APA - Austria Presse Agentur

Corona in Alten- und Pflegeheimen: "Da gibt es keinen Überblick mehr"

19. Nov 2020 · Lesedauer 3 min

Die zweite Welle der Corona-Pandemie sorgt für deutlich mehr Fälle in Alten- und Pflegeheimen. Wie das Virus in die Heime gelangt, können viele Heimbetreiber nicht mehr sagen. Dort konzentriert man sich auf die Schutzmaßnahmen.

Seit Oktober steigen die Corona-Fälle in Alten- und Pflegeheimen und in Folge auch die Todesfälle sprunghaft an. "Im Vergleich zur ersten Welle sind wir viel intensiver betroffen: 103 unserer 138 Heime sind betroffen", sagt Bernhard Hatheier, Obmann der Arbeitsgemeinschaft (ARGE) der Alten- und Pflegeheime Oberösterreichs, im Gespräch mit PULS 24.

Wie die Infektionen in die Heime gekommen sei, könne man inzwischen nicht mehr sagen. "Da gibt es keinen Überblick mehr", so Hatheier. "Es wird wahrscheinlich auf mehreren Kanälen geschehen sein - über Angehörige, teilweise vielleicht über Mitarbeiter oder externe Dienstleister", sagt er. "Jetzt gilt es, sich vor allem auf die Sicherheit und die Schutzmaßnahmen zu konzentrieren", so der ARGE-Obmann.

Virologe: "Pflege- und Altenheime hätten früher reagieren müssen"

Virologe Norbert Nowotny spricht mit PULS 24 Anchor René Ach über die aktuelle Corona-Lage in Österreich und die massive Zahl an Corona-Toten in Österreichs Alten- und Pflegeheimen.

"Wir sind insgesamt besser gerüstet und vorbereitet als bei der ersten Welle, auch mit ausreichend Schutzausrüstung", sagt Hatheier, selbst Leiter des Bezirksalten- und Pflegeheims Esternberg im Innviertel. "Eine große Herausforderungen für uns liegt beim Personal, weil immer wieder Mitarbeiter coronabedingt länger ausfallen." Das sei logistisch oft nicht einfach. Bei den Testkapazitäten für Personal und Bewohner fühlt man sich aktuell von den Behörden ausreichend versorgt. "Zur Zeit haben wir die Zusage, dass unser Bedarf problemlos gedeckt werden kann."

Herausforderungen für Mitarbeiter und Bewohner

Die in der Pandemie notwendige weitgehende Isolation von den Angehörigen sei für die Heimbewohner natürlich schwer. Aber das Verständnis für die Maßahmen sei da. "Dadurch, dass wir viel mehr unmittelbare Betroffenheit in den Heimen haben, ist auch das Bewusstsein da. Bei der ersten Welle war das Virus weit weg, jetzt ist es unmittelbar da", so Hatheier.

Auch Nadine Nowak, Leiterin des Privatpflegeheims Rodaun in Wien, sagt: "Wichtig ist die Kommunikation mit den Bewohnern und auch den Angehörigen." Im Vergleich zur ersten Welle seien die Abläufe inzwischen eingespielt und besser koordiniert. "Wichtig für die Bewohner ist die Routine." Daher sei die Stimmung bei ihnen derzeit gut. Was dabei helfe: "Weil wir weniger Besuche haben, haben wir viel mehr Zeit für die Arbeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern", sagt Nowak.

Gerade bei Bewohnern mit Demenz sei dies auch notwendig. "Bei Demenzpatienten ist es wichtig, dass sie Bezugspersonen haben, die für sie da sind." Manche Bewohner mit sehr starker Demenz würden die Pandemie gar nicht mitbekommen, andere hingegen unter der Trennung von Angehörigen leiden, weil sie die Lage nicht begreifen können. Das bestätigt auch Hatheier: "Mit Demenz ist es natürlich schwierig, weil den Bewohnern dann das Verständnis für dieses neuartige Virus und die Maßnahmen fehlt."

Welche Maßnahmen in Pflege- und Altenheimen nun am wichtigsten sind

Klaus Schwertner, Geschäftsführer der Caritas Wien, erklärt im Gespräch mit PULS 24 Reporterin Bettina Häberlin, wie es zu den vielen Corona-Fällen in Alten- und Pflegeheimen kommen konnte und welche Sicherheitsmaßnahmen nun ergriffen werden.

Test-Screenings und medizinische Versorgung als "Gebot der Stunde"

Caritas-Geschäftsführer Klaus Schwertner sieht im Interview mit PULS 24 Reporterin Bettina Häberlin die Ursache für die Explosion an Corona-Fällen in Pflege- und Altenheimen darin, dass die Regierung diesen Bereich im Herbst zu sehr vernachlässigt habe. Neben der nötigen Schutzausrüstung für Mitarbeiter seien nun vor allem Testscreenings wichtig. "Hier gilt es rasch und viel zu testen, aber vor allem auch gezielt zu testen. Der Fokus muss dabei auf den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sein", so Schwertner. Das Gefährlichste seien "symptomlose Mitarbeiter, die das Virus in die Pflegehäuser hineintragen", warnt er.

Gebot der Stunde sei aber auch, Pflege- und Altenheime "mit medizinischer Versorgung, das heißt auch Ärztinnen und Ärzten auszustatten", sagt Schwertner gerade in Hinblick auf die momentane Situation auf Intensivstationen.

Stephan HoferQuelle: Redaktion / hos