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"Graz, 10. Juni 2025" - Schüler veröffentlicht Buch

Heute, 05:00 · Lesedauer 4 min

Beim Amoklauf an einer Grazer Schule sind im Juni 2025 zehn Menschen getötet und elf weitere teils schwerst verletzt worden. Zu ihnen zählt Sam Askari. Der heute 17-Jährige erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Mittlerweile besucht er wieder die Schule und träumt von einer Karriere als Rapper. In seinem Buch mit dem Titel "Graz, 10. Juni 2025" schildert er das Geschehene sowie die Zeit davor und danach aus seiner Perspektive.

"Ich stellte die Schüssel in die Spüle und packte meine Schultasche, die neben dem Eingang lag. Dann schlüpfte ich in meine Sneakers, rief ein paar Abschiedsworte über die Schulter, machte die Tür hinter mir zu und lief die Stufen des Treppenhauses hinunter" - der Tag, der so gewöhnlich begann, entwickelte sich wenige Minuten später dramatisch und veränderte das Leben von Sam gewaltig. Für viele seiner Schulkameraden endete er tödlich. Es begann mit mehreren hörbaren Schüssen, dann Stille, dann eine nach innen aufbrechende Tür.

"Das Erste, was ich sah, war ein schwerer, schwarzer Stiefel, der über die Holzsplitter stieg und sich durch den Türrahmen schob. Dann tauchte der Rest des Menschen auf, zu dem er gehörte", erinnert sich Sam in dem Buch, das er gemeinsam mit Verleger Maximilian Hauptmann geschrieben hat. Kurz darauf wird der Mann durch die Reihen gehen und schießen, "kurz und bedächtig. Wie ein grausames Loch, das Licht und Geräusche verschluckte und die Wirklichkeit entzweibrach". Es sind wenige Worte, aber sie sind von erschütternder Intensität und fangen den Moment ein, in dem die brutalste Form der Realität über den Erzähler und seine Mitschüler hereinbricht.

Als am 10. Juni 2025 ein 21-Jähriger im BORG Dreierschützengasse einen Amoklauf beging und das Feuer eröffnete, erlitt Sam Askari einen Kopfschuss. Zwei Tage Koma, zwei Operationen und mehrere Wochen Krankenhausaufenthalt folgten. Das nun vorliegende Buch vermittelt die Unbegreiflichkeit des Geschehens. Auf den 144 Seiten gibt es vor allem aber auch Einblick in die Gedankenwelt eines jungen Menschen, der sich vom Opfer zum Gestalter seiner eigenen Geschichte und Zukunft entwickelt.

Das Buch beginnt nicht mit dem Amoklauf und endet auch nicht mit ihm: Es erzählt auch von der noch nicht lange zurückliegenden Übersiedlung von Sams Familie aus dem Iran nach Graz im Jahr 2023 - inklusive der vielen Herausforderungen, vor denen der Schüler, der bis dahin kein Wort Deutsch konnte, stand. Es erzählt von den Schwierigkeiten des "Einlebens" in eine bisher fremde Gesellschaft, vom Gefühl der Verlorenheit, von der Einsamkeit - und von der identitätsstiftenden Kraft der Musik des Jugendlichen, der von einer Karriere als Rapper träumt. Und er schildert sein Erleben der dramatischen Minuten, in denen er sich in einer lebensbedrohlichen Situation wiederfindet, die alles bisherige verändert.

Das Buch erzählt auch von der Rückkehr in einen Alltag, der nie wieder wie zuvor sein wird, und von der Zukunft, die Sam sich nun selbst gestaltet. Als Schüler, Autor, Rapper und Überlebender blickt er nach vorn - mit bemerkenswerter Entschlossenheit, das Erlebte in etwas Positives zu transformieren. Wenige Tage nachdem er aus dem Koma erwachte, schrieb er die ersten Zeilen für einen neuen Rap-Song. Für ihn war es einer der Wege, das Geschehene zu verarbeiten, die Musik wurde neben dem Ausdrucksmittel auch zum Rettungsanker.

Was wirklich zählt

Unter den physischen und emotionalen Narben fand sich auch Wut. Sam Askari hat sich dafür entschieden, diese nicht über sein Leben bestimmen zu lassen. Denn er habe erkannt: "Jede Sekunde, die ich an diesen Verbrecher oder an das, was er getan hatte, dachte, war eine verschwendete Sekunde meines Lebens. Damit gab ich ihm Macht über meine Gegenwart." Daher habe er sich auf die Dinge konzentriert, die ihm wichtig waren: "Auf die wundervollen Menschen, die mich jeden Tag besuchten. Und auf meine Musik", reflektiert "Samiko", wie sich der 17-Jährige heute als Rapper nennt. Er gibt offen zu, dass es Tage gibt, an denen er nicht "stark" sein kann und dass er noch nicht bereit ist, sich von seinen verstorbenen Freunden zu verabschieden. Die Bewältigungsarbeit sei "noch lange nicht" erledigt.

Der schmale Band aus dem Wiener Verlag "edition a" berührt und regt zum Nachdenken über Integration, Hoffnung, Menschlichkeit und nicht zuletzt über Gewalt und einer Vision von Frieden an - und er transportiert nach all dem Erlebten zugleich eine klare Botschaft: Es gibt Wege, mit dem Unvorstellbaren umzugehen und daraus etwas Positives zu schaffen. "Ich plane und arbeite für eine Zukunft, denn es ist mir bewusst, wie wertvoll es ist, eine zu haben", so Sam heute.

(Von Annemarie Happe/APA)

(S E R V I C E - Sam Askari mit Maximilian Hauptmann, "Graz, 10 Juni 2025", edition a, Wien, März 2025. Gebundene Ausgabe, 144 Seiten, ISBN: 978-3-99001-909-2, 22 Euro)

Zusammenfassung
  • Beim Amoklauf an einer Grazer Schule am 10. Juni 2025 wurden zehn Menschen getötet und elf weitere teils schwerst verletzt.
  • Der 17-jährige Sam Askari überlebte mit lebensgefährlichen Verletzungen und verarbeitet das Geschehen in seinem Buch "Graz, 10. Juni 2025".
  • Das Buch beschreibt neben dem Amoklauf auch Sams Flucht aus dem Iran, die Herausforderungen der Integration in Graz und seine Leidenschaft für Rap-Musik.
  • Askari lag nach einem Kopfschuss zwei Tage im Koma, musste zweimal operiert werden und begann wenige Tage nach dem Erwachen, neue Rap-Songs zu schreiben.
  • Das 144-seitige Buch, erschienen im März 2025 im Wiener Verlag "edition a" für 22 Euro, vermittelt eine Botschaft von Hoffnung, Bewältigung und der Kraft, das Erlebte in etwas Positives zu verwandeln.