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Didi Mateschitz: Der bekannte Unbekannte

22. Okt. 2022 · Lesedauer 7 min

Der österreichische Milliardär Didi Mateschitz ist gestorben. Von seinem Energy-Drink Red Bull, über sein Engagement im Sport bis zur Gründung zahlreicher Medienprojekte hat er Österreich über Jahrzehnte geprägt. Doch wer war der Mann, der aus seinem Privatleben immer ein großes Geheimnis gemacht hat?

Glaubt man dem Zahlen des US-amerikanischen Magazins "Forbes" besaß Dietrich Markwart Eberhart Mateschitz, besser bekannt als "Didi" Mateschitz, 25,1 Milliarden Euro. Ob es nun 20 Milliarden sind oder vielleicht doch etwas mehr wie in anderen Quellen behauptet, ist an dieser Stelle fast egal. Er war der mit Abstand reichste Mann des Landes – und einer von denen, dessen Namen in Österreich fast alle kannten. 

Wer Zeit seines Lebens versuchte etwas über Mateschitz zu erfahren, wurde kaum fündig. Die wenigen Porträts, die es über ihn gibt, werfen über schlichte biographische Fakten hinaus mehr Fragen auf, als sie beantworten. Es hieß, der Privatmensch Mateschitz meide die Medien wie der Teufel das Weihwasser.

Das haben auch Journalist:innen zu spüren bekommen, wie etwa der profil-Journalist Michael Nikbakhsh. Als er eine Biographie über Mateschitz schreiben wollte, ließ dieser ihm ausrichten, er werde nicht mehr sicher sein, "solange in Moskau eine perforierte Kniescheibe 500 Dollar kostet".  Auch wenn sich Mateschitz im Nachhinein dafür entschuldigte, gibt diese Geschichte Aufschluss darüber, mit welchen Methoden er sich durchsetzen konnte.

Kein Genie von Anfang an

Mateschitz wurde am 20. Mai 1944 in St Marein im Mürztal geboren. Sein Sternzeichen ist Stier, was in Anbetracht der Marke, mit der er reicher wurde als alle anderen in diesem Land, ein schöner Zufall ist. Aufgewachsen ist er bei seiner Mutter. Über den Vater, einen Volksschullehrer aus Maribor ist wenig bekannt, die Eltern ließen sich schon früh scheiden. Seine einzige Schwester Helgard ist vier Jahre älter als er.

Er war nicht immer der erfolgreiche Überflieger, wie es die Marke Red Bull suggeriert. Die Schulnoten waren laut Medienberichten mittelmäßig bis schlecht. Er sei ein eher unauffälliger Schüler gewesen, erinnern sich alte Weggefährt:innen im Magazin "Dossier". Aber die wenigsten aus seiner Heimat wollten je über Mateschitz sprechen, egal, welches Medium fragte.

Für sein Heimatbundesland Steiermark ist Mateschitz ein Gewinn. Er holte die Formel 1 zurück nach Österreich und investierte seit der (Wieder-)Eröffnung der Motorsportstrecke Red Bull-Ring im Jahr 2011 intensiv in das Bundesland. Es ist unklar, wie viel Geld er genau in die Hand nahm, aber man spricht von circa 500 Millionen Euro, die allein in das Murtal flossen und insbesondere den Tourismus in der Region ankurbelten.

20 Semester Wirtschaft

Nach seiner Schulzeit verschlug es Mateschitz nach Wien, wo er Wirtschaft studierte. Auch dort war er nicht in irgendwelchen Bestenlisten zu finden, brauchte 20 Semester, um sein Studium zu vollenden. Mateschitz reüssierte nicht im Akademischen, aber er hatte ein Händchen in der Privatwirtschaft. Er arbeitete in den 1970ern in der Marketingabteilung von Jacobs Kaffee und später bei der Zahnpasta-Firma Blendax.

Mateschitz lässt die Anfänge von Red Bull gerne schwammig, es gibt unterschiedliche Versionen, die schwer überprüfbar sind. Was sicher ist: Auf einer seiner Dienstreisen als Blendax-Marketingfachmann begegnete er dem thailändischen Unternehmer Chaleo Yoovidhya, der damals einen Aufputschdrink namens "Krating Deang" produzierte – auf Englisch bedeutet das Red Bull. Das war Anfang der 1980er Jahre. Der Rest ist quasi Geschichte.

1987 kündigte Mateschitz bei Blendax und holte Red Bull nach Österreich. Es klingt wie eine schöne Tellerwäscher-Millionär-Geschichte. Was für Steve Jobs die berühmte Garage in Los Altos, Kalifornien, ist für Mateschitz das kleine Büro in Fuschl, Salzburg. Nur dass Mateschitz schon um die 40 Jahre alt war – und Spitzenverdiener.

Fast 10 Milliarden Dosen

Heute hat Red Bull 13.610 Mitarbeiter:innen in 172 Ländern. 2021 wurden über 9,8 Milliarden Dosen verkauft. Er selbst erklärte einmal, zehn bis zwölf Dosen am Tag zu trinken. Mateschitz inszenierte sich gern als der alleinige Macher und Besitzer, besaß selbst aber knapp weniger als die Hälfte von Red Bull, 51 Prozent gehörten von Anfang an dem thailändischen Yoovidhya-Clan.

Fakt ist aber, dass Mateschitz Red Bull mit viel Marketing-Geschick zur Weltmarke machte. Schon früh begann er das Getränk mit Sport zu verknüpfen, mit Freiheit, Individualität und Schnelligkeit. "Verleiht Flüüügel" ist nicht nur ein Slogan, sondern auch ein Lebensgefühl. Der erste Sportler, der von Red Bull gesponsert wurde, war der Formel-1-Pilot Gerhard Berger im Jahr 1989. 

Besonders nach der Jahrtausendwende stiegen die Investments in den Sport. Die Motorräder wurden schneller, die Fallschirmsprünge höher. Millionen Menschen verfolgten 2012 den Sprung von Felix Baumgartner aus der Stratosphäre. Aber, so wie Helden geschaffen wurde, gab es auch Verletzte und sogar Tote. Zwischen 2008 und 2017 starben laut "Spiegel"-Recherchen sieben Sportler im Zusammenhang mit Werbung für Red Bull. Auch danach gibt es noch bekannte Todesfälle wie etwa der von Red Bull gesponserte Kletterer David Lama.

Politisch rechts

Lange hieß es über Mateschitz, er würde sich politisch zurückhalten. Das ist nur bedingt wahr. Andeutungen, wo er politisch stand, gab es zwar schon länger, aber explizit wurde er 2017 in einem seiner längsten Interviews mit der "Kleine Zeitung" zum 30-jährigen Jubiläum von Red Bull. Mateschitz offenbarte darin, was sich jeder über einen Milliardär hätte denken können: Ein Linker war er nicht. Er kritisierte das "Meinungsdiktat des Politisch Korrekten", das von einer "intellektuelle Elite" ausginge, und lässt Sympathien für Ex-US-Präsident Trump offen. Besonders harte Worte fand er für die "Nichtbewältigung der Flüchtlingswelle".

Diese Einstellungen finden sich auch in einigen Medien, die von Mateschitz zahlreich gegründet wurden. Prominentestes Beispiel dabei ist der TV-Sender "ServusTV", der insbesondere durch die Pandemie erstarkt ist. Von Impf-Skeptiker:innen bis hin zu Verschwörungsideolog:innen bekamen so gut wie alle eine Plattform. Aber auch davor, insbesondere bei den Themen Flucht und Migration, war eine Ausrichtung rechts der Mitte unverkennbar.

Auch wenn gerne gesagt wird, dass Mateschitz sich redaktionell nicht eingemischt habe, zumindest in der Geschäftsführung regierte er mit eiserner Hand. Als die Belegschaft 2016 einen ServusTV-Betriebsrat gründen wollten, entließ Mateschitz alle Beschäftigten. Erst nachdem seine Angestellten in einem offenen Brief klein beigaben und sich gegen einen Betriebsrat aussprachen, nahm er die Kündigungen zurück. 

Diese Art, Entscheidungen schnelllebig zu treffen, auch dafür war Mateschitz bekannt. Die Medienplattform Addendum, die er 2017 gründete, stellte er ebenso spontan und ohne Vorwarnung ein. Nicht einmal in den Chefetagen der Plattform soll man von den Plänen dazu gewusst haben.

Kontrollfreak

Er konnte so spontan handeln, weil am Ende doch alle Fäden bei ihm zusammenliefen. Der Journalist Wolfgang Fürweger, der die erste Biographie über ihn schrieb, sagte über das Buch einmal in der FAZ: "Herr Mateschitz konnte den Inhalt nicht kontrollieren, und fehlende Kontrolle ist ihm und seinen Leuten einfach nicht geheuer." Obwohl Fürweger positiv über Mateschitz schrieb – die Biographie heißt "Die Red-Bull-Story. Der unglaubliche Erfolg des Dietrich Mateschitz" – erteilte ihm dieser Hausverbot. Auch wenn sich Mateschitz nach außen gerne in Jeans statt Anzug zeigte, diese Lockerheit spiegelt sich nicht in seinen Handlungen wider.

Am Ende verstarb Mateschitz so wie er lebte. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wenig über seinen gesundheitlichen Zustand war davor bekannt. Er wurde 78 Jahre alt, hinterlässt einen 29-jährigen Sohn aus einer früheren Beziehung, der als sein Nachfolger gehandelt wird, sowie seine 39-jährige Partnerin Marion Feichtner. Und ein riesiges Erbe.

Magdalena BergerQuelle: Redaktion / mbe