Nisvet Poric

Evakuierung von Flüchtlingslager Lipa: Die Busse ziehen wieder ab

30. Dez 2020 · Lesedauer 3 min

Die Evakuierung des eigentlich bereits geschlossenen Flüchtlingslagers Lipa in Bosnien-Herzegowina ist abgebrochen worden. Rund 700 Geflüchtete sind weiterhin obdachlos.

Die Evakuierung Hunderter Menschen aus dem eigentlich bereits geschlossenen Flüchtlingscamp Lipa in Bosnien-Herzegowina ist abgebrochen worden. Die rund 700 verbliebenen Geflüchteten hätten am Dienstag mit Bussen in eine ehemalige Kaserne in Bradina, 45 Kilometer südwestlich von Sarajevo, gebracht werden sollen.

Petar Rosandic von der NGO SOS Balkanroute sagt gegenüber PULS 24, dass die Busse am späten Mittwochnachmittag wieder gefahren seien. Zuvor hätten die Geflüchteten eine Nacht in den Bussen verbracht. Niemand wisse derzeit, was passieren wird. Laut Medienberichten vom Mittwoch wurde der Transfer auf politischer Ebene blockiert.

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Das regionale Internetportal TV "N1" berichtet, dass Einheimische aus Bradina die Kaserne blockieren. Auch lokale Politiker hätten sich gegen die Entscheidung, die Migranten in der Einrichtung der Armee unterzubringen, gestellt. Dies entspreche nicht der üblichen Vorgehensweise und sei in keiner Art und Weise mit den lokalen Behörden abgesprochen worden, wurde aus einem Statement der Regierung des Kantons Herzegowina-Neretva, in dem Bradina liegt, zitiert.

Man erwarte eine Lösung im Laufe des Tages, berichtete die serbische Agentur Tanjug unter Berufung auf das Innenministerium. Polizei und Ministerium stünden jedenfalls für Hilfe bei der Evakuierung bereit.

"Von einer Agonie in die nächste"

Gegenüber PULS 24 sagt Rosandic, dass die Menschen nach der abgebrochenen Evakuierung verzweifelt seien. Die Evakuierung selbst sei sehr überraschend verkündet worden. Die deutsche "ARD" berichtet, dass die Flüchtlinge und Migranten zu Beginn das Ziel der Reise gar nicht gewusst hätten. 

Auch Essen durfte nur einmal am Tag verteilt werden. Am Dienstag verteilte SOS Balkanroute 750 Lunchpakete. Rosandic, der die Ausgabe mitorganisiert hat, sagt, dass die Campbewohner zuvor nur Brot, zwei Konservendosen und eine 0,5 Liter Flasche Wasser erhalten hätten.

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Die nun gescheiterte Evakuierung bezeichnet Rosandic als "Katastrophe". "Von einer Schande in die nächste", fasst er die Geschehnisse in Lipa zusammen. Gegenüber PULS 24 hebt er hervor, dass junge Menschen aus Graz, Innsbruck und Wien sowie Süddeutschland vor Ort seien, um den Menschen hier zu helfen. Sie würden "ihre Corona-Lockdownzeit nicht in Österreich verbringen, sondern hier und bewusst Menschen helfen".

Flüchtlingslager Lipa nicht wintertauglich

Das Camp Lipa liegt in einem unwirtlichen Gelände 25 Kilometer südöstlich von Bihac und wurde im September errichtet, nachdem ein vorübergehendes Flüchtlingslager am Stadtrand der nächstgrößeren Stadt Bihac aufgrund des Widerstandes der Bevölkerung geschlossen wurde.

Vergangene Woche musste die Internationale Organisation für Migration (IOM) das Camp in Lipa jedoch schließen, da es trotz Versprechungen der Regierung nie an das zentrale Wasser- und Stromnetz angeschlossen wurde und somit nicht wintertauglich war. Viele der bis dahin rund 1.300 Camp-Bewohner machten sich daraufhin auf in Richtung Serbien, rund 700 harrten bei winterlichen Verhältnissen und notdürftiger Versorgung durch Hilfsorganisationen in Lipa aus.

Alexander Plank-BachseltenQuelle: Agenturen / Redaktion / apb