Qualität in Forschung weiter durch Männergruppen definiert
An der viel zitierten Qualität "mangelt es nicht", betonte Wissenschafts- und Frauenministerin Eva Maria Holzleitner (SPÖ) im Klub der Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen. Zwischen dem "Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft" am 11. Februar und dem "Internationalen Frauentag" am 8. März wurde dort über "Frauen in der Wissenschaft - der dornige Weg zur Gleichstellung" gesprochen. Der Ausgangspunkt: Mittlerweile sind in Österreich mehr als die Hälfte der Studierenden weiblich, weiter oben auf der akademischen Karriereleiter reduziert sich der Anteil dramatisch auf in etwa ein Viertel Frauen - hier manifestiert sich die berüchtigte "Leaky Pipeline".
Ferlaino, wissenschaftliche Direktorin des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI), "Wissenschafterin des Jahres 2025" und Professorin an der Universität Innsbruck, ist eine jener Frauen, die in diesem Ausscheidungsrennen mit gehöriger Schieflage für Frauen reüssiert hat. Sie fühle sich "nicht als Teil einer Minderheit, sondern eher als Systemanomalie" oder als "Einzelfall im System". Tatsächlich bekleiden in Österreich Frauen nur jede zehnte Professorenstelle in der Physik. Ein Grund dafür sei auch das tradierte Bild des Physikers: eine Einzelperson unter dem Verdacht, ein Genie zu sein. Man müsse aber kein Genie im stillen Kämmerlein sein, sondern vor allem gut im Team arbeiten können. Ergo: "Wir müssen die Idee der Exklusivität kaputt machen", sagte die Italienerin, die schon rund 20 Jahre in Tirol forscht.
In der Qualitätsdiskussion, die immer wieder aufpoppt, wenn man versucht, Frauenanteile anzuheben, sollte man sich fragen, wer Qualität eigentlich definiert und von althergebrachten Stereotypen diesbezüglich letztlich profitiert, so die Mutter von zwei Kindern: Auch in der relativ aktuellen TV-Serie "Big Bang Theory" würden die Männer Physik machen - und die Frauen sich humorig darüber wundern. Um hier wirklich etwas zu ändern, müsse man auch andere Zielvorgaben an die Institutionen im Rahmen von deren Leistungsvereinbarungen geben, zeigte sich Holzleitner überzeugt.
Oft fehlende Netzwerke rund um Familiengründung
Es gehe darum, das "Kaskadenmodell" weiterzuentwickeln. Demnach sollte sich das Geschlechterverhältnis aus dem Studium in etwa auch in den nächsten akademischen Karriereebenen widerspiegeln. Man könne hier auch "sehr ambitioniert denken", so die Ministerin. Klar sei, geht es an die Familiengründung, wird es mit der Vereinbarkeit mit der angestrebten Karriere schwierig - das gelte bei weitem nicht nur, aber eben auch für die Welt der Wissenschaft, war man sich am Podium einig.
Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien und "Wissenschafterin des Jahres 2016", erinnerte sich an eine "harte Zeit" als Jungmutter mit wissenschaftlichen Ambitionen und Arztjob. Mit Unterstützung ihres Partners und ihrer Eltern sei das irgendwie gegangen. Nun verlangt die Wissenschaft aber maximale Flexibilität - vor allem auch geografisch - von jenen, die hier erfolgreich sein wollen. Das heißt, dass Frauen beim um die Welt Tingeln heutzutage vielfach institutionalisiert ihres Unterstützungsnetzwerkes beraubt werden. Männer müssten sich in den allermeisten Fällen nicht überlegen, ob es bei einer internationalen Konferenz auch adäquate Kinderbetreuung gibt, sagte die Informatikerin Johanna Pirker. An der Uni Innsbruck wird aktuell der Campus ausgebaut, aber keine neue Kinderkrippe eingerichtet, mahnte Ferlaino, die sich stark um Frauenförderung in der Physik bemüht.
Karenzvorgaben als unbetätigter "starker Hebel"
Auch das seien Gründe, warum sich in einem neuralgischen Lebensabschnitt vielfach weniger Frauen auf Stellen bewerben. Männer seien oft anders sozialisiert und weniger auf Familiengründung aus oder können diese einfach später angehen - was Frauen die Biologie einfach verwehrt.
Nächster Punkt: Karenzzeiten und Betreuungsverpflichtungen werden in Österreich großteils von Frauen bestritten. Das "haut sie zurück", betonte Kautzky-Willer. In der Medizin ändere sich die klinische Situation einfach auch sehr schnell. Dass sich in der gerechteren Aufteilung der Karenz in Österreich nichts tut, liege vor allem an den Gesetzen. Mehr Männerbeteiligung gebe es dort, wo das legistisch so vorgesehen ist, so Holzleitner. Diesen "ganz starken Hebel" wollen hierzulande aber nicht alle Parteien betätigen.
Wie sehen Gamer und Informatiker eigentlich aus?
Pirker, seit kurzem Professorin an der Technischen Universität (TU) München und auch an der TU Graz tätig, sieht ihre Freude über ihren "coolen Job" dadurch getrübt, dass dieser Weg weiter vielen verschlossen bleibt. Um das zu ändern, müssten Bilder neu gezeichnet werden: Sie sei etwa im Gaming sehr aktiv und höre Metal-Musik. Heutzutage sei "der durchschnittliche Gamer" Mitte 30 und weiblich. Das Bild in vielen Köpfen sei ein völlig anderes. Das sei in Bezug auf die Informatik nicht anders. Den "unendlich vielen Vorurteilen, wie jemand in verschiedenen Berufen aussieht", müsse man entgegenwirken, damit nicht weiter "viele fantastische Frauen verloren gehen." Pirker macht deshalb etwa auch Wissenschaftskommunikation auf der Gaming-Plattform Twitch - neben ihrer Forschung und zahlreichen anderen Aktivitäten. Das zeigt, dass Frauen vielfach weite Extrawege gehen müssen, die für Männer schon geebnet sind.
Zusammenfassung
- Obwohl mehr als die Hälfte der Studierenden in Österreich weiblich sind, sinkt der Frauenanteil auf höheren akademischen Ebenen auf etwa ein Viertel.
- In der Physik sind Frauen besonders unterrepräsentiert, da nur jede zehnte Professur weiblich besetzt ist.
- Die Definition wissenschaftlicher Qualität wird weiterhin meist von Männergruppen geprägt, kritisiert Physikerin Francesca Ferlaino.
- Familiengründung und fehlende Betreuungsangebote erschweren Frauen den Aufstieg, da Karenzzeiten und Betreuungspflichten überwiegend von ihnen übernommen werden.
- Ministerin Eva Maria Holzleitner fordert ambitionierte Zielvorgaben und gesetzliche Änderungen, um Gleichstellung und mehr Männerbeteiligung bei der Karenz zu erreichen.
