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"Gender Data Gap": Die Welt ist für den Mann zugeschnitten

09. Jan. 2023 · Lesedauer 3 min

Was bei zu großen Smartphones noch ein Alltagsproblem ist, kann bei der Fahrsicherheit zu lebensgefährlichen Verletzungen führen: Der "Gender Data Gap" führt dazu, dass unsere Welt häufig nur an die Hälfte der Bevölkerung angepasst ist.

Der "Gender Data Gap" bezeichnet den Umstand, dass bei der Entwicklung von alltagsrelevanten Produkten nur selten weibliche Probandinnen teilhaben, erklärt Sonja Sperber vom Institut für Strategie, Technologie und Organisation der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) im Gespräch mit der APA. Dies führe zu risikoreichen Folgen wie falsche Medikamentendosierungen oder Schutzausrüstung, die für männliche Körper entwickelt wurde und an Frauen gefährlich schlecht sitzt.

Große Datenlücken

In der Vergangenheit seien bei Studien zu einem überwiegenden Teil, oft sogar ausschließlich Daten zu männlichen Probanden erhoben worden. "Daten zu Frauen sind entweder nicht miterhoben worden oder aber in einem so geringen Umfang, dass die Daten nicht brauchbar sind", kritisiert Sperber. Die daraus entstehenden Datenlücken tragen mitunter weitreichende Konsequenzen, etwa wenn es um die Fahrsicherheit geht.

Die sogenannten Crash-Test-Dummies, also Puppen, mit denen Autounfälle simuliert werden, seien männlichen Körpern nachempfunden. Die Tests mit weiblichen Puppen durchzuführen sei nicht verpflichtend. So gibt es weitaus weniger Daten darüber, wie ein Frauenkörper im Ernstfall eines Unfalles Verletzungen davonträgt.

Die Dosis macht's

Auch die Medizin sei an den Mann angepasst, sagt Sperber. Medikamente würden hauptsächlich an Männern getestet und führen somit zu falschen Dosierungsempfehlungen für die im Durchschnitt kleineren, leichteren Frauen. Der Menstruationszyklus würde ebenfalls kaum miteinbezogen.

Der Gender Data Gap zeigt sich aber oftmals bereits im Medizinstudium: Werden Studierende nur anhand männlicher Anatomie unterrichtet, habe das Einfluss auf die Behandlung von Frauen, bei denen sich Krankheiten (etwa Herzinfarkte) durch andere Symptome äußern. Zuletzt bewies eine kanadische Studie, dass Frauen, die von männlichen Chirurgen operiert werden, ein um 32 Prozent höheres Risiko haben, zu sterben oder Komplikationen zu erleiden. Bei Chirurginnen zeigten sich keine Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Patient:innen.

Kaum Bewusstsein für das Problem

In der Wissenschaft sei das Bewusstsein für das Problem noch nicht wirklich angekommen, erklärt Sperber. Um mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu generieren, ruft sie aktuell für eine Spezialausgabe des "European Management Journals" zur Einsendung von Studien auf, die den Gender Data Gap auf der Management-Ebene behandeln. Denn auch hier würden Studien über die Gründe, warum mehr Männer als Frauen Führungspositionen ausüben, überwiegend mit männlichen Probanden durchgeführt.

Der Gender Data Gap bewirke, dass man die Frauenwelt und deren Probleme nicht verstehen könne, konstatiert Sperber. Mit mehr Aufmerksamkeit für das Thema und dessen Konsequenzen müsse eine baldige Änderung der Datenerhebungsverfahren erreicht und die Datenlücken ausgeglichen werden.

Valerie MazzucatoQuelle: Agenturen / Redaktion / vma