Gibt keine "ideale" Geburtenrate für Wohlstand
In einem im Fachjournal "Nature Human Behaviour" veröffentlichten Kommentar reagieren die beiden Demographen Wolfgang Lutz und Guillaume Marois vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien auf die politische und öffentliche Besorgnis über sinkende Geburtenraten in hoch entwickelten Ländern. Niedrige Geburtenraten würden zunehmend als Krise dargestellt, verbunden mit Bevölkerungsalterung, Arbeitskräftemangel und finanzpolitischem Druck.
Doch diese Darstellung beruht laut Lutz und Marois "auf veralteten Annahmen, die nicht mehr die aktuellen demografischen Realitäten widerspiegeln". So würden - entgegen der weit verbreiteten Überzeugung, dass sich die Geburtenrate mit fortschreitender menschlicher Entwicklung wieder erholt - die neuesten Daten bis 2023 zeigen, dass sich dieses Muster umgekehrt hat: Demnach sei die Fertilität in der Regel umso niedriger, je höher der Human Development Index eines Landes ist. Als Beispiel nennen die Forscher die nordischen Länder, die einst als Vorbilder für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gegolten haben, nun aber einen unerwartet starken Rückgang der Fertilität erleben würden.
In Frage gestellt wird von den beiden Demographen auch das oft angestrebte Ideal des sogenannten "Ersatzniveaus". Demnach sollte eine Frau im Schnitt 2,1 Kinder bekommen, um die Bevölkerungsgröße ohne Berücksichtigung der Migration langfristig stabil zu halten. Für Lutz und Marois ist dieser Richtwert "ein künstliches Konstrukt", das nur unter unrealistischen Annahmen wie dem Ausbleiben eines weiteren Rückgangs der Sterblichkeit zu einer langfristigen Bevölkerungsstabilität führe.
Systemanpassungen notwendig
Die Autoren betonen, dass Bevölkerungsstabilität nicht automatisch zu wirtschaftlichem oder sozialem Wohlstand führe. Vielmehr hänge wirtschaftliche Nachhaltigkeit mehr von der Bevölkerungsstruktur als von der Bevölkerungsgröße ab: Ein höheres Bildungsniveau, eine höhere Erwerbsbeteiligung und eine steigende Produktivität können die Auswirkungen einer geringeren Geburtenrate ausgleichen - und sogar überwiegen.
Geburtenfördernde Maßnahmen könnten zwar das Wohlergehen von Familien verbessern, ihre Auswirkungen auf die Geburtenrate seien aber in der Regel gering. Zudem führe eine höhere Geburtenrate nicht unbedingt zu mehr wirtschaftlichem Wohlergehen. Deshalb sollten Regierungen die Sozialversicherungs-, Arbeitsmarkt- und Pensionssysteme an die Realität einer anhaltend niedrigen Geburtenrate anpassen und gleichzeitig die Investitionen in Bildung und Produktivität verstärken, plädieren die Demographen.
Investitionen in Bildung und Produktivität
"Unsere Botschaft lautet nicht, dass eine niedrige Geburtenrate an sich gut oder schlecht ist", betonte Lutz in einer Aussendung des IIASA, und weiter: "Es gibt kein einziges 'ideales' Geburtenniveau, das Wohlstand garantiert. Anstatt zu versuchen, die Geburtenraten wieder auf ein willkürliches Ziel zu bringen, sollten sich die Regierungen darauf konzentrieren, die Sozialversicherungssysteme an die sich verändernden demografischen Realitäten anzupassen und stark in Bildung und Produktivität zu investieren. Unter diesen Bedingungen können Gesellschaften auch mit weniger Geburten gedeihen."
(SERVICE - https://doi.org/10.1038/s41562-026-02423-6 )
Zusammenfassung
- Die Geburtenrate in Österreich liegt laut Statistik bei nur 1,29 Kindern pro Frau, während das sogenannte Ersatzniveau für stabile Bevölkerungszahlen bei 2,1 liegt.
- IIASA-Forscher betonen, dass es kein 'ideales' Geburtenniveau für Wohlstand gibt und eine niedrige Geburtenrate unter bestimmten Bedingungen sogar vorteilhaft sein kann.
- Statt die Geburtenrate künstlich zu erhöhen, sollten Regierungen laut den Autoren Sozial- und Pensionssysteme anpassen und verstärkt in Bildung sowie Produktivität investieren.
