Mediziner in der Öffentlichkeit: Anfeindungen sind "fast Alltag"

03. Aug. 2022 · Lesedauer 4 min

Der Tod der österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, die von Impfgegnern und COVID-Leugnern mit Todesdrohungen und Hassnachrichten bombardiert wurde, sorgt international für Bestürzung. Derartigen Drohungen waren und sind auch viele andere Ärztinnen und Ärzte ausgesetzt, die sich öffentlich zu Corona äußern.

Arschang Valipour ist Lungenfacharzt und Leiter der COVID-Station in der Klinik Floridsdorf. Im PULS 24 Interview berichtet er davon, dass seiner Erfahrung nach "alle Personen, welche bis zu einem gewissen Grad in der Öffentlichkeit stehen" und Aufklärungsarbeit über das Coronavirus leisten, sich für Impfungen aussprechen oder sich für "Behandlungen von COVID-Erkranken" aussprechen würden, "bedauerlicherweise Anfeindungen ausgesetzt" seien.

"Das ist mittlerweile fast unser Alltag", erklärt der Arzt. Es mache ihn und "viele anderen Kolleginnen und Kollegen zutiefst betroffen", dass "Frau Doktorin Kellermayr (…) unter wirklich großer Belastung, Androhungen und Anfeindungen gelitten hat". Für Valipour sei es "fürchterlich und tragisch", dass die oberösterreichische Ärztin "keinen weiteren Ausweg mehr gesehen hat, als sich das Leben zu nehmen".

Der Lungenfacharzt möchte allerdings auch erwähnen, dass es "auf der positiven Seite (…) Gott sei Dank" mehr Zuspruch gäbe als Drohungen. Ein "breiter Teil der Bevölkerung" würde der Arbeit des Gesundheitspersonals auch weiterhin "Wertschätzung und Dankbarkeit" entgegenbringen.

Dies sieht Valipour auch als essenziell an. Die Zivilgesellschaft müsse dem Gesundheitspersonal weiterhin "den Rücken stärken" sowie "gemeinsam" gegen den "Terror" in den sozialen Netzwerken sowie im echten Leben "entgegenzutreten".

Van Laer hatte Burn-Out 

Für die Virologin Dorothea van Laer sei vor allem das erste Jahr der Corona-Pandemie heftig gewesen, erinnerte sie sich im "Ö1-Morgenjournal": "Es hat mich auch sehr belastet, vor allem weil diese Hass-E-Mails zum Teil wirklich sehr verletzend waren. Ich habe dann gelernt, mich ein bisschen vorsichtiger auszudrücken, es immer nur als meine subjektive Meinung darzustellen. Dadurch war ich vielleicht nicht mehr so ein Angriffspunkt."

Trotzdem waren die Auswirkungen der Hass- und Drohmails der Coronaleugner für die deutsche Medizinerin gravierend: "Im ersten Jahr hat es dazu geführt, dass ich im November dann ein Burn-out hatte und über ein komplettes Monat ausgefallen bin."

Zeitweise sei Van Laer wegen der massiven Angriffe nur mit Perücke auf die Straße gegangen. Die meisten Drohungen seien via Mails gekommen. "Im Internet fallen offensichtlich die Hemmungen und da ist es dann auch unter die Gürtellinie gegangen und war wirklich mit Ausdrücken, die man nicht wiederholen kann", schilderte sie.

Hutter sieht kaum Diskussionsmöglichkeiten 

Auch Hans-Peter Hutter, Hygiene-Experte an der MedUni Wien und in dieser Funktion während der Pandemie oft medial präsent, war und ist Drohungen von Maßnahmengegnern ausgesetzt, erzählte er im Interview. Man brauche eine dicke Haut: "Es ist nicht dann beendet, wenn man es liest, sondern das hallt nach. Man ärgert sich drüber, man denkt sich: 'Was ist das für eine Unverschämtheit' und das nagt an einem. Das habe ich relativ rasch erkannt und das radikal abgestellt."

Diskussionen mit den Verfassern würden wenig bringen wenig, daher ist sein Lösungsansatz: "brutal" löschen, wenn schon Kopfzeile und Betreff seltsam wirken.

Selbstverteidigungskurse der Ärztekammer 

In der Ärztekammer (ÖÄK) ist man sich der Probleme bewusst, wie Rudolf Schmitzberger im Ö1-Radio unterstrich. Als Leiter des ÖÄK-Referats für Impfangelegenheiten sei auch er von Bedrohungen betroffen. Es wurden auch schon erste Maßnahmen getroffen: Die Ärztekammer Wien habe etwa einen Kurs zu Deeskalationsmaßnahmen mit einer Selbstverteidigungseinheit gestartet, so Schmitzberger.

"Sie sehen, wie dramatisch die Situation ist. Diese Kurse sind ständig ausgebucht." Auch bei der Ärztekammer Salzburg gebe es solche Kurse, in der Steiermark wurde eine Anti-Mobbing-Burn-Out-Supervisionsstelle (AMBOSS) eingerichtet, in Wien eine Ombudsstelle für Mobbing, Gewalt, Sexismus und Rassismus für Ärztinnen und Ärzte.

Der Kammervertreter forderte mit Blick auf den Fall der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr aber auch schärfere Gesetze, höhere Strafen und eine Bewusstseinsänderung - konkret, dass "die Bedrohungen und Hass im Internet nicht mehr leichtfertig als Kavaliersdelikt hinzunehmen sind". Diese müssten von den Behörden auch konsequent verfolgt werden.

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Quelle: Agenturen / Redaktion / foj