Zwei Frauen mit Mund-Nasen-Schutz in der U-Bahn
Jessica Gow / TT News Agency / AFP

Schweden: Bilanz nach dem Sonderweg

30. Juli 2021 · Lesedauer 5 min

Keine Maskenpflicht, keine Lockdowns, keine große Impf-Diskussion. Der Sommer in Schweden scheint unbeschwert, der Sonderweg wurde durch den Impf-Pfad abgelöst.

Schweden ging aus Sicht von ausländischen Beobachtern einen Sonderweg. Auf spürbare Maßnahmen verzichtete das Land auch in der bisher schlimmsten Phase der Pandemie im vergangenen Winter. Obwohl Abstand halten, regelmäßig Hände waschen sowie Home-Office und Distance-Learning in Schweden genauso angesagt waren und sind wie im Rest Europas. Der "wahre" Sonderweg Schwedens manifestierte sich in der Auffassung von Beobachtern in einer "Gesetzeslücke", die sich in der Pandemie als fatal erwiesen hat. Dem schwedischen Staat ist es erst seit 10. Januar 2021, mit dem Einsetzen des neuen "Pandemiegesetzes", theoretisch und praktisch möglich, aus Empfehlungen strafbare Regeln zu machen. Auch eine komplette Ausgangssperre wäre seitdem gesetzlich durchsetzbar. Während sich viele Länder im Frühjahr von Lockdown zu Lockdown hangelten, waren die verhältnismäßig wenigen Einschränkungen im täglichen Leben für viele Schweden nach wie vor nicht bemerkbar.

Am Rande des Verkraftbaren

Ein Blick in die Krankenhäuser zeigt, dass das Coronavirus sehr wohl tiefe Spuren hinterlassen hat. Mehr als 14.000 Menschen sind in Schweden bis heute mit oder an Corona gestorben, das Gesundheitspersonal ist müde. Gabriella, Krankenpflegerin und seit Pandemiebeginn mit Corona-Patienten in Kontakt, ist eine von ihnen. Im Oktober letzten Jahres ist sie von der Notaufnahme in einem Krankenhaus in der Region Skåne zu der, mittlerweile regulären, Covid-Station gewechselt. Die Arbeit auf der Notaufnahme am Beginn der Krise hat sie stark mitgenommen: "Ich wollte nicht riskieren, nach ein paar wenigen Jahren im Job schon ausgebrannt zu sein."

Ob sie das Wort "Corona" noch hören kann? "Nein", sagt sie, und schmunzelt ein wenig. "Das kann ich wirklich nicht mehr hören." Im Gespräch berichtet Gabriella von ähnlichen Zuständen wie bei uns. Fehlende Ressourcen und der Mangel an freien Intensivbetten waren auch an Gabriellas Arbeitsplatz ein großes Problem. Schwerkranke Patienten mit höherem Pflegebedarf seien dadurch in Stationen behandelt worden, die unter normalen Umständen nicht dafür ausgelegt waren, berichtet sie. Wie sieht der "schwedische Weg" für sie als Krankenpflegerin aus? Gabriella hat eine klare Meinung: "Die ganze Welt hat es im Prinzip verstanden, dass der Mund-Nasen-Schutz in öffentlichen Verkehrsmitteln unvermeidbar ist. Und Schweden kommt erst Anfang Jänner drauf, dass das ja auch sinnvoll ist." Tatsächlich hat die staatliche Behörde für öffentliche Gesundheit, "folkhälsomyndigheten", erst ab 7. Januar dieses Jahres das Tragen von einem Mund-Nasen-Schutz zu Stoßzeiten im öffentlichen Verkehr empfohlen. Gabriella meint, dass viele Menschen in Schweden den Ernst der Lage einfach nicht verstanden haben. In ihrer Stimme schwingt Gleichgültigkeit mit.

Die Aussicht auf eine Impfung

Gabriellas Hoffnung ist der Impfstoff. In Schweden ist die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen, groß. 71 Prozent waren bereits Ende Dezember des vergangenen Jahres positiv gegenüber einer Covid-Impfung eingestellt, hat das Meinungsforschungsinstitut Novus herausgefunden. Seit Impfstart steht Schweden auch mit der Ambition, möglichst viele Menschen zu einer Impfung zu bewegen, in Europa nicht mehr allein da.

Mit Stand 28. Juli 2021 haben 77 Prozent beziehungsweise mehr als sechs Millionen aller Erwachsenen in Schweden mindestens die erste Vakzin-Dosis erhalten. 50 Prozent aller Schweden ab 18 Jahren sind bereits vollimmunisiert. Anders Tegnell, der bekannte Staatsepidemiologe, bezeichnet den Impffortschritt als "bedeutend, um die Virusverbreitung zu verlangsamen und auf einem niedrigen Niveau zu halten". Während in Österreich die Impfbereitschaft stagniert und man versucht, die Bevölkerung mit spontanen Impfangeboten im ganzen Land zu erreichen, impft man in Schweden nach wie vor in Alters- und Priorisierungsgruppen ab 18 Jahren. Auch die Statistik zeigt, dass zwar prozentual weniger Menschen als in Österreich vollimmunisiert sind, dafür aber auch noch viele auf ihren zweiten Stich warten.

Jugendliche im Fokus

Unter jenen, die sich noch in Geduld üben müssen, sind in Schweden auch die Jugendlichen unter 18 Jahren. Die Impf-Anmeldung für 16-jährige ist erst seit dem 28. Juli geöffnet. Geimpft werden Jugendliche frühestens im August. "Wir wissen, dass Einschränkungen, wie zum Beispiel Distanzunterricht, viele Jugendliche negativ beeinflusst haben. Die psychische Gesundheit in dieser Altersgruppe hat sich verschlechtert. Diesen Aspekt haben wir hier miteinbezogen, da Gesundheit so viel mehr bedeutet als nur der Schutz gegen die Krankheit", sagte Johan Carlson, Generaldirektor der Gesundheitsbehörde in einer Aussendung zur Impfung für Jugendliche.

Sara Johnsen, die in Südschweden eine Jugendgruppe der Schwedischen Kirche leitet, sorgt sich ebenfalls um die psychische Gesundheit der jungen Bevölkerung. "Die Situation erscheint hoffnungslos, viele rechneten einfach nicht damit, dass es so lange dauern wird. Außerdem gibt es immer wieder neue Enttäuschungen." Denn trotz des Impfwillens in der Bevölkerung bleibt auch Schweden von der Delta-Variante nicht verschont. Der größte Anteil der bestätigten Neuinfektionen ist, ähnlich wie in Österreich, auf eine Ansteckung mit der Delta-Variante zurückzuführen.

"Jetzt im Sommer merke ich kaum etwas von Corona. Auslandsreisen sind zwar schwierig, wenn man nicht zweifach geimpft ist, Veranstaltungen haben noch begrenzte Besucherzahlen. Ansonsten ist fast alles wie immer", sagt Sara. Die Diskussion um den "Grünen Pass", wie sie hierzulande teils hitzig geführt wurde, gibt es in Schweden nicht. Einzig das EU-weite Covid-Zertifikat, welches Reisen innerhalb Europas erleichtern soll, wurde in Schweden eingeführt. Auf der Homepage der Gesundheitsbehörde wird eindringlich darauf hingewiesen, dass dieser Nachweis einer Impfung gegen Corona oder eines negativen Testergebnis ausschließlich für Reisezwecke notwendig sei.

Sara macht sich mit Blick auf die kommenden Monate trotzdem nichts vor: "Die Infektionszahlen werden sicher wieder steigen im Herbst, Menschen genießen den Sommer jetzt einfach. Genau gleich war es auch letztes Jahr."

Lisa StepanekQuelle: Redaktion / lis