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"Brauchen jetzt rasch Hilfe": Über 1.000 Tote bei Erdbeben in Marokko

Bei einem schweren Erdbeben in Marokko sind über 1.000 Menschen ums Leben gekommen. Das Epizentrum lag im Atlasgebirge. Getroffen hat es auch die Städte Marrakesch und Agadir. Österreicher dürften nicht betroffen sein.

Über 1.037 Menschen kamen ums Leben, mehr als  1.204 Verletzte wurden laut marokkanischem Innenministerium zur Behandlung in Krankenhäuser gebracht.  In Gebieten vom Atlasgebirge bis zur Altstadt von Marrakesch wurden Gebäude teils völlig zerstört und berühmte Kulturdenkmäler beschädigt.

Der Regionalleiter des marokkanischen Kulturministeriums, Hassan Hernan, bestätigte am Samstag, dass die Gebäude der Medina von Marrakesch teilweise beschädigt worden seien. Einige der historischen Gebäude wiesen Risse auf. "Das Bild wird erst in 48 Stunden vollständig sein, aber sicher ist, dass der Schaden an wichtigen historischen Stätten in der Altstadt bisher gering ist", sagte Hernan. Die historische Altstadt von Marrakesch, die auch Medina genannt wird, ist normalerweise ein beliebtes Ziel von Touristen und gilt als Unesco-Weltkulturerbe.

Derzeit keine Österreicher betroffen

Österreicherinnen und Österreicher seien bisher nicht verletzt worden, teilte das Außenministerium auf APA-Anfrage mit. Aktuell seien jedoch rund 60 Personen reiseregistriert und rund 215 Auslandsösterreicherinnen und Auslandsösterreicher sollen sich in Marokko befinden.

Ein Mitarbeiter der österreichischen Botschaft in Rabat sei bereits auf dem Weg in das besonders betroffene Krisengebiet Marrakesch, hieß. "Sie wurden noch in der Nacht per SMS und Email kontaktiert und werden aktuell von der Botschaft durchgerufen", sagte eine Sprecherin. In diesem Zusammenhang verwies das Ministerium auch auf den Bereitschaftsdienst (+43 90115 4411), der rund um die Uhr erreichbar sei.

"Brauchen jetzt rasch Hilfe"

Das österreichische Rote Kreuz rief am Samstag zu Spenden für die Erdbebenregion auf. "Verletzte und Menschen, die alles verloren haben, brauchen jetzt rasch Hilfe", appellierte Präsident Gerald Schöpfer. Der Marokkanische Roter Halbmond unterstütze bereits mit Erster Hilfe, Psychosozialer Unterstützung und mit Evakuierungs- und Transportunterstützung, hieß es in einer Aussendung.

Ärzte ohne Grenzen betonte am Samstag in einer Mitteilung, man sei bereits in Absprache mit den lokalen Behörden, um erste Teams in die Region zu senden. Spendenaufrufe kamen ebenfalls von den beiden NGOS Care-Österreich sowie "Jugend Eine Welt". "Die humanitäre Situation verschlechtert sich zunehmend. Die Familien benötigen nun am dringendsten Wasser, Nahrung, Hygieneartikel, Gesundheitsversorgung und eine sichere Unterkunft", sagte Care-Geschäftsführerin Andrea Barschdorf-Hager.

Epizentrum im AtlasgebirgeAPA

Panik in mehreren Städten

Bilder und Videos aus sozialen Netzwerken zeigten zerstörte Gebäude in Städten und auf den Straßen sitzende Menschen. Medienberichten zufolge wurden auch historische Wahrzeichen beschädigt.

Die US-Erdbebenwarte USGS teilte mit, das Beben habe eine Stärke von 6,8 gehabt und sich in einer Tiefe von 18,5 Kilometern gut 70 Kilometer südwestlich von Marrakesch und 60 Kilometer nordöstlich der Stadt Taroudant ereignet. Das Epizentrum habe im Atlasgebirge gelegen. Das Geofon des Helmholtz-Zentrums Potsdam gab die Stärke des Bebens mit 6,9 an. Kurze Zeit später meldete die US-Behörde ein Nachbeben der Stärke 4,9.

Laut Augenzeugenberichten löste das Erdbeben in Marrakesch, Agadir und anderen Städten bei Bewohnern Panik aus. Wie die Zeitung "Le Matin" berichtete, war das Beben auch in Rabat und Casablanca zu spüren.

Weltkulturerbe in Gefahr

Marokkaner posteten Videos, auf denen zu Schutt zerfallene Gebäude und beschädigte Teile der berühmten roten Mauern zu sehen sind, die die Altstadt von Marrakesch umgeben, ein Unesco-Weltkulturerbe. Andere Videos zeigen schreiende Menschen, die Restaurants in der Stadt verließen. 

Nasser Jabour, Leiter einer Abteilung des Nationalen Instituts für Geophysik, bestätigte, dass die Nachbeben weniger stark seien. Das Beben sei in einem Umkreis von 400 Kilometern zu spüren gewesen, sagte er der marokkanischen Nachrichtenagentur MAP. Es sei das erste Mal seit einem Jahrhundert, dass ein derart starkes Erdbeben in Marokko registriert worden sei. Erdbeben in Nordafrika sind relativ selten. 1960 hatte sich laut dem Sender Al Arabiya in der Nähe von Agadir ein Beben der Stärke 5,8 ereignet, bei dem Tausende Menschen ums Leben kamen.

Beben auch in Europa zu spüren

Die Erschütterung riss auch in Spanien und Portugal Menschen aus dem Schlaf. Auch in Algerien war es zu spüren. Über Schäden oder Opfer wurde dort jedoch nichts bekannt. Die marokkanische Nachrichtenseite Hespress berichtete unter Berufung auf das Innenministerium, die Streitkräfte und der Zivilschutz setzten alle Mittel ein, um Hilfe zu leisten und die Schäden zu begutachten.

EU bietet Hilfe an

Hilfsbekundungen kamen indessen auch von der Europäischen Union (EU). "Die EU ist bereit, Marokko in diesen schwierigen Momenten zu unterstützen", schrieb EU-Ratspräsident Charles Michel am Samstagmorgen via Twitter (X). EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen äußerte ebenso ihr Mitgefühl. Sie sei angesichts des schrecklichen Erdbebens mit ganzem Herzen beim marokkanischen Volk, teilte die deutsche Spitzenpolitikerin mit.

Auch UNO-Generalsekretär António Guterres zeigte sich bestürzt. Der Generalsekretär sei "tief traurig", teilte ein Sprecher am Samstag mit. Er spreche der Regierung und dem Volk Marokkos seine Solidarität in diesen schweren Zeiten und den Familien der Opfer sein Beileid aus. Den Verletzten wünsche Guterres eine rasche Genesung. Die Vereinten Nationen stünden bereit, die Regierung Marokkos in ihren Bemühungen zu unterstützen, der betroffenen Bevölkerung zu helfen.

Am Samstag reagierten zudem zahlreiche Länder mit Hilfsangeboten für Marokko. Die italienische Premierministerin Giorgia Meloni brachte am Samstag "ihre Verbundenheit und Solidarität mit Marokkos Premierminister Aziz Akhannouch, den Familien der Opfer und dem marokkanischen Volk zum Ausdruck und bekundete die volle Bereitschaft Italiens, Marokko in dieser Notlage zu unterstützen".

Das deutsche Technische Hilfswerk (THW) bereitete sich am Samstag ebenfalls darauf vor, möglicherweise in dem Katastrophengebiet Hilfe zu leisten. Auch die für Entwicklungsarbeit und äußere Angelegenheiten zuständigen deutschen Ministerinnen Svenja Schulze (SPD) sowie Annalena Baerbock (Grüne) zeigten sich betroffen. Das Schweizer Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) aktivierte in der Nacht auf Samstag den Krisenstab. Ein Hilfsangebot an das Land werde geprüft, hieß es. Auch die Nachbarländer Spanien und Portugal boten Marokko ihre Hilfe an.

Österreich will helfen

Am Nachmittag äußerte sich ebenfalls US-Präsident Joe Biden. Seine Regierung sei in Kontakt zu den marokkanischen Behörden, hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses. "Die Vereinigten Staaten stehen an der der Seite Marokkos und meines Freundes König Mohammed VI. in diesem schwierigen Augenblick", schrieb Biden. Ähnlich äußerte sich der britische Außenminister James Cleverly. "Wir stehen bereit, unseren marokkanischen Freunden auf jede mögliche Weise zu helfen", schrieb er auf Twitter. In Isarel seien am Samstag alle Ministerien angewiesen worden, die Entsendung einer Hilfsdelegation vorzubereiten, meldeten israelische Medien. 

Bundeskanzler Karl Nehammer, Innenminister Gerhard Karner sowie Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (alle ÖVP) drückten am Samstag in einem gemeinsamen Statement ihre Betroffenheit über das Beben aus. "Katastrophen, wie diese, erfordern internationale Solidarität und Unterstützung. Österreich wird jederzeit helfen, wo in den Katastrophengebieten Marokkos Hilfe benötigt wird", wurde Nehammer zitiert. "Innen- und Verteidigungsministerium treffen derzeit alle Vorkehrungen, um zu unterstützen, sobald eine entsprechende Anforderung kommt", sagte Nehammer.

Das Katastrophenhilfeelement des Bundesheers, die Austrian Forces Disaster Relief Unit (AFDRU), stehe jederzeit bereit betonte Tanner. Zuletzt stand ein AFDRU-Kontingent des Bundesheeres nach dem verheerenden Beben im Süden der Türkei Anfang Februar im Einsatz.

Algerien könnte Luftraum öffnen

Trotz diplomatischer Spannungen hat Algerien im Zuge des schweren Erdbebens angeboten, den Luftraum zum Nachbarland wieder zu öffnen. Wie die staatliche Nachrichtenagentur APS am Samstag berichtete, brachten die algerischen Behörden "ihre volle Bereitschaft zum Ausdruck, humanitäre Hilfe zu leisten". Demnach soll der Luftraum für Flüge von Verwundeten und Verletzten und zum Transport humanitärer Hilfe "im Falle einer Anfrage des Königreichs Marokkos" wieder geöffnet werden. Algerien und Marokko unterhalten seit August 2021 keine diplomatischen Beziehungen mehr.

ribbon Zusammenfassung
  • Bei einem schweren Erdbeben in Marokko sind am späten Freitagabend (Ortszeit) über 1.000 Menschen ums Leben gekommen.
  • Das marokkanische Innenministerium sprach Samstagnachmittag von mindestens 1.204 Verletzten.
  • Österreicherinnen und Österreicher seien bisher nicht verletzt worden, teilte das Außenministerium auf APA-Anfrage mit.
  • Medienberichten zufolge wurden auch historische Wahrzeichen beschädigt.
  • Laut Augenzeugenberichten löste das Erdbeben in Marrakesch, Agadir und anderen Städten bei Bewohnern Panik aus.
  • Die US-Erdbebenwarte USGS teilte mit, das Beben habe eine Stärke von 6,8 gehabt und sich in einer Tiefe von 18,5 Kilometern gut 70 Kilometer südwestlich von Marrakesch und 60 Kilometer nordöstlich der Stadt Taroudant ereignet.