Klimaforscherin Kromp-Kolb: "Menschen sind weiter als die Politik"

09. Aug 2021 · Lesedauer 4 min

Im Newsroom LIVE bei Gundula Geiginger zeigt Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb Wege auf, wie das Steuer beim Klimawandel noch herumgerissen werden kann. Die Menschen seien weiter als die Politik und Verzicht auf Lebensnotwendiges sei nicht notwendig.

Bis 2030 soll laut dem am Montag veröffentlichten Klima-Bericht die Temperatur im Schnitt 1,5 Grad steigen. Die ZAMG rechnet für Österreich bis 2100 eine Temperaturerhöhung um 5 Grad vor.

Die Auswirkungen des Klimawandels hätte man im heurigen Jahr laut Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb schon an vielen Beispielen gesehen. Was auf uns verstärkt zukomme, wären lang anhaltende Hitzeperioden und Nächte, die sich nicht mehr abkühlen, sodass sich der Körper nicht mehr erholen kann. Starkregenperioden, unterbrochen von langen Perioden ohne Regen würden uns erwarten. Die Folge: Dürre, Hitze, Muren, Waldbrände. "All diese Extremereignisse, die wir heuer schon punktuell gespürt haben, können überall auftreten. Und sie werden heftiger und häufiger werden. Das wird bei plus 5 Grad auf jeden Fall der Fall sein", so die Klimaforscherin.  

Fortschritt gegen Natur machtlos

Für Leute, die behaupten, der Mensch könne sich auf neue Klimagegebenheiten einstellen, hat Kromp-Kolb eine deutliche Botschaft: "Ich möchte wissen, wie sie sich gegen Muren gewehrt hätten, wie sie sich gegen Waldbrände gewehrt hätten." Trotz aller technologischen Möglichkeiten, die es bereits gebe, trotz aller Fortschritte wäre man gegen die Natur machtlos. "Das gilt für den Einzelnen genauso wie für Staaten."

Der Klimabericht sei sehr hilfreich, er sage "wir können noch stoppen". Der Zeitpunkt wird kommen, so Kromp-Kolb, an dem das nicht mehr möglich sei.

Verbesserung in fünf Jahren möglich

Bis 2035 müssen unsere Maßnahmen gegriffen haben, rechnet die Expertin vor. Man müsse Emissionen deutlich, nicht nur "ein bisschen kosmetisch" auf globaler Ebene einschränken. Dann würde man innerhalb von 5 bis 10 Jahre eine Veränderung bemerken. Es werde länger dauern, bis man bei der Temperatur eine Abflachung bemerken werde.

"Wir können noch das Schlimmste verhindern", ist sich die Forscherin sicher. Aber nicht, wenn man lange reden würde. Man müsse "jetzt handeln und in Kauf nehmen, dass man nachbessern muss. Lieber jetzt rasch handeln und das eine oder andere tun was sich später als suboptimal herausstellt". Kromp-Kolb nennt als Beispiel die ökosoziale Steuerreform, bei der man sich offenhalten könne, sie zu adjustieren, wenn sie nicht passe. "Das ist besser als jetzt noch drei Jahre zu verhandeln." 

Der Klimawandel sei hausgemacht. Das sei von Bericht zu Bericht deutlicher und sicherer geworden. "Wir wissen, dass ohne die Zunahme der Treibhausgase die Temperatur jetzt eher konstant, vielleicht sogar leicht fallend wäre."

Städte anpassen

Um eine Verbesserung herbeizuführen dürfe man nicht mehr trennen "wo die Menschen arbeiten, wo die Menschen einkaufen, wo die Menschen wohnen." Es müsse so kleinräumig gedacht werden, dass die Menschen ihre Wege zu Fuß zurücklegen können. Existierende Städte müssten umgemodelt werden.

Menschen sind weiter als die Politik

"Ich glaube, es gibt sehr viele Menschen, die weiter sind als die Politik." Auch Firmen und Gemeinden seien oft schon weiter. "Da unterschätzt die Politik die Bereitschaft oder sogar den Willen der Bevölkerung zur Veränderung und orientiert sich an einigen wenigen Akteuren, die viel zu verlieren haben."  

Beim Einkaufen, Wohnen und bei der Mobilität könne man viel tun. Bei Lebensmittel und Kleidung könne man viel verändern. Man müsse bei Produkten auf Saisonales, Regionales und Reparierbares achten. Das würde zwar mehr kosten, aber auf Dauer gesehen sei es billiger ein ordentliches T-Shirt zu kaufen, "anstatt fünf wegzuwerfen".

Verzicht auf Lebenswichtiges nicht nötig

Klimaschutz fange beim Lichtabdrehen an. Klomp-Kolb plädiert auch auf Verzicht von Hochseeschifffahrt und Kurzstreckenflügen. "Ich glaube nicht, dass wir in lebenswichtigen Bereichen verzichten müssen. Im Gegenteil, ich glaube, dass vieles, was wir an Ballast abwerfen könnten, die Lebensqualität steigern würde. Ich glaube, dass Klimaschutz ein Programm für ein besseres Leben ist und nicht für ein kargeres, wo man sich nach Luxus sehnt.

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam