APA - Austria Presse Agentur

Impfbeginn in Europa unter Zeitdruck

26. Dez 2020 · Lesedauer 3 min

Angesichts der neu entdeckten ansteckenderen Coronavirus-Variante aus Großbritannien wächst in der Europäischen Union der Zeitdruck für die Umsetzung der EU-weiten Impfkampagnen gegen das Coronavirus. Weitere Staaten meldeten über die Weihnachtstage Fälle der neuen Mutation des Virus, die nach ersten Erkenntnissen deutlich ansteckender ist als die Ursprungsvariante und frühere Mutationen. Viele Regierungen reagierten mit neuen Reisebeschränkungen und weiteren Lockdowns.

Weltweit hat die Pandemie nach einer Zählung der US-Universität Johns Hopkins bereits 1,75 Millionen Menschen das Leben gekostet, rund ein Drittel davon in Europa. Die Zahl der bestätigten Infektionen stieg am Samstag über 80 Millionen, Italien wurde das achte Land weltweit mit mehr als zwei Millionen Coronafällen bisher.

Am Sonntag sollen in Österreich und EU-weit erste Impfungen mit dem Wirkstoff des deutschen Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer beginnen. Mehrere europäische Staaten begannen aber schon am Stefanitag mit den Impfungen, darunter Deutschland, Ungarn und die Slowakei. In Deutschland war die 101-jährige Edith K. in Sachsen-Anhalt die erste geimpfte Patientin ihre Altersheims.

Biontech-Gründer Ugur Sahin sagte der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu, dass die Produktionskapazitäten durch Kooperationen mit anderen Unternehmen erhöht werden sollen. Im Jänner oder Februar könnte es dazu schon konkrete Informationen geben.

Tatsächlich drängt die Zeit: Seit Großbritannien vor einer Woche über die Ausbreitung einer deutlich ansteckenderen Virusmutation in Teilen Englands berichtete, taucht diese in mehr und mehr weiteren Ländern auf. Am Heiligen Abend meldete Baden-Württemberg einen ersten Fall, am ersten Weihnachtstag wurde ein weiterer Fall in Frankreich registriert, am zweiten Feiertag bestätigten Schweden und Spanien einen beziehungsweise vier Fälle. In Italien wurden bisher insgesamt zehn Fälle nachgewiesen, in Japan fünf. Die Infizierten waren fast alle zuvor aus Großbritannien eingereist.

Einer Studie der Londoner Hochschule für Hygiene und Tropenmedizin (Lshtm) zufolge ist die neue Variante des Coronavirus etwa 50 bis 74 Prozent ansteckender als die vorherige. Das könne die Zahl der Krankenhauseinweisungen und die Todesfälle wegen des Coronavirus im kommenden Jahr weiter in die Höhe treiben.

Wegen der neuen Mutation haben inzwischen mehr als 50 Länder Reisebeschränkungen verfügt. Am verheerendsten wirkten sich die vor einer Woche von Frankreich verhängten strikten Reise- und Verkehrsbeschränkungen aus, bis zu 10.000 Fernfahrer strandeten daraufhin mit ihren Lkw in der südenglischen Hafenstadt Dover.

Nach einer Verständigung zwischen Paris und London lief der Fähr-und Eisenbahnverkehr dann ab Mittwoch langsam wieder an. Fahrer müssen aber in der Regel einen negativen Corona-Test nachweisen, der nicht älter als 72 Stunden sein darf. Das bedeutete für viele Betroffene Weihnachten fern von ihren Familien.

Um die Coronatests zu beschleunigen, entsandte das britische Verteidigungsministerium am Freitag weitere 800 Armeeangehörige zum Testen sowie zum Verteilen von Wasser und Lebensmitteln an die teils seit Tagen ausharrenden Lkw-Fahrer. Nach Angaben von Verkehrsminister Grant Shapps fielen bis zum Abend 24 von mehr als 10.000 Corona-Tests positiv aus.

Unterdessen zogen in einigen Ländern die über Weihnachten gelockerten Beschränkungen wieder an. Nachdem in Österreich am Stefanitag der dritte Lockdown in Kraft trat, folgt am morgigen Sonntag auch Tschechien. In England sind nach Angaben der BBC inzwischen 40 Prozent der Bevölkerung von ähnlich strikten Beschränkungen wie in Österreich betroffen. In Wales wurden die Lockerungen über Weihnachten wieder zurückgenommen, während in Schottland und Nordirland am Samstag neue Lockdowns begannen.

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus mahnte die Menschen, in ihren Vorsichtsmaßnahmen gegen das Virus nicht nachzulassen. Niemand dürfe die "Opfer" leichtfertig wieder aufs Spiel setzen, die "im Laufe dieses schrecklichen Jahres" gebracht wurden, "um Leben zu retten und zu schützen", sagte er am Freitag. Zwar böten die Impfstoffe einen "Ausweg aus dieser Tragödie". "Aber es wird Zeit brauchen, bis die ganze Welt geimpft ist."

Quelle: Agenturen