"Klopapier-Effekt": Die Gründe für den Medikamentenmangel

23. Jan. 2023 · Lesedauer 3 min

Aktuell sind viele Medikamente in Österreich nicht lieferbar. Eine schnelle Lösung gäbe es nicht, erklärt Bernhard Wittmann von Sigmapharm. Trotzdem hält er die Lieferengpässe für weniger dramatisch als sie in dargestellt werden. Die Pharma-Industrie wünscht sich jedoch mehr Medikamentenproduktion in Europa.

Einige Medikamente seien nicht lieferbar, allerdings betreffe das oft nur bestimmte Packungsgrößen, sagt Bernhard Wittman, Geschäftsführer von Sigmapharm, im PULS 24 Interview. "Selten handelt es sich um Wirkstoffgruppen, die nicht lieferbar sind", oftmals gäbe es auch Alternativen vom selben Hersteller. 

Aktuell ist es keine angenehme Situation für niemanden, für die Firmen nicht - die würden gerne liefern - auch für die Großhändler und Apotheker nicht. 

Bernhard Wittmann, Geschäftsführer Sigmapharm

Betroffen seien laut Wittmann vor allem saisonal-gefragte Medikamente für Infektionskrankheiten. Die Grippe, Covid und das RS-Virus seien im Moment im Vormarsch, dadurch sei die Nachfrage für die Medikamente gestiegen. Verschärft würde die Situation, weil es sich dabei um ein internationales Problem handle - kein österreichisches. 

Gründe für den Medikamenten-Mangel: 

  • Produziert wird für den Markt, aktuell übersteigt die Nachfrage das Angebot
  • "Klopapier-Effekt": Wenn eine Knappheit drohe, "geht jeder und kauft" so Wittmann. Das würde Patientinnen und Patienten, aber auch die Apotheken selbst betreffen. Viele Menschen hätten Medikamente zu Hause gelagert oder extra angeschafft als Reaktion auf den Engpass - dadurch würde dieser weiter verstärkt.
  • Lieferketten: Die Lieferketten in Europa seien seit Beginn der Covid-Pandemie durcheinander.

"Ist ein Medikament in einer Apotheke nicht verfügbar, heißt das nicht, dass es in der anderen auch nicht verfügbar ist", beruhigt Wittmann. Er wolle das Problem aber nicht schön reden, denn akutell könne es nicht behoben werden. Ob sich die Lage weiter zu spitze, wisse er aktuell nicht. 

APA/dpa/Monika Skolimowska

Lagerpflicht keine Lösung

Die Idee einer Lagerpflicht, die aktuell im Gespräch ist, würde in der aktuellen Situation nicht helfen: Derartige Mangelsituationen könnten dadurch ein paar Tage hinausgezögert werden. Auf europäischer Ebene würden dann aber alle Länder beginnen, Medikamente im großen Still zu lagern und das würde wiederum Verknappungen verstärken.

Zudem brauche es die Rückholung der Produktion nach Europa, hieß es bei einer Pressekonferenz in Wien.

Wittmann würde eine Medikamenten-Produktion in Europa befürworten. Das forderte auch der Verband der pharmazeutischen Industrie (Pharmig) am Montag im Rahmen einer Pressekonferenz. Wittmann glaubt aber nicht, dass es gelingen würde diese zurück nach Europa zu holen. 

Inflations-Anpassung schwer möglich

In der Diskussion um die aktuelle Arzneimittelknappheit hat der Verband der pharmazeutischen Industrie (Pharmig) am Montag die Anpassung der österreichischen Medikamentenpreise an die Inflation gefordert. Der Pharmaindustrie sei es in Österreich nicht gestattet, selbst die Preise anzuheben, sondern jedes Unternehmen müsse dann einen Antrag bei der Sozialversicherung stellen. Das sei ein mühsamer Prozess, der in der Regel negativ entschieden werde, erläuterte Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog. Es brauche einen automatisierten Prozess.

Grippewelle übertraf Erwartungen

In der akuten Lage werde aber nur ein Ende der Erkältungswelle Entspannung bringen. 612 Arzneiprodukte waren Montagfrüh eingeschränkt verfügbar, 340 davon nicht lieferbar. "Die jetzige Situation ist darauf zurückzuführen, dass wir extrem hohe Nachfrage haben nach Erkältungs- und Schmerzmitteln", sagt Herzog. Die Krankheitswelle habe die Erwartungen der Expertinnen und Experten übertroffen. Bei einem Abklingen werde sich die Entspannung bei manchen Produkten wahrscheinlich schneller einstellen als bei anderen, die Produktionsanlagen würden jedenfalls auf Hochtouren laufen, betonte Pharmig-Vizepräsident Bernhard Wittmann. 

Franziska SchwarzQuelle: Redaktion / frn