APA/HERBERT NEUBAUER

Elf Jahre Haft für mutmaßlichen Mafia-Boss in Wien

09. Dez. 2022 · Lesedauer 4 min

Unter erneut strengen Sicherheitsvorkehrungen ist am Freitag am Wiener Landesgericht ein Prozess gegen einen mutmaßlichen Mafioso zu Ende gegangen. Der 34-Jährige wurde wegen schweren Raubes zu einer elfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil eines Schöffensenats ist nicht rechtskräftig.

Spezialkräfte der Justizwache und der Verfassungsschutz waren anwesend, der Trakt vor dem Gerichtssaal wurde weiträumig abgesperrt und mit einem Fotografier- und Filmverbot belegt. 

Bei dem Mann soll es sich um ein führendes Mitglied einer serbisch-montenegrinischen Mafia-Bande handeln, die in Österreich in großem Stil mit Suchtgift handelt. Dem erstinstanzlichen Urteil zufolge hatte er am 28. Dezember 2019 mit sechs anderen Banden-Mitgliedern in einer Garage in der Bundeshauptstadt einer anderen Täter-Gruppe mit Gewalt 13 Kilogramm Kokain und 106.000 Euro abgenommen.

Richterin: Kein "alltäglicher Fall" 

"Wir haben keinen Zweifel, dass der Angeklagte vor Ort war", stellte die vorsitzende Richterin in der Urteilsbegründung fest. Zum gegenständlichen Verbrechen meinte sie: "Es ist ein nicht alltäglicher Fall, mit einer derartigen Brutalität konfrontiert zu sein". Der Angeklagte sei "respektlos mit fremdem Leben" umgegangen, was bei der Strafbemessung neben dem getrübten Vorleben und dem raschen Rückfall erschwerend gewertet wurde.

Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung eingereicht

Verteidiger Werner Tomanek legte gegen das Urteil umgehend Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung ein. Die Staatsanwältin gab vorerst keine Erklärung ab.

Die Bande des Angeklagten hatte nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden zum Schein vorgegeben, in Wien einer anderen Täter-Gruppe Kokain abkaufen zu wollen. Dafür wurde eigens eine Lagerhalle angemietet. Als zwei Männer der anderen Gruppe am Übergabeort erschienen, warteten laut nicht rechtskräftigem Urteil der Angeklagte und seine Mittäter bereits hinter aufgestellten Matratzen auf sie und schlugen sie dann mit roher Gewalt zu Boden und traten mit Füßen auf sie ein. Einem der beiden wurde auch ein Messer in den Rücken gestochen, der Mann wurde dabei schwerstverletzt.

Von Schweigerecht Gebrauch gemacht

"Ich war nicht Teil dessen, was in der Anklage steht", hatte der mutmaßliche Mafia-Boss beim Prozessauftakt Anfang November erklärt, dessen Gruppierung laut Bundeskriminalamt in ganz Europa für Suchtgifthandel in großem Stil und brutale Delikte gegen Leib und Leben berüchtigt sein soll. Abgesehen davon äußerte er sich nicht und machte von seinem Schweigerecht Gebrauch. Dabei blieb er bis zuletzt: "Das Einzige, was ich sagen möchte, ist, dass ich daran nicht teilgenommen habe." Er forderte nur noch das Gericht auf, "dass alles protokolliert wird."

In Serbien wegen Mordes in Haft

Der 34-Jährige hat in Serbien bereits wegen Mordes eine elfjährige Freiheitsstrafe verbüßt. In Wien kam man dem Angeklagten und seiner Gruppierung auf die Spur, weil diese über den vermeintlich abhörsicheren Krypto-Messenger Dienst Sky ECC kommuniziert hatten. Die Chats liefen über einen Server in Frankreich, der in einer Länder übergreifenden Kooperation von Polizeibehörden in Belgien, den Niederlanden und Frankreich geknackt werden konnte.

In weiterer Folge wurden die Chats mit Hilfe des FBI entschlüsselt, was Ermittlungen gegen Kriminelle in zahlreichen europäischen Ländern zur Folge hatte - sie alle hatten sich Krypto-Messenger-Dienste bedient, um ihre Machenschaften abzuwickeln. Die Chats, die den 34-jährigen und seine Gruppierung betrafen, wurden über Europol den österreichischen Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung gestellt.

Seit Februar 2020 an der Spitze des Wiener Ablegers

Den Erkenntnissen des Bundeskriminalamts zur Folge umfasste die kriminelle Organisation allein in Wien 200 Personen. Für mehrere 100 Kilogramm Suchtgift soll sie in der Bundeshauptstadt Abnehmer gefunden haben. Im Februar 2020 rückte der 34-Jährige an die Spitze des Wiener Ablegers vor. Weil er davon ausging, dass er in einem abhörsicheren, unentschlüsselbaren Chat kommunizierte, dürften er und seine Banden-Mitglieder freier und offener als in herkömmlichen Chats gesprochen haben.

Taten mit Fotos dokumentiert

Die begangenen Straftaten wurden auch regelmäßig mit Fotos dokumentiert, die Bilder in Gruppenchats gestellt. In Bezug auf den inkriminierten Raubüberfall soll der 34-Jährige konkrete Anweisungen erteilt haben - während der Verhandlung wurden im Gerichtssaal Audio-Aufnahmen abgespielt, denn der Mann soll Audio-Nachrichten Textnachrichten vorgezogen haben. Die beraubten Männer wurden auch - noch am Boden liegend - fotografiert, weswegen das Bundeskriminalamt die beiden identifizieren konnte. Der niedergestochene Mann, der sich in ein Spital begeben und dort angegeben hatte, er sei von unbekannten Tätern attackiert worden, befindet sich mittlerweile in Zagreb in Haft.

Kroatischen Behördenvertretern als Zeugen 

Zum heutigen Verhandlungstermin wurde er von kroatischen Behördenvertretern nach Wien gebracht, um als Zeuge aussagen zu können. Er behauptete, den Angeklagten nicht wieder zu erkennen. Dass er sich in seiner Rolle als Zeuge unwohl fühlte, war ihm anzusehen. Schließlich gab er das auch unumwunden zu Protokoll: "Ich stehe seit zwei Jahren unter Druck. Ich fürchte mich vor meinem eigenen Schatten."

Quelle: Agenturen / Redaktion / poz