Ärztin auf Heimurlaub in Kiew bleibt: "Ältere und Kinder brauchen Platz in den Zügen"

04. März 2022 · Lesedauer 3 min

Switlana Kolesnik berichtet von Schwerkranken, die 24 Stunden im Bunker bleiben müssen, weil sie nicht transportfähig sind, von Kiewer Bürgern, die sich organisieren, um Medikamente zu verteilen und für Alte kochen. Sie wohnt eigentlich in Deutschland, wolle aber zumindest vorerst bleiben, um niemanden einen Platz im Zug wegzunehmen - und, um zu helfen.

Die geborene Ukrainerin Switlana Kolesnik ist Ärztin und lebt in Deutschland. Als der Krieg ausbrach, besuchte sie ihre Eltern in Kiew, wo sie jetzt auch zumindest in nächster Zeit bleibt. Zurzeit fühle sie sich sicher. Aber "Sicherheit ist ein Wort, das in letzter Zeit in Kiew eine neue Bedeutung bekommen habt", erklärt die Ärztin im PULS 24 Interview. Aktuell fühle sie sich sicher. Das bedeute, dass es am Freitag in ihrem Bezirk von Kiew zwar Beschuss gegeben habe, aber "nicht so, dass wir rennen mussten". Natürlich hätte es auch mehrmals am Tag Luftalarm gegeben.

Gefangen ohne Aufzug: Alte "brauchen uns"

Warum sie trotzdem in Kiew bleiben wolle? "Wissen Sie, in Kiew sind Leute geblieben, die nicht flüchten können", Ältere und Hilfsbedürftige. "Die brauchen auch Unterstützung und Hilfe." Bei Alarm würden Aufzüge abgeschaltet. Viele könnten dann nicht hinaus, um Essen oder Medikamente zu besorgen. "Die brauchen uns." Auch in den Krankenhäusern brauche man Unterstützung.

Man organisiere sich in Kiew langsam. In den einzelnen Bezirken bilden sich Gruppen, um anderen zu helfen. Frauen würden die Bürgerwehr bekochen, die sich gebildet hat. Andere würden Medikamente auftreiben, weil Apotheken teils nicht mehr funktionsfähig seien. Die Verkäufer gebe es allerdings noch, die die Medikamente zu normalen Preisen abgeben würden. Auch Medikamente die von der Grenze geliefert werden müssten in Empfang genommen und verteilt werden.

"24 Stunden im Bunker ist unglaublich"

Man dürfe auch nicht vergessen, "die Leute werden auch krank, wenn sie keine Kriegsverletzung haben". Auch Infekte und Schlaganfälle müssten behandelt werden. Jedes Krankenhaus entscheide selbst, wie sie bei Fliegeralarm vorgehen. Die schweren Fälle bleiben zumeist die ganze Zeit im Bunker, um dann nicht verlegt werden zu müssen. "Die, die Laufen können, können auch noch oben gehen. 24 Stunden im Schutzkeller zu sitzen sei unglaublich und unvorstellbar.

Bahnmitarbeiter sind "Helden"

Solange noch Ältere und Frauen mit Kindern evakuiert werden müssen, wolle sie bleiben, denn "die brauchen auch einen Platz in den Zügen". Helden seien auch die Bahnmitarbeiter, die Züge würden trotz Beschuss fahren, teils hunderte Verletzte aus zerbombten Dörfern evakuieren.

Der Kampfgeist sei trotzdem ungebrochen. "Wir wissen, wofür wir kämpfen. Wir wollen in keinem Land wohnen, in dem kein menschliches Recht gilt." Ukrainer seien nett und gastfreundlich, aber nicht, wenn man mit Waffen komme. Kinder zu töten, Städte zu zerstören, "das geht nicht, wir werden uns verteidigen (...) Das würden Sie auch so machen". 

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam