APA - Austria Presse Agentur

Prozess gegen frühere KZ-Sekretärin: 96-jährige Angeklagte gefasst

30. Sept 2021 · Lesedauer 2 min

Der 96-Jährigen wird Beihilfe zum Mord in über 11.000 Fällen vorgeworfen. Sie stieg in der Früh in ein Taxi. Nun konnte die Polizei die Flüchtige fassen.

Die zwischenzeitlich geflohene Angeklagte im Prozess um NS-Verbrechen im Konzentrationslager Stutthof ist gefasst worden. Die Polizei führe die 96-Jährige dem Gericht vor, sagte eine Sprecherin des Itzehoer Landgerichts am Donnerstag. Zuvor hatte das deutsche Gericht die Fortführung des Prozesses wegen der Abwesenheit der Angeklagten auf den 19. Oktober vertagt.

Beihilfe zum Mord in über 11.000 Fällen

Der Angeklagten Irmgard F. wird Beihilfe zum Mord in über 11.000 Fällen vorgeworfen. Als Stenotypistin und Schreibkraft in der Lagerkommandantur des KZ Stutthof bei Danzig, das heute in Polen liegt, soll sie zwischen Juni 1943 und April 1945 den Verantwortlichen des Lagers bei der systematischen Tötung von Gefangenen Hilfe geleistet haben.

"Sie hat ein Taxi genommen"

Die 96-Jährige habe ihr Heim in Quickborn (Schleswig-Holstein) in der Früh in unbekannte Richtung verlassen, sagte Gerichtssprecherin Frederike Milhoffer. "Sie hat ein Taxi genommen." Fahrziel sei eine U-Bahn-Station in Norderstedt am Hamburger Stadtrand gewesen.

Im Verhandlungssaal in einem Industriegebäude in Itzehoe bei Hamburg warteten unterdessen mehr als 50 Journalisten und Zuschauer, zwölf Vertreter der 30 Nebenkläger, der Verteidiger und weitere Prozessbeteiligte. Geplant war zum Auftakt des Prozesses die Verlesung der Anklage.

Auschwitz-Komitee: "Unglaubliche Verachtung des Rechtsstaats"

Das Internationale Auschwitz-Komitee hat sich unterdessen empört über die Flucht der Angeklagten im NS-Prozess geäußert. "Darin zeigt sich eine unglaubliche Verachtung des Rechtsstaats und auch der Überlebenden", sagte Vize-Exekutivpräsident Christoph Heubner am Donnerstag. Das Komitee vertritt KZ-Überlebende und deren Angehörige.

Im deutschen KZ Stutthof und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen zu Kriegsende starben nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralstelle in Ludwigsburg rund 65.000 Menschen.

Quelle: Agenturen / moe