APA - Austria Presse Agentur

Hungerrevolten und steigende Gewalt in Kolumbien

Mai 29, 2020 · Lesedauer 3 min

Tausende Menschen leiden Hunger. Die Krise trifft Kolumbien hart. Dazu kommen Vertreibungen und ein Anstieg der Gewalt.

Rote Tücher und Lumpen hängen an Fenstern in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. Sie sind ein Symbol für die Hungersnot und Ungleichheit in der Bevölkerung. Die Coronakrise trifft das südamerikanische Land hart.

Viele Kolumbianer leben von der Hand in den Mund. Durch den Lockdown, der am 24.März in Kraft trat, haben tausende Menschen ihren Job verloren. Ein Tag ohne Arbeit bedeutet für viele Kolumbianer, hungern zu müssen. "Die Regierung hat kein Interesse an dem Wohlbefinden der Bevölkerung", sagt die Kolumbianerin Andrea Colmenares im Gespräch mit PULS 24.

Juan Carlos Saldarriaga, Bürgermeister der Gemeinde Soacha, einem Vorort der Hauptstadt Bogotá, hatte im April die Idee mit den roten Lumpen an den Fenstern. Die Stofffetzen sollen den Behörden und Nachbarn zu erkennen geben, wer dringend Hilfe benötigt. Die Bewegung hat sich mittlerweile in weitere Teile des Landes ausgebreitet. In einigen Vierteln hängt beinahe an jedem Haus ein rotes Stück Stoff.

Laut dem nationalen Statistikamt arbeiten über 45 Prozent der Beschäftigten in Kolumbien in informalen Verhältnissen. "Viele Familien haben keinerlei Einnahmen, um ihre Grundbedürfnisse zu decken", sagt Colmenares. Versichert sind sie meist auch nicht.

Zwar unterstützt die Regierung die Bevölkerung in Form von Lebensmittellieferungen und finanziellen Hilfen, das reiche aber bei weitem nicht aus, sagt Colmenares. Proteste gegen die Maßnahmen sind die Folge.

Die Gewalt steigt an

Als wäre das nicht genug, steigt seit Jahresbeginn die Gewalt gegen Menschenrechtsaktivisten, wie ein Bericht der Friedensstiftung FIP zeigt.

Zwar gab es auf nationaler Ebene um 16 Prozent weniger Morde, Aktivisten sind aber um 53 Prozent häufiger umgebracht worden. Primär verantwortlich dafür sind Abspaltungen der FARC und die Guerilla-Gruppe ELN. Auch die Aggression und gewaltsame Vertreibungen von Menschenrechtsaktivisten haben zugenommen.

In vielen Landesteilen, in denen die Regierung nicht präsent ist, übernehmen Guerilla-Gruppen die Überwachung der Quarantänemaßnahmen. In der Region Bolívar im Norden des Landes drohen sie laut "Human Rights Watch" damit, Menschen zu töten, wenn sie sich nicht an die Covid-19 Maßnahmen hielten. Die Non-Profit-Organisation warnt davor, dass die Gruppen die Pandemie nutzen könnten, um ihre Regeln in der Gesellschaft gewaltsam durchzusetzen.

Allerdings sind nicht nur paramilitärische Gruppen für gewaltsame Vertreibungen verantwortlich. Die Polizei hat von Anfang bis Mitte Mai über 300 Familien aus illegalen Siedlungen im Stadtteil Altos de la Estancia im Süden Bogotás vertrieben. Die Zone gilt wegen Erd- und Steinrutschen als gefährlich. Hugo Acero, Sekretär für Sicherheit, rechtfertigt die Aktion damit, dass hinter den Siedlungen kriminelle Banden stecken würden. Tatsächlich trifft die Vertreibung viele arme Familien. Acero verspricht, die Betroffenen bei der Suche nach einer neuen Unterkunft zu unterstützen. Einige Familien bekamen Lebensmittelmarken im Wert von umgerechnet 34 Euro. Laut Medienberichten kommt diese Hilfe oft nicht an. 

Am Montag wurden die Maßnahmen in Kolumbiens Hauptstadt schrittweise gelockert. Mehr als zwei Millionen Menschen in Bogotá können nun wieder arbeiten gehen können.

Im Gegensatz zu Europa, ist die Krise in Kolumbien noch nicht unter Kontrolle. Am Mittwoch gab es mit 1.101 Neuinfizierten einen neuen Negativrekord. Wie die Tageszeitung "El Tiempo" berichtet, sind in der vergangenen Woche täglich zwanzig Menschen an den Folgen des Coronavirus gestorben. Das sind 21,5 Prozent der gesamten Todesfälle. Bogotá ist am stärksten betroffen.

Soraya PechtlQuelle: Redaktion / spe