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Italien gedenkt Seilbahnunglück am Lago Maggiore

22. Mai 2022 · Lesedauer 4 min

Ein Knall erschüttert am 23. Mai 2021 die sonntägliche Ruhe an den Hängen des Mottarone-Bergs am Lago Maggiore. Ein zischendes Geräusch, ein dumpfer Aufprall und dann Todesstille: Einige Wanderer beobachten geschockt, wie die Seilbahn, die zwischen dem Lago Maggiore und dem Mottarone-Berg verkehrt, nach einer rasanten Fahrt talabwärts abstürzt. 14 Personen kommen bei dem Unglück am Pfingstsonntag, dem schwersten Seilbahnunglück in Italien, ums Leben.

Ein schrecklicher Anblick bot sich den Rettungseinheiten, die die abgestürzte Kabine auf einer Höhe von circa 1.300 Metern erreichten. Bei dem Unglück nahe dem Ort Stresa westlich des Lago Maggiore starben 13 Menschen - italienische Touristen und eine israelische Familie - noch an der Unfallstelle. Zwei schwer verletzte Kinder wurden per Rettungshubschrauber in eine Klinik in Turin geflogen, wobei ein Bub noch am Abend starb. Nur der fünfjährige Eitan überlebt, verliert bei dem Unglück aber seine Eltern, seinen jüngeren Bruder und zwei Urgroßeltern. Die Notbremsen am Tragseil hätten eigentlich greifen müssen, waren jedoch den bisherigen Ermittlungen zufolge mit Klammern blockiert worden, da sie im laufenden Betrieb für Störungen gesorgt haben sollen. Die Gondel raste daher ungebremst talwärts, sprang an einer Seilbahnstütze aus der Verankerung und schlug auf dem Boden auf.

Am Montag wird in Stresa am Lago Maggiore des großen Seilbahnunglücks gedacht. Enthüllt wird eine schlichte Gedenktafel aus Stein mit der Inschrift "Zum ewigen Gedenken" und den Namen aller Opfer. Die Tafel befindet sich genau dort, wo die Kabine Nummer 3 ihre rasante Fahrt beendet hatte. Der Gedenktag beginnt mit einer Messe in Erinnerung an die Toten. Von der Stadtverwaltung wurden alle Angehörigen der Todesopfer eingeladen, auch jene des sechsjährigen Eitan B., dem einzigen Überlebenden. Der Bub kam nach der Katastrophe zu seiner Tante väterlicherseits, die in Pavia in der Lombardei wohnt. Um das Kind entbrannte ein Sorgerechtsstreit mit der Verwandtschaft in Israel.

Der Streit gipfelte darin, dass der Großvater mütterlicherseits den Buben am 11. September zu einem vereinbarten Besuch abholte, ihn aber dann mithilfe eines Komplizen über die Schweiz nach Israel ausflog. In Israel kam es zu mehreren Verfahren, bis das Höchste Gericht in Jerusalem im November entschied, der Bub müsse zurück nach Italien zu seiner Tante väterlicherseits gebracht werden. In Italien ging der Rechtsstreit um das Sorgerecht vor dem Jugendgericht weiter, das eine dritte Person als Vormund für Eitan einsetzte. Seitdem ist es ruhiger geworden um den Fall Eitan. Das Kind besucht in Pavia die Volksschule.

Die Gondel lag indessen noch Monate nach dem Unfall an der Unglücksstelle bis sie Anfang November in Einzelteile zerlegt abtransportiert wurde. Die Ermittlungen zogen sich in die Länge. 14 Personen werden für das Unglück zur Rechenschaft gezogen, zu ihnen zählen der Inhaber der Betreibergesellschaft der Seilbahn und der für die Sicherheit zuständige Betriebsleiter. Ermittelt wird auch, ob die Tragödie durch die willentliche Abschaltung des Sicherheitssystems ausgelöst worden sei. Ein Gutachten steht weiterhin aus, wann der Prozess beginnen wird, ist offen.

"Wer am Unglückstag am Gipfel des Mottarone war, wird für immer ein tiefes Gefühl des Mitleids für diejenigen in sich tragen, die auf so schreckliche und ungerechtfertigte Weise ihr Leben verloren haben. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch immer diese Szene unermesslichen Schmerzes vor mir, der durch die herrliche Naturlandschaft, die den Hintergrund bildete, noch verstärkt wurde", berichtete die im Fall ermittelnde Staatsanwältin Olimpia Bossi, die zusammen mit den Rettungsmannschaften kurz nach der Tragödie den Unfallort besichtigte.

"Wir sind es all den Opfern und ihren Familien schuldig, unvoreingenommen nach den Ursachen für diese Tragödie zu suchen. Das ist es, was wir unermüdlich tun", sagte Bossi. Sie wartet auf zwei Gutachten, die Maschinenbauingenieuren und Computersachverständigen anvertraut wurden. Sie sollen am 15. Juli dem Gericht vorgelegt werden. Ihre Ergebnisse werden es der Staatsanwältin ermöglichen, Schlussfolgerungen zu ziehen und die Liste der Verdächtigen anzupassen.

Quelle: Agenturen