APA/Collage PULS 24

Wie Freikirchen versuchen, homosexuelle Jugendliche umzupolen

08. Juni 2021 · Lesedauer 10 min

Die UN stuft sie als Folter ein, in Deutschland gibt es bereits ein Verbot für Minderjährige, in Österreich ist die rechtliche Lage weiter nicht geklärt: Die Rede ist von der sogenannten Konversionstherapie - auch "Homoheilung" genannt.

Es ist kein Massenphänomen, aber auch hierzulande wird immer wieder versucht, jungen Menschen ihre sexuelle Neigung auszutreiben - mit teils schweren Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit der Betroffenen.

Es waren keine "betenden Nerds" sondern junge, "coole" Gläubige, erzählt Jakob, der mit 14 einer Freikirche im niederösterreichischen Mödling beigetreten ist. Beim Singen wurden die Hände in die Höhe gerissen, die Texte waren auf Englisch. "Das wirkt auf junge Menschen einfach gleich ganz anders." Mit 16 beschließt Jakob, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Er fühlt sich nicht "normal". Das erklärte Ziel mehrerer Gläubiger: Aus Jakob einen heterosexuellen Mann machen. Über 20 Jahre später ist er immer noch schwul, glücklich und kann über die zurückliegenden Ereignisse lachen. Das war nicht immer so.

Jakob erzählt seine Geschichte in einem Kaffeehaus im 11. Wiener Gemeindebezirk. Inzwischen ist er Ende 30 und lebt ganz offen homosexuell. Seinen richtigen Namen will er hier dennoch nicht lesen. Zu intim sind die Geschichten, die er in der nächsten Stunde erzählen wird. Bereits mit 14 war Jakob klar, dass er "anders" ist. Das wirkt sich auch auf seinen Freundeskreis aus. Er hat Schwierigkeiten Bekanntschaften zu knüpfen, sich in seinem Umfeld zu integrieren. Rückblickend betrachtet weiß Jakob, dass er sich damals seine Homosexualität noch nicht eingestehen konnte. Als Teenager wäre ihm das nie in den Sinn gekommen: "Ich habe das zum damaligen Zeitpunkt nicht in Erwägung gezogen. In den 90ern war das noch aufsehenerregend. Auf Diversität wurde nicht so geachtet wie heute - im Fernsehen und im öffentlichen Raum gab es nur vereinzelt Darstellungen."

Eine Freundin nimmt ihn zu einem Gebetskreis mit. Jeden Sonntag trifft sich die Gruppe zum gemeinsamen Gottesdienst. Jakob fühlt sich gut aufgehoben. Er findet Freunde. Sein Privatleben kreist ab diesem Zeitpunkt um die Freikirche. Auch außerhalb der offiziellen Gottesdienste trifft er sich mit den Mitgliedern.

"Das kommt vom Satan, das ist Sünde"

Jakobs Geschichte deckt sich zu großen Teilen mit den Einschätzungen der Psychologin Ulrike Schiesser. Sie arbeitet für die Bundesberatungsstelle für Sektenfragen und kennt sich in der Szene der unzähligen Gruppierungen bestens aus. Freikirchen würden oft junge Menschen rekrutieren und weniger mit ihrem Glauben sondern mehr mit der Gemeinschaft locken. Auch würde keine der Gruppierungen sofort von Beginn an ihre negativen Seiten zeigen. Erst mit der Zeit würden bestimmte Einschränkungen und Regeln für die Betroffenen sichtbar.

Diese Erfahrung macht auch Jakob, als er sich nach zwei Jahren in der Gruppierung einer Freundin anvertraut und ihr seine Homosexualität gesteht. Er ist inzwischen davon überzeugt, dass er nicht "normal" ist. Er will etwas dagegen unternehmen. Ihre Reaktion fällt harsch aus, trotzdem erleichtert ihn die Antwort: "Das kommt vom Satan, das ist Sünde, das ist krank, das ist böse! Aber gut dass du da bist, Gott wird dich heilen."

Jakob wendet sich danach nicht von der Gruppierung ab - im Gegenteil: Er fühlt sich befreit, endlich kann er sein Geheimnis teilen, die Welt ist danach nicht untergegangen. Er dachte, jetzt würde alles gut werden. Er willigt in eine Art "Therapie" ein, die ihn endlich "normal" machen soll. Allerdings betont Jakob bei unserem Gespräch mehrfach, dass hinter dem Vorhaben kein organisiertes Vorgehen der Freikirche gesteckt habe. Vielmehr hätte sich die Situation im kleinen Kreis verselbstständigt.

Mitschuld der Gesellschaft

Rückblickend kann Jakob nicht beantworten, wieso er sich auf diesen Pfad begeben hat. Wieso er sich nicht normal fühlen konnte. War es der gesellschaftliche Druck, der Einfluss der Glaubenseinrichtung? "Wahrscheinlich beides. Es war in meinem familiären Umfeld nie ein Thema und wenn dann ein negativ besetztes." Bei der Beratungsstelle für Sektenfragen wird man deutlicher: "Die Gesellschaft hat Mitschuld, dass Leute diese Therapien annehmen und glauben, dass etwas mit ihnen nicht stimmt", meint Ulrike Schiesser.

Ähnliche Töne schlägt Erkan Nic Nafs von der Kinder- und Jugendanwaltschaft an. Schuld sei der Hass. Man müsse bereits in jungen Jahren ansetzen und den Kindern klar machen, dass "schwul" kein Schimpfwort ist. Auch in Communities mit Migrationshintergrund sei das Thema immer noch aktuell. Der teils homophobe Einfluss aus den Herkunftsländern sei immer wieder ein Problem, so Nafs. So hatte etwa der Leiter des türkischen Präsidiums für Religionsangelegenheiten, Ali Erbaş, Homosexualität für den Ausbruch der Corona-Pandemie mitverantwortlich gemacht. Rückendeckung bekam er dafür auch vom türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Österreich ist von solchen Tendenzen keinesfalls ausgenommen. 2018 argumentierte der ehemalige Salzburger Weihbischof Andreas Laun sein Nein zur Segnung von Homosexuellen damit, dass man auch ein Konzentrationslager nicht segnen könne.

Pseudopsychologie vom "Land Of The Free"

Jakob bekommt einen Aufpasser zur Seite gestellt. In der Gruppierung nennt man so jemanden einen pastoralen Begleiter. Ein ausgebildeter Priester ist dieser zwar nicht, aber ein Mann muss er sein, denn Geschlechtertrennung sei in der Freikirche immer ein Thema gewesen. Künftig soll sich Jakob wöchentlich mit ihm treffen, gemeinsam beten und daran arbeiten, seine Homosexualität zu überwinden. Sein Mentor organisiert ein Buch von Andrew Comiskey. Ein amerikanischer Theologe, der behauptet selbst von seiner Homosexualität "geheilt" worden zu sein.

Bei den wöchentlichen Treffen mit seinem Mentor zeigen sich endgültig die Schattenseiten der Freikirche. Jakob soll erzählen, wie häufig er masturbiert und ob er dabei an Männer oder Frauen denkt. Für den damaligen Teenager ein zutiefst demütigendes Erlebnis. "Ich habe versucht, nicht an irgendwelche sexuellen Dinge zu denken und auch versucht, wenn ich mastubiert habe, an Frauen zu denken. Ich war stolz, wenn es funktioniert hat." Die wöchentlichen Treffen entwickeln sich zu einer Belastung für Jakob. Mehrmals trifft er den Entschluss aufzuhören, immer wieder überredet ihn sein Aufpasser, doch zu bleiben.

Österreichs fehlender Rechtsrahmen

Obwohl Jakobs Schilderungen bereits rund 20 Jahre zurückliegen, hat sich an der rechtlichen Lage seitdem nichts geändert. Deutschland etwa hat 2019 gehandelt. Die Konversionstherapie bei Minderjährigen wurde offiziell verboten, auch Werbung für solche Angebote sind nicht mehr erlaubt, denn "Homosexualität ist keine Krankheit", so die Begründung des konservativen deutschen Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU).

In Österreich sah es im Juli 2019 ebenfalls so aus, als würde ein Verbot hierzulande zustande kommen. Ein einstimmiger Entschließungsantrag im Nationalrat bleibt allerdings ohne Folgen. Der Beirat für psychische Gesundheit des Gesundheitsministeriums der damaligen Übergangsministerin Brigitte Zarfl kommt zum Schluss, dass es ein Verbot nicht brauche. In einem Schreiben an die neun Landeshauptleute, das PULS 24 vorliegt, heißt es lediglich: "'Konversionstherapien' werden von allen im Beirat vertretenen Fachexpertinnen und Fachexperten und Betroffenenvertretern als unethisch und nach vorliegender Evidenz als schädlich eingestuft." Der Beirat geht davon aus, dass die Konversionstherapie gegen das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens (Art 8 EMRK) verstoßen würde. Praktizierenden Ärzten droht bei Anwendung jener Methoden ein Lizenzentzug.

Für religiöse Gruppierungen, die solche Praktiken anbieten, hat sich dadurch allerdings rein rechtlich nichts geändert. Das stößt vor allem den NEOS sauer auf, die versuchen das Thema wieder in den Diskurs zu bringen. Mittels Online-Petition versuchen die Pinken jetzt, Druck auf die Regierungsparteien ÖVP und Grüne auszuüben und ein Verbot nach dem Vorbild Deutschlands zu erwirken. Man wisse, "dass solche Umpolungsversuche massive Folgeschäden haben", so NEOS Mandatar Yannick Shetty.

Im Grün geführten Gesundheitsministerium verweist man in einem schriftlichen Statement an PULS 24 auf die berufsrechtlichen Konsequenzen, die drohen, wenn etwa Ärzte solche Therapien anwenden. Weiter heißt es: "Der kirchliche oder freikirchliche Bereich unterliegt nicht der Zuständigkeit des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Die Vermutung liegt nahe, dass aber vor allem in streng religiösen Kreisen Konversionsbehandlungen stattfinden." Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein selbst verurteilt die Praktiken und bezeichnet es als Schande, dass diese 2021 noch immer betrieben werden. Für den freikirchlichen Bereich sei man nicht zuständig, man sei mit dem Justizministerium allerdings bereits im Kontakt. Dort heißt es, dass bereits "verschiedene Überlegungen" angestellt worden sind.

Jakobs Kampf gegen Windmühlen

Seit dem Beginn von Jakobs fragwürdiger "Therapie" sind inzwischen zwei Jahre vergangen. Jakob ist 18 Jahre alt. Zum Bruch mit der Gemeinschaft kommt es allerdings erst, als sein pastoraler Begleiter einen drastischen Lebenswandel vollzieht und nach Lateinamerika auswandert. Dort will er künftig Prostituierte bekehren. Vermittlungsversuche an einen anderen Mentor scheitern, Jakob hat endgültig genug. "Wenn es tatsächlich einen Gott gibt, der nicht will, dass ich so bin wie ich bin, dann hätte er jetzt Gelegenheit genug gehabt, das zu ändern", fasst Jakob seinen Beschluss zusammen, endlich mit der "Therapie" aufzuhören.

Sein Outing verläuft im familiären Kreis problemlos. Über seine Schwester lernt er erstmals andere homosexuelle Menschen kennen. Ein ganz neues Weltbild eröffnet sich dem jungen Mann. Mit dem Christentum schließt Jakob ab, er beginnt einen neuen Lebensabschnitt. PULS 24 hätte gerne bei den Verantwortlichen nachgefragt, was sie rund 20 Jahre später zu ihrem Verhalten sagen. Die betroffene Gruppierung besteht inzwischen allerdings nicht mehr.

Vorbei ist es damit allerdings nicht. Zu tief sitzt das Erlebte. Das macht sich auch in seiner ersten Beziehung bemerkbar. "Ich hab in den ersten sechs Monaten jedes Mal, wenn wir Sex gehabt haben, geheult und bin danach duschen gegangen. Ich habe mich wahnsinnig schmutzig gefühlt."

"Tiefsitzender Selbsthass" durch "Therapie"

Einer, der seit Jahren mit Menschen zu tun hat, die solche Torturen durchgemacht haben, ist der Sexualtherapeut und Gründer der Beratungsstelle Courage, Johannes Wahala. In seiner geräumigen Praxis im sechsten Wiener Gemeindebezirk empfängt er PULS24 zum Gespräch. Das Druckwerk von Andrew Comiskey fasst er nur mit zwei Fingern an und verzieht leicht Gesicht, ehe er es auf die Seite legt: "Kenn’ ich."

Solche "Therapien" seien von Beginn an zum Scheitern verurteilt, den Teilnehmern werde über die gesamte Zeit ein verzerrtes Bild von Homosexualität gezeichnet, erklärt Wahala. Schwul sein wird mit einem unstillbaren Drang nach Sex in Verbindung gebracht, mit Beziehungsunfähigkeit, einem Verlust der Männlichkeit und auch mit Kindesmisshandlung. Dennoch ist die "Therapie" für die Probanden ein Kampf gegen Windmühlen. Denn die sexuellen Neigungen lassen sich schließlich nicht therapieren. Teilnehmer würden dadurch eine "massive internalisierte Homophobie" entwickeln, so der Therapeut – eine Abneigung gegenüber der eigenen Person. Die Folgen sind ein tiefsitzender Selbsthass, nicht selten verbunden mit Symptome wie Angststörungen, Panikattacken und Depressionen.

"Viele Teilnehmer glauben, sie könnten durch die Therapie wieder 'normal', also heterosexuell, werden. Ihnen ist schließlich ständig eingeredet worden, dass Gott nur heterosexuelle Menschen erschaffen hat und alles andere sei eine Abirrung, eine Sünde, eine Perversion. Wer will schon in Sünde leben, wenn er kirchlich sozialisiert worden ist", fasst Wahala die aussichtslose Situation der Betroffenen zusammen.

Die Angst davor "in Sünde zu leben" hat Jakob Jahre nach den Ereignissen abgelegt. Seinen "pastoralen Begleiter" hat er nie wieder gesehen. Er selbst war vor einigen Jahren auf einer Reise in Lateinamerika. Ein ausgemachtes Treffen hält der selbsterklärte "Homoheiler" nicht ein. "Ich habe den Eindruck, die scheißen sich dann wahnsinnig an. Wenn du ihnen konterst und nicht nur auf Schiene bist, dann reden sie nicht mehr mit dir."

Daniel RetschitzeggerQuelle: Redaktion