APA - Austria Presse Agentur

Graphic Novel "Soon" entführt in eine düstere Zukunft

15. Jan 2021 · Lesedauer 3 min

Der ungehinderte Raubbau an der Natur zeitigt katastrophale Folgen, eine globale Pandemie rafft die Menschheit dahin, und der Kampf um Impfstoffe sorgt für kriegerische Auseinandersetzungen: Die Rahmenhandlung der Graphic Novel "Soon" klingt nicht nur höchstaktuell, sondern auch äußerst düster. Das französische Kreativgespann Thomas Cadene und Benjamin Adam verwebt für seine Science-Fiction-Story einen pädagogischen Gestus mit emotionaler Tiefe sowie ungewöhnlicher Struktur.

Wir schreiben das Jahr 2151: Die Erde ist beinahe unbewohnbar geworden, in sieben Städten konzentriert sich ein Großteil der Bevölkerung, der die Katastrophen des 21. Jahrhunderts überlebt hat. Blickt die zukünftige Generation zurück, so kann sie nur den Kopf schütteln angesichts von Turbokapitalismus und Technologiehörigkeit, die mehr als 100 Jahre zuvor zum großen Knall führten. Eine neue Lebensweise muss her, basierend auf dem "Kontrakt" zwischen den Völkern - und die Suche nach neuen Welten erfährt Aufschwung.

In diese Szenerie packen Cadene (Text) und Adam (Text und Zeichnungen) das Mutter-Sohn-Gespann Simone und Juri Jones. Sie hat die schwere Aufgabe, mit der Weltraummission "Soon 2" nicht nur ihr Leben aufs Spiel zu setzen, sondern die Hoffnungen von Millionen auf ihren Schultern zu tragen. Irgendwo da draußen muss schließlich ein besseres Leben möglich sein, oder? Nicht alle folgen diesem Glauben, schon gar nicht Juri, der ob des nahenden Starts der Mission seiner Mutter die kalte Schulter zeigt.

Eine letzte gemeinsame Reise um den ehemals blauen Planeten soll die mütterlichen Gefühle besänftigen - jedenfalls schwebt es Simone so vor. Während sie von einem PR-Termin zum nächsten jagt, um Zweifler vom "Soon 2"-Vorhaben zu überzeugen, taucht Juri immer tiefer in für ihn fremde Gebiete ein. Denn nicht alles läuft in so streng geregelten Bahnen ab, wie es sich die Unterzeichner des "Kontrakts" vielleicht vorgestellt haben. Juri entdeckt Leidenschaft und Gefahren, die er so zuvor nicht kannte.

Diese in klassischen Coming-of-Age-Zügen geschilderte Handlung unterbrechen Cadene und Adam mit extrem offen gestalteten Kapiteln, in denen Simone dem jungen Juri die Geschehnisse vom Ursprung des Weltalls bis in die chaotische Jetztzeit schildert. Fühlt man sich ob der verschachtelten Gestaltung dieser in Dunkelblau und Türkis gehaltenen Abschnitte nicht selten an Chris Ware erinnert, gleicht der Inhalt beizeiten einem schulischen Vortrag (was auch direkt aufgegriffen wird). Allerdings, und hier endet der Gestus des erhobenen Zeigefingers, ist das Erzählte eigentlich zu komplex, um es auf eine klare Narration zu reduzieren.

Auf diese Weise gelingt es den Autoren, ihrer Graphic Novel viel an Wissen und möglichen Konsequenzen unseres Handelns einzuschreiben, ohne dass man sich belehrt oder vor den Kopf gestoßen fühlt. Zudem sind in den sehr dicht gestalteten Seiten so feine Details wie Oprah Winfrey als US-Präsidentin oder eine angesichts der weltweiten Pandemie überforderte WHO versteckt. Nicht vordergründig, aber als Teil einer sehr weit ausholenden Erzählung, die viele aktuelle Entwicklungen weiterdenkt.

Der Wechsel zwischen den Ebenen, dem emotionalen Konflikt Juris einerseits und der "historischen" Wissensvermittlung andererseits, regt bei der Lektüre von "Soon" mehrfach zum Grübeln an. Adams Bildsprache erledigt den Rest, holt mal mit extremer Detailfreude das Geschehen ganz nah heran, um im nächsten Schritt auf simple Effekte und klare Überblicke zu vertrauen. So dystopisch und fremd vieles in "Soon" wirken mag, so sehr ist dies ein Comic über das Heute und unsere Taten. Ein sehr gelungenes Stück Science-Fiction, das keineswegs nur die ferne Zukunft behandelt.

(S E R V I C E - Thomas Cadene, Benjamin Adam: "Soon", Carlsen Verlag, 240 Seiten, 29,90 Euro. www.carlsen.de/hardcover/soon/978-3-551-78760-6)

Quelle: Agenturen