Ehemalige Polizeiinformanten importierten kiloweise Kokain
Wie am Dienstag bei einem Hintergrundgespräch im Bundeskriminalamt zu erfahren war, sind 15 Beteiligte in Haft oder wurden bereits zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Gegen 58 weitere wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet, vier Verdächtige werden mit internationalen Haftbefehlen gesucht. Als zentrale Köpfe galten ein 37-jähriger Salzburger und ein 31-jähriger, in Salzburg wohnhafter syrischer Staatsbürger kurdischer Abstammung, der hochpreisige Autos verlieh. Beide wurden am Montag verurteilt. Weil mehrere Mitglieder der Gruppe ehemalige Verbindungsleute der Polizei sind - sie wurden mittlerweile aufgrund von Verurteilungen oder auch mangelnder Qualität ihrer Informationen gesperrt -, wurde die Ermittlung "Operation Duplex" getauft.
Die Untersuchung startete im April 2024 in Braunau: Auf den hochpreisigen Wagen eines rumänischen Sportwagenhändlers wurde ein Anschlag verübt. Die Kriminalermittler des örtlichen Bezirkspolizeikommandos (BPK) fanden über die Videoüberwachung einer Tankstelle heraus, dass die Täter ihr Fluchtauto, einen extrem teuren Mercedes, bei der Tankstelle geparkt hatten. Das Kennzeichen sahen sie nicht, aber die Seltenheit des Modells brachte sie dennoch auf die Fährte des 31-Jährigen, der in Szenekreisen nach dem früheren Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), Yassir Arafat, den Spitznamen "Arafat" trug.
Erste Ermittlungen ergaben, dass der Verdächtige für eher "niederschwellige Schutzgelderpressungen" verantwortlich war, wie ein Ermittler sagte. Nach und nach kamen die Kriminalisten dahinter, dass es zu "Arafat" viele offene Akten gab. Unter anderem dürfte er über Kontakte zu russischen Staatsbürgern tschetschenischer Abstammung Kriegsmaterial - unter anderem Kalaschnikows, aber auch Handgranaten - importiert und teilweise bis in die Schweiz verkauft haben. Letztlich kristallisierte sich auch heraus, dass er in Salzburg Kokain verkauft haben dürfte.
Ermittlungen gegen zerstrittene Gruppe
In Zusammenhang damit wurde auch offensichtlich, dass "Arafat" zudem Kontakte nach Kroatien - oder in Staaten des Westbalkans generell - hatte. Nach und nach geriet dann der 37-jährige Salzburger, vermutlich der Kopf der Clique, ins Visier der Ermittler. Dabei fanden die Ermittler heraus, dass sie eine Gruppe im Visier hatten, die bereits in Auflösung begriffen war. Die einzelnen Mitglieder dürften einander nicht mehr "grün" gewesen sein. So wollte man "Arafat" eigentlich schon loswerden. Manche Verdächtige plädierten offenbar dafür, dass er in Italien "entsorgt" werden solle. Nähere Informationen dazu gab es von den Ermittlern nicht.
Der 37-Jährige wollte das anscheinend zuvor über gefälschte Dokumente in Kroatien lösen. "Arafat" wurde dort zwar dann auch verurteilt, als eine dauerhafte Lösung erwies sich dies aber aufgrund der geringen Strafandrohung für Dokumentenfälschungen in dem Balkanstaat nicht.
Zusammenfügen einer Indizienkette
Das Bundeskriminalamt bekam ebenfalls Hinweise auf die Gruppe in der ersten Hälfte 2024. In Kooperation mit den Ermittlern des BPK Braunau startete man eine umfassende Überwachung der Verdächtigen. Das Problem sei gewesen, dass es sich um Untersuchungen von Vorgängen in der Vergangenheit handelte und es kaum Sicherstellungen geben konnte. So fügten die Kriminalisten eine Indizienkette zusammen.
Unter anderem, weil die Gruppe so zerstritten war, gab es aber viele Geständnisse, die "keineswegs nicht objektivierbar" waren. Ein OK-Ermittler des Bundeskriminalamtes: "Im Laufe des Verfahrens haben wir dieser Hydra einen Kopf nach dem anderen abgeschlagen." Die Mitglieder der Bande hatten durchaus Interesse, den Beamten ihre Sicht der Dinge darzulegen, bevor es ihre Komplizen taten, weil sie sich so geringere Haftstrafen erhofften.
Wiener Gastronom verurteilt
Einige Details der Ermittlungen: Die Fahnder arbeiteten auch weitere Kontakte heraus, so etwa zu einem Wiener Szenegastronomen. Dieser flog auf, weil sich seine Frau wegen häuslicher Gewalt an die Polizei wandte und bei ihrer Aussage sogleich kundtat, dass ihr Mann in den Handel mit Kokain verstrickt sei. Bei ihm wurde dann besagtes Kokain gefunden, der Handel mit rund 16 Kilo des Suchtgifts im zweistelligen Bereich wurde ihm nachgewiesen. Der Mann - er war kein Prominenter - wurde 2025 zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.
Die Ermittler stießen weiters auf Kontakte der Gruppe zum serbisch-montenegrinischen Škaljari-Clan. Die Gruppe ist seit Jahren mit dem Kavač-Clan verfeindet. Beide Clans stammen aus den gleichnamigen Ortschaften im Umfeld der Stadt Kotor in Montenegro. Rund 80 Morde sollen europaweit auf das Konto der Clans in ihrer Fehde gehen, darunter auch der Figlmüller-Mord. Am 21. Dezember 2018 war der 31-jährige Vladimir R. vor dem Wiener Traditionsgasthaus Figlmüller in der Wollzeile per Kopfschuss getötet worden, sein jüngerer Begleiter wurde schwer verletzt. Die beiden Opfer gehörten dem Kavač-Clan an.
Kokain offen im Kofferraum transportiert
Und nicht zuletzt wurde im Zuge der Ermittlungen bald klar, wie wenig die Mitglieder der Gruppe bei dem aus Spanien geschmuggelten Kokain auf die Tarnung achteten. "Das Kokain wurde in Spanien offen in einen Kofferraum gelegt", schilderte ein Ermittler. Über die Cote d'Azur wurde es nach Österreich transportiert. In und bei Salzburg wurde das Suchtgift dann in Wohnungen gebunkert und verkauft, und das in ganz Österreich. In Verkehr gesetzt wurde so Kokain im Wert von zehn Millionen Euro.
Festnahmen gab es in Wien, Niederösterreich und Salzburg, darüber hinaus in Kroatien, Frankfurt am Main in Deutschland sowie in Dubai. Neben Kokain im Kilobereich und Waffen wurden auch zwei sehr teure Autos sichergestellt. Darunter befand sich ein Maserati, den einer der Verdächtigen, ein Hilfsarbeiter auf einer Baustelle, fuhr. Der Ankauf von Luxusartikel - in erster Linie Autos, aber beispielsweise ebenso Uhren - dürfte die bevorzugte Methode gewesen sein, die Gewinne aus dem Drogenhandel zu "waschen".
"Die Operation 'Duplex' zeigt, dass das Bundeskriminalamt solchen Tätergruppen mit aller Entschlossenheit entgegentritt. Ausschlaggebend für diesen Erfolg war auch hier konsequente Ermittlungsarbeit und die enge Kooperation mit unseren Partnern auf nationaler und internationaler Ebene sowie mit der Staatsanwaltschaft Krems an der Donau", wurde BK-Direktor Andreas Holzer zitiert.
Zusammenfassung
- Ehemalige Polizeiinformanten brachten deutlich mehr als 100 Kilogramm Kokain nach Österreich und verkauften es mit einem Gesamtwert von rund zehn Millionen Euro.
- 15 Personen wurden bereits zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt oder befinden sich in Haft, gegen 58 weitere laufen Ermittlungen und vier Verdächtige werden international gesucht.
- Zentrale Figuren der Gruppe waren ein 37-jähriger Salzburger und ein 31-jähriger syrischer Staatsbürger, die am Montag verurteilt wurden.
- Die Ermittlungen deckten auch Kontakte zu internationalen Clans wie dem Škaljari-Clan sowie zu einem Wiener Gastronom auf, bei dem 16 Kilogramm Kokain gefunden wurden.
- Das Kokain wurde offen im Kofferraum aus Spanien über die Cote d'Azur nach Österreich geschmuggelt und in Luxusgütern wie Autos und Uhren gewaschen.
