Explosion in Chemiepark: Firma geht von Tod der Vermissten aus

27. Juli 2021 · Lesedauer 5 min

Bei einer schweren Explosion im Chemiepark Leverkusen sind am Dienstag zwei Menschen ums Leben gekommen, die Suche nach Vermissten geht weiter. Nun gibt die Firma der Verbrennungsdeponie bekannt, dass sie mit dem Tod der fünf Vermissten rechne.

Die Betreiberfirma des von einer schweren Explosion erschütterten Chemparks in Leverkusen in Deutschland geht von dem Tod der nach dem Unglück noch vermissten Mitarbeiter aus. "Wir müssen leider davon ausgehen, dass wir die fünf Vermissten nicht lebend finden", sagte der Chef der Firma Currenta, Frank Hyldmar, am Mittwoch. Es handle sich um vier Mitarbeiter seines Unternehmens und einen Mitarbeiter einer externen Firma.

Die Polizei kündigte an, am Donnerstag mit Untersuchungen am Unglücksort beginnen zu wollen. Die Stadt hielt ihre Bürger unterdessen wegen niedergegangener Rußpartikel weiterhin zur Vorsicht an. Den Angaben zufolge waren nach der Detonation und der anschließenden Rauchwolke "cent- bis eurogroße Partikel" mit einer öligen Konsistenz registriert worden.

Tote nach Explosion in Chemiepark in Leverkusen

Der Bürgermeister der Stadt, Uwe Richrath, sprach von einem "tragischen Tag für Leverkusen". Die Explosion mit anschließendem Brand ereignete sich nach Angaben des Chemieparkbetreibers Currenta gegen 9.40 Uhr im Tanklager des Entsorgungszentrums im Stadtteil Bürrig. Der Brand ist inzwischen gelöscht, die Ursache der Explosion unklar. Feuerwehr, Rettungskräfte und Luftmesswagen waren mit einem Großaufgebot im Einsatz. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ordnete die Explosion in die Warnstufe "Extreme Gefahr" ein.

Die gewaltige Explosion, die Zeugen zufolge im Umkreis von gut zehn Kilometern zu hören war, ereignete sich nach Angaben des Betreibers im Tanklager des Entsorgungszentrums Bürrig.

Entwarnung erst nach Tagen

"Stark alarmiert" zeigt sich auch Doris Marko vom Institut für Lebensmittelchemie und Toxikologie an der Uni Wien vor allem darüber, dass es sich hierbei um eine Giftmüllverbrennungsanlage handelt. Die Chloriden Lösungsmittel, die laut Angabe der Stadt Leverkusen, verbrannt wurden, können zu Chloriden Verbindungen werden, die ungünstig für den Menschen sein können, sagt Marko.

Die akute Gefahr für die Atemwege sei erst "relativiert, wenn die Wolke weg ist", sagt die Toxikologin. Sie sei allerdings besorgt darüber, welche Stoffe sich auf die Ernte ablegen könnten. Das volle Ausmaß der Explosion könne erst in den kommenden Tagen erfasst werden, weiß die Expertin. Daher könne auch erst ab diesem Zeitpunkt eine Entwarnung ausgesprochen werden.

Chemikerin warnt vor giftigem Rauch

Doris Marko, Leiterin des Instituts für Lebensmittelchemie und Toxikologie an der Universität Wien, im Interview mit PULS 24 über die Explosion.

Nach der Explosion brannte das Tanklager mit Lösungsmitteln stundenlang, ehe das Feuer zu Mittag unter Kontrolle und weitgehend gelöscht war. "Die Löscharbeiten mussten warten, bis eine Stromleitung vom Netz getrennt war", erklärte die Stadt. Sogar die Feuerwehr im rund 60 Kilometer entfernten Dortmund warnte vor möglichen Geruchsbelästigungen. Die Ursache war zunächst unklar. Eine gewaltige Rauchwolke stieg auf. Die Erschütterung war derart heftig, dass sogar mehrere Stationen des Geologischen Dienstes Nordrhein-Westfalen sie maßen. Unter anderem wurde sie an einer Station in rund 40 Kilometer Entfernung registriert.

Anrainer der Explosion in Leverkusen: "Ich habe mich zu Tode erschrocken"

Die Anrainer wurden gebeten, geschlossene Räume aufzusuchen sowie Türen und Fenster geschlossen zu halten. Zur Warnung wurden Sirenen und Warn-Apps ausgelöst. Friedrich sagte, die Menschen in Leverkusens seien weiter zur Vorsicht aufgerufen und sollten verdächtige Niederschläge melden. Laut WDR erschütterte die Explosion das ganze Stadtgebiet und war auch im weiter entfernten Bergisch Gladbach zu hören. Die Polizei sperrte vorübergehend mehrere Autobahnen in der Nähe des Chemieparks.

Nach dem Brand bestand nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministers Herbert Reul (CDU) bei einem zweiten Tank Explosionsgefahr. Dieser habe 100.000 Liter hochentzündliche, giftige Abfallstoffe enthalten, sagte Reul am Dienstag. Die Feuerwehr habe die Gefahr aber bannen können. Nach Reuls Angaben waren 300 Feuerwehrleute im Einsatz.

Dioxinverbindungen im Rauch vermutet

Nach dem Unglück hatten Tanks gebrannt, in denen nach Angaben von Currenta "organische Lösungsmittel" gelagert waren. Anschließend stieg eine riesige Rauchwolke auf, Rußpartikel gingen auf nahe gelegene Ortschaften nieder. Unklar war zunächst, welche Stoffe sich genau im Rauch befunden hatten. Die Stadt Leverkusen empfahl ihren Einwohnern unter anderem, kein Obst- oder Gemüse aus dem Garten zu essen, auf dem sich Partikel abgelagert hatten.

Das LANUV erklärte, nach seinen Informationen seien in den betroffenen Tanks unter anderem chlorierte Lösungsmittel gelagert worden. "Die besondere Problematik bei Stoffen, die Chlor beinhalten, ist, dass bei einem Verbrennungsprozess Chlorverbindungen zu Dioxin- oder PCB-Verbindungen werden können", erläuterte ein Sprecher. In welcher Konzentration dies tatsächlich geschehen sei, werde aktuell noch in einem eigenen Dioxinlabor untersucht. "Diese Untersuchungen sind recht aufwendig, daher werden die Ergebnisse nicht vor Ende dieser Woche vorliegen."

Die Frage nach der Konzentration ist entscheidend. "Dioxin,- PCB- und Furanverbindungen werden durchaus in Zusammenhang gebracht mit Missbildungen bei Neugeborenen von Tieren, weniger beim Menschen, als Umweltöstrogene oder auch Krebs erregende Substanzen beim Menschen", sagte Daniel Dietrich, Leiter der Arbeitsgruppe Human- und Umwelttoxikologie an der Universität Konstanz. "Aber - und das ist das große Aber - nur in hohen Konzentrationen. Und die liegen nicht vor, wenn das entsprechende Gebiet im Laufe der Zeit gereinigt und dekontaminiert wird."

Die Stoffe klebten an Oberflächen, sagte er. "Sie springen einen nicht an, man müsste sie schon aktiv in den Körper transportieren - etwa, wenn man sich nach der Arbeit im Garten die Hände abschleckt." Nach seiner Einschätzung bestehe also keine akute Gefahr für die Bevölkerung, wenn sie sich an die Handlungsempfehlungen der Behörden hält.

Currenta ist Betreiber des so genannten Chemparks mit drei Standorten in Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen - eines der größten Chemie-Areale in Europa. Mehr als 70 Unternehmen sind dort angesiedelt, darunter auch die Dax-Konzerne Covestro und Bayer oder auch Lanxess und Air Liquide. 2019 hatten Bayer und Lanxess ihre Anteile an Currenta mit rund 3.300 Mitarbeitern an eine Infrastruktur-Investmentgesellschaft der australische Bank Macquarie verkauft.

Quelle: Agenturen / lam