APA - Austria Presse Agentur

Sechs Intensivmediziner, sechs dringliche Warnungen

27. März 2021 · Lesedauer 4 min

Die Situation in den Intensivstationen ist weiterhin angespannt. Vor allem die Wiener Spitäler erreichen einen Höchststand in Sachen Corona-Patienten. Expertinnen und Experten haben gegenüber PULS 24 ihre Warnungen ausgesprochen und die Lage in den unterschiedlichen Kliniken geschildert.

In Wien seien die Kapazitäten der Intensivstationen aktuell bereits völlig ausgeschöpft, warnte der Intensivmediziner Thomas Staudinger vom AKH Wien im Newsrrom LIVE bei PULS 24 Anchor Werner Sejka. "Wir sind ungefähr da, wo wir Ende November, Anfang Dezember des Vorjahres waren", sagte Staudinger. Er verstehe die Corona-Müdigkeit der Bevölkerung, allerdings würden weiter Lockerungen mit einer "Reduktion der Qualität der Gesundheitsversorgung, vor allem im akutmedizinischen Bereich" einhergehen.

Staudinger: "Eigentlich sind alle Kapazitäten voll und ausgelastet"

Thomas Staudinger, Intensivmediziner am AKH Wien, warnt im Interview davor, dass inzwischen wieder die Überlastung wie in der zweiten Welle erreicht ist.

Im Krankenhaus Hietzing müsse man laut dem Intensivmediziner Stephan Kettner bereits Patienten in andere Spitäler verlegen. Im Interview mit PULS 24 Anchor René Ach schilderte er die "angespannte" aber dennoch "sehr geordnete" Lage in Hietzing. Er warnte vor allem vor der britischen Corona-Mutation. Durch diese werden die Patienten "schneller und schwerer krank als mit der Wild-Variante". "Wir haben jetzt eigentlich auf der Intensivstation durchgehend die britische Variante B.1.1.7", sagte Kettner.

Deshalb bereite man im Stufenplan aktuell die achte Stufe vor. Die Stufe acht sei die bisher höchste Stufe des Plans. Auf Grund der Ausbreitung der britischen Corona-Variante sei man laut Kettner bereits dabei eine neunte Stufe zu planen und vorzubereiten. Die Intensivstation in Hietzing hätte Betten für acht Corona-Patienten. Diese seien aber laut Kettner durchgehend belegt. Um neue Betten schaffen zu können, müsse man Kapazitäten für Notfälle abziehen.

Kettner: "Nähern uns im Stufenplan immer weiter nach oben"

Stephan Kettner, Intensivmediziner im Krankenhaus Hietzing, spricht über die Lage auf der Intensivstation im Krankenhaus Hietzing.

Ein ähnliches Bild schilderte auch der Lungenfacharzt und Corona-Stationsleiter in der Klinik Floridsdorf, Arschang Valipour. "Wir haben derzeit im jetzigen Stufenplan tatsächlich nicht mehr viele Kapazitäten und müssten schon in andere Häuser des Gesundheitsverbundes verlegen. Das gelingt, weil wir alle zusammenarbeiten. Aber es ist sicherlich eine sehr ernstzunehmende Situation", sagte Valipour im Interview mit PULS 24 Anchor René Ach.

Man habe auf seiner Station bereits rund 90 Prozent der aktuellen Kapazitätsstufe erreicht und müsse bereits zur nächsten Stufe übergehen. Um die Aufnahme in der Intensivstation zu vermeiden, würde man laut Valipour Patienten mit einer speziellen Sauerstofftherapie behandeln. Dennoch appellierte er im Interview an die Vernunft der Bevölkerung. Man solle ein "unnötiges" Ansteckungsrisiko vermeiden und sich auch weiterhin an die Corona-Maßnahmen halten.

Valipour: "Wir sind am Anschlag"

Arschang Valipour, Lungenfacharzt und Leiter der Covid-Station in der Klinik Floridsdorf, schildert im Interview die aktuelle Lage auf der Intensivstation.

Auch Natalija Cokic, Leiterin der Intensivamedizin am LKH Graz, bestätigt im Interview mit PULS 24 Anchorwoman Alina Marzi, dass Covid-Patienten aktuell sehr viel schneller auf der Intensivstation landen. Auch im LKH Graz seien die Patienten vergleichsweise jünger als zu Beginn der Pandemie. "Man muss gut kalkulieren um genügen freie Betten zu haben", sagte Cokic im Interview. Noch müsse sie aber keinem Patienten das Intensivbett verweigern.

Cokic: Covid-Patienten landen "innerhalb von 24 Stunden" auf Intensivstation

Natalija Cokic, Leiterin der Intensivamedizin am LKH Graz, bestätigt, dass Covid-Patienten aktuell sehr viel schneller auf der Intensivstation landen.

Der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), Walter Hasibeder, sagte im PULS 24 Interview, die offizielle Angabe von einer österreichweiten Auslastung an Intensivstationen von knapp 49 Prozent sei ihm unbegreiflich. Im Normalbetrieb habe man "im besten Fall bereits eine Auslastung von 70 Prozent", sagte Hasibeder. Seine Hoffnung sei, dass sich auch weiterhin Ärzte und Mitarbeiter an Intensivstationen an die Medien wenden und auf die prekären Zustände aufmerksam machen.

"Momentan bekommt man - ich kann es nur sagen - Fake-News von verschiedenen Stellen", so Hasibeder. Er stellt zudem den Vorwurf in den Raum, Personal auf Intensivstationen sei "zum Teil durch Maulkörbe mundtot gemacht im Moment". Ähnlich wie der Lungenfacharzt Arschang Valipour hält auch Walter Hasibeder die Einhaltung der Corona-Maßnahmen für sinnvoll. Er hoffe auf eine rasche Durchimpfung in der Bevölkerung.

Hasibeder: Intensivmediziner "durch Maulkörbe mundtot gemacht"

Walter Hasibeder, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin, kann die offiziellen Zahlen von nur 50 Prozent Auslastung nicht nachvollziehen.

"Auch bei uns ist die Lage angespannt", sagte Johann Knotzer, Institutsleiter der Anästhesie am Klinikum Wels-Grieskirchen, im PULS 24 Interview mit Anchor René Ach. Er prognostizierte, dass bis Montag (29.03.2021) die Kapazitätsgrenze in Oberösterreich überschritten sein wird. Danach müsse man auch hier zur nächsten Stufe im Stufenmodell übergehen. Auch Knotzer bestätigt, dass immer mehr jüngere Patienten auf die Intensivstation verlegt werden müssen. Dabei seien diese vor der Erkrankung "jung und gesund". Viele würden laut Knotzer dabei "direkt von der Infektambulanz auf die Intensivstation" kommen. Das bedeutet, dass die Patienten davor nicht auf der Normalstation aufgenommen werden, da sie einen zu schweren Krankheitsverlauf vorweisen. Seine Bitte an die Bevölkerung: "Machen Sie keinen Unfall in dieser Zeit!"

Knotzer: Intensiv-Patienten vorher "teilweise jung und gesund"

Im PULS 24 Interview berichtet Johann Knotzer, Institutsleiter der Anästhesie am Klinikum Wels-Grieskirchen, dass Patienten schneller und schwerer erkranken und rascher intensivmedizinische Behandlung brauchen.

Angela PerkonigQuelle: Redaktion / pea