Mit High-Speed zur Herdenimmunität

05. Jan 2021 · Lesedauer 5 min

Israel zeigt der Welt gerade vor, wie man ein ganzes Land binnen kürzester Zeit gegen das Coronavirus impft.

Aaron wird in drei Wochen geimpft. Vor zehn Tagen habe er von seiner Krankenversicherung seine Zuteilung bekommen, erzählt er über Skype. Er ist froh, dass es endlich losgeht. Der mittlerweile vierte Lockdown zermürbt ihn. "Die Impfung wird uns aus diesem Albtraum herausbringen", ist er überzeugt. Der Mittfünfziger arbeitet als Kurator und Fotograf und lebt zwischen Tel Aviv und Jaffa.

Wenn Aaron in einem knappen Monat geimpft wird, werden bereits rund zwei Millionen Israelis ihre erste Dosis des Pfizer/BionTech-Vakzin erhalten haben. Das Land, das vom Coronavirus mit über 450.000 gemeldeten Covid-19-Fällen hart getroffen ist, zeigt der Welt gerade vor, wie man in High-Speed-Tempo die ganze Bevölkerung binnen weniger Wochen gegen das Virus impft.

Bald will man täglich 200.000 Menschen impfen

Während in Europa die Diskussionen immer lauter werden, dass der Impfstart zu lasch erfolgt, dass zu wenig Impfstoff da ist und dass man auf die falschen Hersteller wie AstraZeneca oder Sanofi setzte, die noch über keine Zulassung in der EU verfügen, impft das knapp neun Millionen Einwohner zählende Israel täglich über 100.000 Menschen. In den nächsten zwei Wochen will man auf bis zu 200.000 Menschen täglich aufstocken.

"Bis Ende Januar werden wir zwei Millionen Einwohner geimpft haben, darunter meist Ältere", sagte der Generaldirektor des israelischen Gesundheitsministeriums Hezi Levi dem staatlichen Sender Kan. Dies würde mehr als einem Fünftel der israelischen Gesamtbevölkerung von etwa 9,2 Millionen Menschen entsprechen.

Am Freitag hatte bereits eine Million Menschen ihre erste von zwei nötigen Injektionen erhalten. Regierungschef Benjamin Netanyahu hat sein Land zum Corona-Impfweltmeister ernannt. Er selbst wurde bereits am 19. Dezember als erster Israeli live im TV geimpft. Bis nach Ostern will die Regierung mehr als 60 Prozent der Bevölkerung durchimpfen und so eine Herdenimmunität erzielen.

Millionen Impfdosen bereits im Land

Dass Israel im Gegensatz zum Rest der Welt genug Impfstoffe vorrätig hat, ist einer frühen Bestellung bei den beiden Herstellern Moderna und Pfizer geschuldet. Die Regierung wettete auf die richtigen Firmen, die bei der Zulassung die Nase vorne hatten. Zudem bezahlte Israel weit über den Marktpreis und das Land hat auf Grund seiner Größe und der guten medizinischen Infrastruktur die besten Voraussetzungen, um diese Massenimpfungen in dieser sehr kurzen Zeit zu organisieren. Nach Angaben der Regierung hat Israel mit Pfizer die Lieferung von acht Millionen Impfdosen und mit Moderna von sechs Millionen Impfdosen vereinbart. Millionen Impfdosen sollen nach Medienberichten schon im Land sein.

Logistik wurde ausgelagert

Um die Logistik der größten Impfaktion in der Geschichte des Landes zu organisieren, hat die Regierung schon vor Monaten mit Teva das größte Pharmaunternehmen des Landes beauftragt. Über das Teva Logistikzentrum, das sich in der Nähe von Tel Aviv befindet, wird das Land mit dem Impfstoff versorgt. Schon vor Monaten wurden ausreichend Kühlschränke, die den Impfstoff bei minus 70 Grad einfrieren können, angeschafft und die Logistik für die Kühlketten ausgearbeitet.

Gemeinsam mit den vier großen Krankenversicherungen im Land, erzählt Aaron, werden die Impfungen organisiert. Die Krankenkassen in Israel betreiben auch Ambulatorien und verfügen über dutzende Ärztezentren mit qualifiziertem Personal. Von jedem Israeli sind alle Gesundheitsdaten plus die jeweilige Krankenakte elektronisch gespeichert. "Via E-Mail oder Handy werden die Menschen priorisiert informiert, sich für die Impfung anzumelden", sagt Aaron. Zuerst die älteren Bewohner, dann jene mit Vorerkrankungen, dann alle Einwohner zwischen 60 bis 70 und so weiter und so fort.

Über das Internet wählt man den Ort und die Zeit, wo man sich impfen lassen möchte. Neben Krankenhäusern, Ambulatorien und Ärztezentren, wo man sich impfen lassen kann, wurden zusätzlich über das ganze Land verteilt große Impfstationen aufgebaut. Die Zentren sind für jeden Israeli binnen einer halben Stunde erreichbar. "Die Impfabwicklung ist straff organisiert und dauert nicht einmal eine halbe Stunde", erzählt Aaron. Über einen Barcode wird man am Eingang registriert, binnen weniger Minuten wird geimpft und man erhält den Termin für die nächste Dosis, die im Abstand von drei Wochen verabreicht werden soll.

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Ben Segenreich, Israel-Korrespondent von Mena-Watch, erklärt im Interview mit PULS 24 Anchor Fabian Kissler, wie die Impfung in Israel abläuft und wieso das so reibungslos funktioniert.

Krankenkassen spielen Schlüsselrolle

Um die größte Impfaktion der Geschichte des Landes zu organisieren, kooperieren die vier Krankenversicherungen und stellen medizinisches Personal zur Verfügung. Auch vom Militär, so Aaron, wurden Ärzte und Sanitäter abberufen. Zudem werden Medizinstudenten, angehende Krankenschwestern und Pfleger eingesetzt.  Ein Heer von Freiwilligen kümmert sich um die Abwicklung und Betreuung in den Zentren. "Für diese Aktion ist fast das ganze Land auf den Beinen", sagt Aaron.

Aufklärung und nationaler Schulterschluss

"Impfgegner gibt es kaum im Land", berichtet Aaron. "Wir nennen sie 'Crazy People'". Die Regierung, sagt Aaron, hat die Bevölkerung ordentlich aufgeklärt. Es gibt sogar eine eigene Task-Force, die gegen Impf-Fake-News in den sozialen Medien vorgeht. "Alle Bevölkerungsgruppen - von den Orthodoxen bis zu den israelischen Arabern - wurden für die Impfaktion ins Boot geholt." In der Bevölkerung wird die Massenimpfung als nationale Notwendigkeit angesehen, um aus dieser Krise herauszukommen.

Die Geschlossenheit liegt vor allem auch daran, dass bei großen Krisen das Land trotz vieler politischer Unterschiede stets zusammenrückt. "Wie schnell wir uns organisieren können, hat auch der erste Golfkrieg gezeigt", sagt Aaron. Binnen kürzester Zeit wurde jeder Israeli mit einer Gasmaske versorgt.

Und dass Netanjahu die Impfaktion auch als Wahlkampfturbo für seine Wiederwahl Anfang März bei den bereits vierten Parlamentswahlen binnen zwei Jahren verwendet? "Das hat zwar einen schalen Beigeschmack, ist aber angesichts der größten Gesundheitskrise, die das Land derzeit zu bewältigen hat, nur eine Randnotiz", sagt Aaron. "Alles was wir wollen, ist endlich wieder normal zu leben."

Der weltweite Fortschritt bei der Corona-Impfung

Stefan KaltenbrunnerQuelle: Redaktion