln nacheinander, sodass ich immer nur eine Person groß auf dem Bildschirm vor mir sehe.

Schummeln kaum möglich

Bei der nächsten Frage stockt das Bild wieder. Das kommt mir gelegen, ich weiß die Antwort nicht. Ich blicke nach links, wie ich es immer tue, wenn ich nachdenke. Leider fällt mir die richtige Antwort auch nach einer kurzen Nachdenkpause nicht ein. Der Prüfer scheint zu vermuten, dass ich schummle und fordert mich auf, ihn anzusehen.

Ich hätte Unterlagen neben meinen Laptop platzieren können, den Prüfern wäre das wohl kaum aufgefallen. Sie hätten es aber sehr wohl bemerkt, wenn ich meinen Blick längere Zeit vom Bildschirm abgewandt hätte. Ich werde von sechs Augen beobachtet –zum Schummeln hätte ich weder die Zeit noch die Möglichkeit.

Feiern nach der Prüfung?

Nach dem die drei Prüfer all ihre Fragen gestellt haben, werde ich in den "Warteraum" geschickt. Die Kommission berät sich, während ich auf einen leeren Bildschirm starre und warte bis mich der Vorsitzende zurück in den Gruppenchat holt.

Das Chatfenster öffnet sich. "Gratulation zur bestandenen Masterprüfung", sagt der Vorsitzende. Ich freue mich. Nachdem ich mich von den Prüfern verabschiedet und meinen Laptop zugeklappt habe, sitze ich allein an meinem Küchentisch. Feierlich ist anders. Mit den übrigen Prüflingen habe ich nur über WhatsApp Kontakt. Wären wir in der Uni, würden wir jetzt feiern gehen. Stattdessen treffe ich mich mit Freunden. Eine Sponsionsfeier werden wir voraussichtlich erst im Oktober haben, sofern Corona es zulässt.

Soraya PechtlQuelle: Redaktion / spe