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Betroffener in Wiener Missbrauchsfall fühlt sich "verhöhnt"

18. Okt. 2022 · Lesedauer 7 min

Dass die Staatsanwaltschaft vorerst nicht nach möglichen Mittätern bzw. Mitwissern eines Sportlehrers ermittelt, der bis zu seinem Suizid im Mai 2019 an einer Wiener Mittelschule Dutzende Buben im Alter von neun bis 14 Jahren missbraucht haben dürfte, empört einen der Betroffenen.

"Ich fühle mich verhöhnt. Ich habe den Eindruck, dass man Täter schützen möchte. Das ist die größte Verhöhnung, die mir geschehen kann", hielt das Missbrauchsopfer im Gespräch mit der APA fest.

"Das Verhalten von Polizei und Staatsanwaltschaft ist eine wirklich starke Belastung für ein Opfer", betonte der mittlerweile erwachsene junge Mann. Als er sich 2019 an die Polizei wandte, um Anzeige zu erstatten, sei er "weggeschickt" worden: "Man hat mir gesagt, das bringt nix, er ist ja schon gestorben. Und dass man einen Toten nicht anzeigen kann". Dabei habe es damals Hinweise auf einen guten Bekannten und möglichen Mittäter des Pädagogen gegeben und sogar eine Mail mit der Aufforderung, sich diesen näher anzuschauen. Dem sei man seitens der Strafverfolgungsbehörden nicht von Amts wegen nachgegangen.

Wenig Vertrauen in Kommission

In eine von der Bildungsdirektion eingesetzte Untersuchungskommission, die die Vorgänge in der Schule beleuchten und aufarbeiten soll, hat der Betroffene kein allzu großes Vertrauen. Er habe der Kommission vor wenigen Wochen "die Vorfälle geschildert" und dabei den Eindruck gewonnen, "dass das eine interne Revision ist". Dass Bildungsdirektor Heinrich Himmer (SPÖ) im vergangenen Mai erklärt hatte, zu Übergriffen und Missbrauchshandlungen sei es ausschließlich außerhalb der Schule gekommen, "geht mir total nahe. Es ist nämlich schlicht komplett falsch". Alles in allem sei für ihn eines klar: "Ein kapitales Versagen der Institutionen steht außer Frage."

Der Betroffene war als unmündiger Bub in der dritten Schulstufe der Mittelschule von seinem Lehrer, der die Klasse nicht nur in Sport, sondern auch in Biologie und Physik unterrichtete, während einer Lesenacht im alten Turnsaal der Schule missbraucht worden. Erst nach dem Selbstmord des Pädagogen brachte er die Kraft auf, sein Schweigen über den schambehafteten Vorfall zu brechen. Er vertraute sich zunächst einer Freundin und dann seinen Eltern an. Im Beisein seiner Mutter und seiner Rechtsvertreterin Herta Bauer war der junge Mann nun unter der Zusicherung, seine Anonymität zu wahren, zu einem Gespräch mit der APA bereit.

Kein Einzelfall

Was ihm widerfuhr, sei an der Schule kein Einzelfall gewesen, berichtete der Mittzwanziger: "Das war damals ein Akt von vielen." Während der Lesenacht im Turnsaal hätten gegen 23.00 Uhr die anderen Kinder bereits geschlafen, als sich der Lehrer ihm angenähert habe: "Mir war bewusst, was jetzt passieren wird." Danach habe er "versucht zu verdrängen. Ich bin ihm (dem Lehrer, Anm.) teilweise aus dem Weg gegangen". In weiterer Folge habe er übergriffige Handlungen des Pädagogen gegen andere Mitschüler selbst beobachtet: "Und ich habe von Kindern gewusst, denen dasselbe passiert ist."

Für den Ex-Schüler ist es nach wie vor nicht vorstellbar, dass das Lehrerkollegium oder die Schulleitung von all dem nichts mitbekommen haben wollen: "Es war beispielsweise üblich, dass wir in der Klasse bei ihm auf dem Schoß gesessen sind. Die Leute haben sich zum Teil richtig gestritten, wer sich auf seinen Schoß setzen darf. Weil man es nicht anders gekannt hat, weil das für uns 'normal' war. Der Direktor ist sogar einmal in die Klasse gekommen, als einer von uns auf seinem Schoß gesessen ist. Auch eine Begleitlehrerin, die wir 'Klassenmama' genannt haben, hat viel gesehen. Ihr muss das einfach aufgefallen sein."

Aggressionsausbrüche in der Klasse

Der Lehrer habe in der Klasse auch immer wieder Aggressionsausbrüche gehabt: "Da hat die Begleitlehrerin permanent weggeschaut." Im Biologie-Unterricht habe der Lehrer wochenlang ausschließlich über sexuelle Handlungen und Pornos gesprochen und durchblicken lassen, selbst in einem Porno mitgespielt zu haben. Nach dem Sportunterricht habe er ständig gemeinsam mit den Schülern geduscht: "Man hat ihm die Freude richtig angesehen, dass er die Kinder abtrocknen darf."

Nach ihrem Schulabschluss bekamen die Schüler vom Lehrer ein dickes Fotobuch ausgehändigt, das die gemeinsam verbrachte Schulzeit dokumentieren sollte. In diesem - die APA konnte es einsehen - finden sich auffallend viele Bilder von spärlich bekleideten Buben. Auch Nacktfotos sind dabei, die im Zuge eines Saunabesuchs entstanden sind - die Schüler sind immerhin so positioniert, dass man ihren Intimbereich nicht sieht. "Es gibt daneben aber fünf CD's mit insgesamt 7.000 Fotos. Auf diesen sieht man mehr", berichtete der ehemalige Schüler.

Dass diese Bilder, die viele Jahre vor dem Suizid des Pädagogen entstanden sind und die in der Schule verbreitet wurden, an der Einrichtung kein großes Thema waren bzw. nicht zum Aufreger-Thema wurden und die Bildungsdirektion davon erst vor kurzem Kenntnis erlangt haben will, ist insofern erstaunlich, als sie teilweise auf Schulveranstaltungen angefertigt wurden, an denen auch andere Lehrer beteiligt waren. Und das Jahrbuch bekamen die Schüler mit nach Hause, worauf sich einige Eltern nach dem Durchblättern über einige Fotos mehr als gewundert und sich darüber beschwert haben sollen.

Anzeige nicht aufgegriffen

Die Rechtsvertreterin des Missbrauchsopfers, Herta Bauer, hatte vor wenigen Wochen gegen einen langjährigen Bekannten und früheren Schüler des Pädagogen bei der Staatsanwaltschaft eine Sachverhaltsdarstellung wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch von Unmündigen und Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses eingebracht. Mangels eines konkreten Anfangsverdacht wurde die Anzeige von der Anklagebehörde nicht aufgegriffen. "Dabei ist dieser Bekannte regelmäßig zu uns in die Klasse gekommen, hat hinten Platz genommen, ist stundenlang dagesessen und hat zugehört. Danach hat ihn der Lehrer zum Geräteturnen mitgenommen, wo er bei Übungen mitgeholfen hat", schilderte das Missbrauchsopfer nun der APA. Der Bekannte sei auch "beim Filmschauen" dabei gewesen, habe viel wahrgenommen, "etwa wie die Kinder am Schoß des Lehrers gesessen und berührt worden sind".

Nach dem Suizid des Sportlehrers kam dieser Bekannte in die Schule und soll den Spind des Pädagogen geleert und Sachen - darunter womöglich belastendes Beweismaterial - mitgenommen haben, wofür es dem Vernehmen nach inzwischen auch eine Zeugenaussage geben soll. Der neue Direktor bedachte ihn schließlich mit einem Hausverbot, nachdem er Schülerinnen gegenüber aufdringlich wurde und einige belästigt haben soll.

Auf die Frage, wie es ihm etliche Jahre nach dem erlebten Missbrauch gehe, erwiderte der frühere Schüler des Sportlehrers: "Das ist kein Leben." Er finde keinen Schlaf und schaffe es nicht, in eine U-Bahn einzusteigen. Mit den zuständigen Stellen müsse er mühsam über die Kostenübernahme für seine Psychotherapie verhandeln. "Mit keinem Geld kann man das wettmachen, was geschehen ist. Aber es muss einen einfacheren Weg geben, um zu einer Entschädigung zu kommen, die meine Therapie finanziert. So, wie das jetzt läuft, quält man Opfer", sagte der Mittzwanziger.

Letztlich hat der traumatische Missbrauch auch die sportlichen Ambitionen des jungen Mannes begraben. Der talentierte Fußballer - er hatte die Mittelschule nicht zuletzt deshalb besucht, weil diese damals einen Kooperationsvertrag mit FK Austria Wien hatte - hatte bereits einen Jungprofi-Vertrag bei einem heimischen Erstliga-Verein in der Tasche. Er trainierte gemeinsam mit prominenten Kickern und träumte von einem Engagement im Ausland: "Aber ich habe meine Fußballer-Karriere aufgrund der psychischen Belastung beenden müssen".

Quelle: Agenturen