Martin Krachler

Ex-Bestatter: "Tod ist die Quelle der Angst"

01. Nov 2021 · Lesedauer 3 min

Mit den "immer gleichen Allerheiligen-Diagnosen" gehe stets ein "verschönertes" Bild des Todes einher, sagt der ehemalige Bestatter und Psychologe Martin Prein. Im PULS 24 Interview spricht er über die tatsächlichen Tabus des Todes und warum mit der Sterblichkeit auch eine Ambivalenz einhergeht.

Mit Allerheiligen werden die Themen Sterblichkeit und Tod wieder aufs Tapet gebracht. Googelt man Tod, fällt auf, dass Symbolbilder zum Tod oftmals z.B. Engel im Kerzenschein zeigen oder Hände, die sich halten. Diese Darstellungsarten des Todes nennt der Psychologe und ehemalige Bestatter Martin Prein die "Verteelichtung des Todes". Prein meint damit die "weich gezeichnete und verschönte" Darstellung des Todes. "Das ist vielleicht eine Form des Tabus, dass man Teile ausspart", sagt er im PULS 24 Interview.

Die hässliche Seite des Todes als Tabu

Die andere Seite, nämlich die "verzerrte und hässliche Fratze des Todes, die darf man den Leuten nicht zeigen, habe ich den Eindruck", meint Prein. Er fügt dem an, dass nicht alle Menschen schmerzfrei sterben würden und mit dem Tod daher auch eine "hässliche, unschöne" Seite einhergehe. Diese Seite bringe man "auch nicht weg". "Der Tod ist die Quelle der Angst schlechthin, die müssen wir kennenlernen, die gehört dazu", erklärt er im Interview. Besonders die "immer gleichen Allerheiligen-Diagnosen" würden den Tod nicht so darstellen, wie er ist. Für Prein sei das Thema Tod daher "etwas hoch Ambivalentes", also etwas Widersprüchliches.

"Es geht immer um diese Ambivalenz und letztlich, auch sich gegen den Tod zu stemmen", erklärt der Psychologe und Thanatologe. Egal ob im traditionellen Ritual oder durch wissenschaftliche Theorien, der Mensch versuche sich gegen die eigene Sterblichkeit zu stellen. Dennoch sei es wichtig, auch die "Todesvergessenheit zu leben". Denn sich ständig dem Tode bewusst zu sein und ausschließlich in Todesangst zu leben, würde die Menschheit nicht weiterbringen, meint Prein. Man müsse erkennen, "in welcher absurden Situation wir uns als Menschen befinden" und den Tod "als das sehen, was er ist".

Bestatter brechen ausschließlich Leichentabu

"Wenn etwas tabu ist, dann ist es der Leichnam. Der tote Körper ist das Symbol des Todes schlechthin", sagt der Psychologe gegenüber PULS 24. Auch das sogenannte Leichentabu birgt eine gewisse Ambivalenz. Mit der Leiche sei sowohl Trauer und Schmerz wie auch Unreinheit verbunden. "Der Bestatter bricht ausschließlich das Leichentabu", davon könne er sich auch nicht "reinwaschen". Pflegekräfte oder Sanitäter hingegen würden dies sehr wohl können, sie würden der "Heldengeschichte obliegen". Prein war selbst als Sanitäter und danach fünfzehn Jahre als Bestatter tätig, ehe er sich wissenschaftlich mit dem Thema Tod auseinandersetzte. Er selbst erlebte in seiner Zeit als Bestatter oftmals eine gewisse Ausgrenzung. So wollte man ihn beispielsweise im Altenheim nicht mit einem Handschlag begrüßen.

Doch bei "allen Dimensionen des Leichentabus" könne das Brechen dieses Tabus für Angehörige eine Art des Trosts sein. Schließlich ende die "liebende Zärtlichkeit" laut Prein nicht mit dem Tod des Familienmitglieds. Für manche kann das Anfassen der Leiche daher dazu beitragen, den Tod zu "begreifen, und zwar im doppelten Sinn", sagt er im Interview.

Angela PerkonigQuelle: Redaktion / pea