Chefarzt zur Corona-Lage in Tschechien: "Es war die Hölle"

13. März 2021 · Lesedauer 4 min

Tschechien befindet sich aufgrund der Corona-Pandemie im Ausnahmezustand. Die Krankenhäuser sind überfüllt, und die Bürger haben Regierung und Maßnahmen satt. Über die Situation in Tschechien sprach Chefarzt Martin Straka im PULS 24-Interview.

Mit mehr als 15.000 Neuinfektionen täglich führt Tschechien derzeit bei den weltweiten Corona-Ansteckungen. Zudem verzeichnet Tschechien mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von fast 770 den schlechtesten Wert in der EU. Um die Spitäler zu entlasten, werden bereits Patienten ins Ausland gebracht. "Die Menschen sind sehr nervös, weil die Pandemie nun schon so lange andauert", sagte Martin Straka, Chefarzt des Krankenhauses in Sokolov, im Interview mit PULS 24 Reporterin Josephine Roeck.

"Es war die Hölle"

Die Bevölkerung warte auf ein Wunder, schilderte Straka die Stimmung. Man warte auf die Impfung. Aber auch in Tschechien gäbe es nicht genug Vakzine. "Die Menschen sind sehr unglücklich. Sie sehen kein Licht am Ende des Tunnels", sagte Straka. Die Lage im Krankenhaus von Sokolov, als die Corona-Situation am schlimmsten war, beschreibt der Chefarzt als "die Hölle. Ich finde keine anderen Worte, um das zu umschreiben. Es war wirklich die Hölle."

Triage in Spitälern: "Wir mussten unsere Gefühle ablegen"

Zu den Triagen sagte der Chefarzt des Spitals in Sokolov: "Wir haben uns das nicht ausgesucht. Wir hassen das! Aber wir mussten solche Entscheidungen schon treffen. Das ist das Allerschlimmste für Ärzte, für Krankenpfleger und -pflegerinnen." Es hätte in dieser Situation keinen anderen Weg gegeben, betonte Straka. "Im Januar, als es besonders schlimm war, haben wir unsere Gefühle tief vergraben. Und da sind sie noch heute. Es ist ein Job, das muss man sich sagen. Wir müssen unser Bestes geben - für unsere Patienten und Patientinnen", schilderte er die Situation.

"Wirklich sehr viele Menschen sind gestorben"

Das Krankenhaus in Sokolov sei ein kleines Spital. "Wir haben 40 klassische Betten in normalen Zeiten. Und dann hatten wir täglich plötzlich 40 Neuaufnahmen von Notfällen. Die konnten nicht alle ein Bett bekommen", schilderte Straka die Situation. Man sei auf die Hilfe eins anderen Krankenhauses in einer anderen Region angewiesen gewesen. "Wirklich sehr viele Menschen sind gestorben. Es war wirklich schrecklich und besonders traurig ist, dass unser Nachbarland Deutschland zur gleichen Zeit viel weniger hart betroffen war", so der Tscheche.

"Die Regierung hat versagt"

Auf die Frage, woran es seiner Meinung nach läge, dass Deutschland zur selben Zeit nicht so schwer getroffen wurde, antwortete Straka: "Wir sind in Tschechien einfach nicht so diszipliniert. Wenn man uns sagt, bleibt zuhause, gehen wir erst recht raus." Zudem traue man der Regierung nicht, denn "die hat versagt", so Straka. "Wir haben schlechte Menschen gewählt", kritisierte Straka die tschechische Regierung. Über den tschechischen Ministerpräsident Andrej Babiš sagte er: "Er sieht alles als ein großes Geschäft an. Er lügt, das wissen die Menschen. Mittlerweile kann er alles sagen, niemand glaubt ihm mehr irgendetwas."

"Wir waren nicht vorbereitet"

Trotz der Kritik vertraue er der Regierung. "Ich sehe die Hölle im Krankenhaus mit meinen eigenen Augen! Aber Leute, die z.B. nicht im Spital arbeiten, sehen diese Hölle nicht und glauben den Politikern deswegen nicht. Sie begreifen die Dramatik einfach nicht", sagte Straka im Interview. Den Anstieg der Infektionszahlen erklärt sich der Arzt damit, dass die Bevölkerung und die Wirtschaft nicht auf die Situation vorbereitet gewesen wären.

Über 100 Todesfälle

Ausgesucht hätte man die Personen nach Vorerkrankungen und den Aussichten auf Lebensqualität. Von beispielsweise drei betroffenen Personen, hätte man dann die mit den besten Überlebenschancen ausgewählt. "Die anderen kommen auf die normale Station, wo sie Sauerstoff und Infusionen bekommen, aber sie kommen nicht auf die Intensivstation", erklärte Straka. Normalerweise hätte man im Jänner etwa 15 bis 20 Todesfälle in Sokolov, durch die Pandemie waren es über 100.

"Wir kämpfen"

Um die Intensivbetten aufzustocken, fehle es laut Straka an Personal. "Wir können die normale Station aufstocken. Da kann man dann Personal aus anderen Abteilungen, z.B. aus der Orthopädie oder aus der augenmedizinischen Abteilung hinzuziehen, aber das geht nicht für die Intensivstation", erklärte er im PULS 24 Interview. Einige Patienten mussten sogar per Helikopter in andere Krankenhäuser verlegen werden. Auf die Frage, ob er persönlich am Limit sei, antwortete Strake mit "Nein". "Feuerwehrmänner gehen ins Feuer, und wir tun einfach weiterhin unser Bestes, damit unsere Patienten hier überleben. Wir versuchen, positiv zu bleiben. Wir geben nicht auf. Wir kämpfen", sagte Straka.

Quelle: Redaktion / pea