APA - Austria Presse Agentur

Ischgl: 1.000 Seiten Bericht, 5.380 Kläger und 25 Todesopfer

Mai 05, 2020 · Lesedauer 7 min

Ischgl wird nicht nur vom deutschen "Spiegel" als Brutstätte des Virus in Österreich bezeichnet. Nun liegt ein 1.000 Seiten starker Zwischenbericht bei der Staatsanwaltschaft. Ein Grund mehr zurückzublicken.

Nach der Einbringung einer Sachverhaltsdarstellung durch den Verbraucherschutzverein (VSV) in der Causa rund um den Corona-Hotspot Ischgl liegt der Staatsanwaltschaft Innsbruck der Zwischenbericht der Polizei vor. Er umfasse 1.000 Seiten und sei "sehr detailliert und umfangreich", sagte Sprecher Hansjörg Mayr der APA.

In dieser Woche werde es jedenfalls ob des Umfangs keine Entscheidung mehr über die allfällige Einleitung eines offiziellen Ermittlungsverfahrens geben, so Mayr. Allenfalls könne die Polizei vorher noch mit weiteren Erhebungen beauftragt werden. Indes schlossen sich laut dem Sprecher mit Stand Dienstagvormittag 321 Personen, die sich in Tiroler Skiorten mit dem Coronavirus angesteckt hatten, als Opfer dem Verfahren an.

25 Todesopfer

Beim VSV meldeten sich bisher 5.380 Tirol-Urlauber. Davon kommen 65 Prozent, nämlich 3.680 Menschen, aus Deutschland. Aber auch aus nahezu jedem anderen europäischen Land sowie den USA, Israel, Russland, Singapur oder Hongkong würden Meldungen einlangen, so Kolba. "75 Prozent geben an, in Ischgl auf Urlaub gewesen zu sein. 73 Prozent wurden bei der Heimkehr positiv auf Corona getestet", berichtete Kolba. Die Masse sei danach in Heimquarantäne gekommen. "Aber 2,5 Prozent kamen ins Krankenhaus oder sogar auf die Intensivstation. Inzwischen sind auch 25 Tote zu beklagen", erklärte der VSV-Obmann

Hotels waren bereits am 5. März bekannt

Die Tiroler Behörden sollen bereits am 5. März gewusst haben, in welchen Hotels in Ischgl 14 isländischen Touristen genächtigt hatten, die nach ihrer Rückkehr aus Tirol positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Dies berichtete das Nachrichtenmagazin profil in seiner Onlineausgabe am Montag unter Berufung auf ein E-Mail aus Island.

Laut profil warteten die Behörden daraufhin jedoch noch einen vollen Tag, bis die Isländer auch die genauen Namen der Gäste übermittelten. Erst dann seien anhand dieser Informationen Kontaktpersonen in den betreffenden Hotels ermittelt worden. In dem E-Mail sei zudem daraufhingewiesen worden, dass einige infizierte Isländer bereits am 29. Februar in ihre Heimat zurückgekehrt waren.

"Keine näheren Daten bekannt"

Seitens des Landes hieß es, dass man vom Bund am 5. März über die Isländer informiert worden war. Da keine näheren Daten zur Verfügung standen, habe die BH Landeck noch am 5. März angeordnet, die persönlichen Daten aller Gäste aus Island ab Mitte Februar zu erheben. Über den in Ischgl niedergelassenen Arzt sei zudem geprüft worden, ob Personen aus Island mit grippeähnlichen Symptomen behandelt worden waren. Von insgesamt 90 Isländern seien nur zwei beim Arzt gewesen. Diese beiden habe man kontaktiert und es bestand kein Zusammenhang zu Covid-19. Der Arzt sei außerdem dazu angehalten worden, bei allen Patienten mit entsprechender Symptomatik einen Rachenabstrich durchzuführen.

Am Nachmittag des 6. März habe die Polizei dann schließlich die Namen der Isländer erhalten, teilte das Land mit. Daraufhin seien Kontaktpersonen in den betreffenden Hotels ermittelt worden. Lediglich bei einer der befragten Personen seien leichte grippeähnliche Symptome festgestellt worden. Sie wurde sofort isoliert und getestet - sie war negativ. Über einen Abstrich, den der Arzt aufgrund der Anordnung durchgeführt hatte, war man dann schließlich auf den Barkeeper gekommen.

Aufklärung durch Kommission

Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) verweist hinsichtlich Aufklärung auf eine Expertenkommission.

"Ich will sehen, wo ist etwas gut gelaufen und wo ist etwas weniger gut gelaufen", so Platter am Dienstag bei einer Videopressekonferenz des Landes. Es soll auch beleuchtet werden, ob es Unterschiede in der Handlungsweise zwischen den jeweiligen Bezirkshauptmannschaften gegeben habe.

Auch Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) verwies auf die Expertenkommission. Es sei nun wichtig, dass diese "die Dinge untersucht". Das sei "gut und richtig so". Alle Beteiligten hätten aber "nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt", argumentierte Tilg.

"Kitzloch"-Chef im Interview

Das "Kitzloch", eine Bar in Ischgl, wurde weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt, als die Bar, die der wahrscheinliche Ausgangspunkt für die Epidemie in Österreich - und womöglich in weiteren Ländern - ist. Siehe auch Zeitleiste weiter unten.

Zeitleiste: Vom ersten Fall zur Quarantäne

25. Februar: Die ersten beiden Corona-Fälle werden bekannt. Es handelt sich um ein Paar aus Italien. Sie arbeitet im Innsbrucker Hotel Europa als Rezeptionistin. Das Hotel wird abgeriegelt – vor laufender Kamera spazierte ein Mann durch die Tür und Polizeiabsperrung. 

29. Februar: Eine Maschine der „Icelandair“ kehrt von München nach Island zurück. An Bord: Isländische Touristen, die sich wohl in Ischgl infizierten.  

5. März: Island erklärt Ischgl zum Risikogebiet. Die österreichischen Behörden werden informiert. Das Land Tirol teilte daraufhin mit: Die Ansteckung dürfte sich erst im Flugzeug auf der Rückreise von München nach Reykjavik ereignet haben. Im Flugzeug befand sich ein infizierter Fluggast. Dieser sei auf dem Rückweg von einem Italienurlaub, hieß es. "Unter dieser Annahme erscheint es aus medizinischer Sicht wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist", erklärte Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber. 

Weitere Personen werden in Tirol positiv auf das Coronavirus getestet.  

6. März: Die Gesundheitsbehörden kontaktieren das Hotel, in dem die Isländer nächtigten. Sie weisen an Hotel-Personal mit Symptomen und Personen, die Apres-Ski-Lokale besucht hatten, zu testen. 

7. März: Die Erkrankung eines norwegischen Barkeepers der Bar "Kitzloch" in Ischgl wird bekannt. 

8. März: "Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich", erklärte Anita Luckner-Hornischer von der Landessanitätsdirektion bezüglich des Barkeepers. An Nachmittag gibt es in Tirol acht Coronavirus-Fälle, darunter fünf Norweger und eine 22-Jährige aus Kitzbühel. Das italienische Pärchen – die ersten beiden Fälle in Tirol – sind wieder genesen. 

Norwegen testet verdächtige Rückkehrer aus dem Paznauntal positiv auf das Coronavirus 

9. März: Es wird bekannt, der Barkeeper hat 15 Menschen in seinem engsten Umfeld angesteckt. Die Bar wird geschlossen. 

10. März: Landeshauptmann Günther Platter kündigt "durchgehende Kontrollen" an der Grenze zu Italien an. Der Landeshauptmann spricht von einer dramatischen Situation in Italien. In Tirol brauche es hingegen "Ruhe und Besonnenheit". 

Alle Apres-Ski-Lokale in Ischgl werden geschlossen. 

11. März: Es wird verkündet, dass das Skigebiet Ischgl für zwei Wochen gesperrt wird. 

12. März: Landeshauptmann Platter teilt mit, die Skisaison werde vorzeitig beendet – aber erst am 15. März. Beherbergungsbetriebe sollen mit Ablauf 16. März behördlich gesperrt werden. Das Virus hat also Zeit, sich zu verbreiten. Es gibt 110 bestätigte Infizierte – zwei bereits genesene Personen. 

13. März: Bundeskanzler Sebastian Kurz erklärt, dass das Paznauntal und St. Anton am Arlberg "ab sofort isoliert werden". Innenminister Karl Nehammer betont, ausländische Gäste sollen das Gebiet verlassen und ohne Zwischenstopp in ihre Herkunftsländer reisen.  

Einige Stunden zuvor gibt Landeshauptmann Platter bekannt, dass alle Hotels in Tirol von der Schließung aufgrund des Coronavirus betroffen sind.  

Das Robert-Koch-Institut schätzt Tirol als "Risikogebiet" ein. 

Laut "Standard" schieben Busunternehmen daraufhin Sonderschichten um Touristen aus dem Gebiet zu bringen. Mehrere hundert Urlauber sollen nach Innsbruck gereist sein und sich dort Hotelzimmer genommen haben, während sie auf ihre Heimflüge warten. 

15. März: Die letzten Skilifte werden eingestellt. Landeshauptmann Platter verhängt eine Ausgangssperre und sieht bei Maßnahmen eine "gewisse Grenze erreicht". Man sei "so weit gegangen", wie die Verantwortlichen in Südtirol und Italien, so Platter gegenüber der APA. 

16. März: Alle Beherbergungsbetriebe, bis auf einige Ausnahmen für medizinisches Personal sowie im Geschäfts- bzw. Wirtschaftsbereich, schließen. 

17. März: Sölden im Ötztal sowie St. Christoph am Arlberg stehen bis inklusive 2. April unter Quarantäne. 

18. März: Landeshauptmann Platter stellt das gesamte Tiroler Gebiet, alle 279 Gemeinden, ab Mitternacht bis vorerst 5. April unter Quarantäne. Gegenüber PULS 24 sagt Platters Stellvertreter Josef Geisler: "Es sind keine Fehler passiert".

Mathias MorscherQuelle: Redaktion / moe