Naturgefahren-Studien für Kaunertal-Kraftwerk gefordert
In den gesichteten Unterlagen zur UVP seien aus ihrer Sicht gerade bei den Naturgefahren "extreme Lücken" erkennbar, betonte Bettina Urbanek von der Umweltschutzorganisation WWF bei einer Pressekonferenz in Innsbruck. Die UVP sei erstmals vor rund 13 Jahren gestellt worden, habe vier Revisionen durchlaufen und könne seit vergangenem Sommer von Verfahrensparteien wie dem ÖAV oder WWF öffentlich eingesehen werden, erklärte sie. Urbanek kritisierte auch, dass verwendete Fachliteratur in den Unterlagen teils älter sei und Gletscherdaten nicht den jüngsten Stand abbildeten. Sie forderte daher zusätzliche Untersuchungen sowohl für den bestehenden Gepatschspeicher als auch für den geplanten Ausbau.
Im Zentrum der Kritik stand jedenfalls die aus Sicht der Umweltorganisationen unzureichende Rücksicht der Gutachten auf klimabedingte Veränderungen im hochalpinen Raum. Urbanek verwies einmal mehr auf Untersuchungen des Schweizer Glaziologen und Geomorphologen Wilfried Haeberli von der Universität Zürich und warnte vor auftauendem Permafrost, instabilen Felsflanken und dem Rückgang der Gletscher. Sie brachte auch mögliche neue Gletscherseen am Gepatschferner ins Spiel, die bis zur Mitte des Jahrhunderts entstehen und ein gewisses Gefahrenpotenzial mit sich bringen würden. Dadurch könnten sich etwa Prozessketten ergeben, bei denen Fels- oder Bergstürze in einen Gletschersee oder direkt in den Gepatschspeicher Flutwellen auslösen, die dann über den Damm schlagen.
"Wenn wir schon die letzten ursprünglichen Täler bei uns fluten und diesen Lebensraum für unseren Energiekonsum opfern, dann muss man sich schon genau anschauen, ob es überhaupt so in dieser Art und Weise funktioniert", sagte Clemens Matt, Generalsekretär des ÖAV. Der Alpenverein sei jedoch nicht grundsätzlich gegen den Ausbau der Wasserkraft, betonte er. Gerade bei großen Projekten in hochalpinen Räumen müsse aber die Gefährdungslage belastbar erhoben werden. Matt verwies in diesem Zusammenhang auf zunehmende Schäden an Wegen und anderer alpiner Infrastruktur durch Starkregen, Felsstürze oder Hangbewegungen.
Auch die Umweltschutzorganisation Global 2000 schloss sich der Kritik durch WWF und ÖAV an. "Die unwiederbringliche Zerstörung eines einzigartigen Lebensraums, die nicht ausreichend bewerteten Sicherheitsrisiken und die Tatsache, dass bessere, sicherere und weniger zerstörerische Alternativprojekte möglich wären, sollten ausreichen, um die Pläne aus dem letzten Jahrhundert für immer auf Eis zu legen", meinte Hannah Keller, Klima- und Energiesprecherin bei Global 2000.
Tiwag verweist auf Vollständigkeit
"Naturgefahren gehören in einem Gebirgsland wie Tirol seit jeher zur Realität und verändern sich durch den Klimawandel", sagte indes Michael Holzmann, Talsperrenverantwortlicher der Tiwag, in einer Aussendung. Genau deswegen habe Sicherheit für die Tiwag oberste Priorität und sei die Grundlage für den Betrieb und die Planung neuer Anlagen. Das Sicherheitsmanagement setze sich jedenfalls aus technischer Vorsorge, Rund-um-die-Uhr-Überwachung und unabhängigen Kontrollen zusammen, hieß es. Damit gehöre das hintere Kaunertal zu den am besten überwachten Tälern des Alpenraums.
Laut Tiwag wurde das Projekt Pumpspeicher Versetz Ende März 2025 zur UVP eingereicht - Mitte Juli 2025 bestätigte die Behörde dann die Vollständigkeit der Einreichunterlagen. Somit entspreche das eingereichte Projekt dem Stand der Technik, hieß es. "Im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung werden auch Naturgefahren wie Lawinen, Steinschlag, Muren oder Hochwasser sowie das Thema Permafrost umfassend und neutral geprüft - und das auch mit Blick auf die Folgen durch den Klimawandel", versicherte Andreas Dengg, Projektleiter Pumpspeicher Versetz.
Die beiden Vertreter der Tiwag, die neben Journalisten ebenfalls bei der Pressekonferenz anwesend waren und sich mit den Vertretern von WWF und ÖAV einen kleinen Schlagabtausch lieferten, verwiesen zudem auf die im Verfahren eingebrachten Stellungnahmen. Diese würden von den behördlichen Gutachtern jedenfalls wie geplant behandelt, hielt Dengg fest. Holzmann erklärte, dass es rund 100 Messstellen im Speicher, im Staudamm und im Einzugsgebiet gebe, die großteils in Echtzeit überwacht würden. Er erstelle darüber hinaus jährlich eine Zustandsbeurteilung und zudem werde die Anlage in wiederkehrenden Abständen von unabhängigen Experten überprüft.
Pläne erstmals 2009 eingereicht
Die Pläne für das Mega-Pumpspeicherkraftwerk waren zum ersten Mal im Jahr 2009 eingereicht, die UVP erstmals 2012 gestellt worden. Sowohl frühere Landesregierungen als auch die aktuelle aus ÖVP und SPÖ bekannten sich bisher zum Kaunertaler Kraftwerksausbau. Die Tiwag betonte stets, am Kraftwerksprojekt führe kein Weg vorbei, um die in Tirol für 2050 anvisierte Energieautonomie zu erreichen. Mit dem UVP-Bescheid wurde zuletzt für das Jahr 2027 gerechnet.
Zusammenfassung
- Der Österreichische Alpenverein und der WWF fordern angesichts des geplanten Ausbaus des Kaunertal-Kraftwerks weitere unabhängige Studien zu klimabedingten Naturgefahren.
- Die Tiwag betont, dass das Projekt Pumpspeicher Versetz im März 2025 zur UVP eingereicht und Mitte Juli 2025 als vollständig bestätigt wurde, und verweist auf rund 100 Messstellen, die Speicher, Damm und Einzugsgebiet überwachen.
- Global 2000 schließt sich der Kritik von WWF und ÖAV an und sieht nicht ausreichend bewertete Sicherheitsrisiken sowie Alternativen mit weniger Zerstörungspotenzial.
- Die Landesregierung aus ÖVP und SPÖ unterstützt das Projekt weiterhin und strebt damit die Energieautonomie Tirols bis 2050 an, während der UVP-Bescheid für 2027 erwartet wird.
