APA - Austria Presse Agentur

Triage: Nach diesen Kriterien entscheiden Wiener Ärzte, wer ein Intensivbett bekommt

24. März 2021 · Lesedauer 3 min

Auszuwählen, wer einen Platz auf einer Intensivstation bekommt, wenn diese eigentlich voll ist, entscheidet über Leben und Tod. Wiens Intensiv-Stationen arbeiten am Limit, der Wiener Gesundheitsverbund hat eine Leitlinie ausgegeben, an der sich Ärzte orientieren sollen, wenn sie Schwerkranke und Sterbende abweisen müssen.

Im Herbst 2020 zeichnete sich ab, dass auf Österreichs Intensivstationen der Punkt erreicht werden könnte, an dem es zu wenige Behandlungsmöglichkeiten für zu viele Schwerkranke gibt. Ende März 2021 scheint es in Wien so weit zu sein. Die intensivmedizinischen Fachgesellschaften in Österreich (Fasim) haben für den Ernstfall eine "Orientierungshilfe für den Einsatz knapper intensivmedizinischer Ressourcen" erarbeitet. Dem Blog "Semiosis" ist ein Papier mit Handlungsempfehlungen zur Triage im Wiener Gesundheitsverbund zugespielt worden. Der Blog bietet die "Handlungsempfehlung zur Therapiezielfindung in der Intensivmedizin" auch zum Download.

Cokic: Covid-Patienten landen "innerhalb von 24 Stunden" auf Intensivstation

Natalija Cokic, Leiterin der Intensivamedizin am LKH Graz, bestätigt im Interview mit PULS 24 Anchorwoman Alina Marzi, dass Covid-Patienten aktuell sehr viel schneller auf der Intensivstation landen.

Nach diesen Kriterien sollen Patienten NICHT bewertet werden:  

  • bloßes Faktum eines bestimmten kalendarischen Alters
  • bloße Vorhandensein bestimmter Grunderkrankungen oder Behinderungen
  • sozialer Status oder die persönliche Beziehung zu Entscheidungsträger*innen
  • Die Priorisierung verfolgt nicht die Absicht, die Menschen quantitativ (z.B. in Hinblick auf ihre Lebensdauer) oder qualitativ (z.B. in Hinblick auf ihre Lebensqualität) zu bewerten

Knappe Ressourcen vs. keine Ressourcen: 

1. Die Ressourcen sind knapp, es muss entschieden werden, wer aufgenommen bzw. behandelt wird

2. Es gibt keine Ressourcen, die Intensivmediziner müssen entscheiden, jemanden sterben zu lassen, damit ein anderer mit besseren Überlebenschancen behandelt werden kann. 

Wenig Erfolgsaussichten - keine Behandlung

Im zweiten Fall schlägt die "Handlungsempfehlung zur Therapiezielfindung in der Intensivmedizin des Wiener Gesundheitsverbundes" vor, sich an der Überlebenswahrscheinlichkeit zu orientieren. Es mache rechtlich keinen Unterschied, ob eine Behandlung beendet oder gar nicht erst begonnen wird. 

Die Intensivmediziner müssen die Erfolgsaussichten auf ein "Überleben der Intensivtherapie" abwägen. Wichtige Faktoren sind, ob ein Patient weitere Erkrankungen hat, wie die Laborwerte und die Prognose aussehen. Sind die Aussichten auf Erfolg gering, wird nicht auf der Intensivstation behandelt. Die Ärzte müssen die Erfolgsaussichten eines Patienten mit denen von anderen Hospitalisierten auf der Station vergleichen. 

Behandlung beenden bei ...

Die Entscheidung, einen Patienten sterben zu lassen, sollen die Ärzte treffen, wenn

  • keine Möglichkeit besteht, ihn auf eine Intensiv-Station eines anderen Spitals zu verlegen
  • wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit auf einen chronisch-kritischen Krankheitszustand besteht
  • wenn ein anderer Patient bessere Erfolgsaussichten hat

Ostermann: Lage auf Intensivstationen "teilweise dramatischer" als bei 2. Welle

Herwig Ostermann, Geschäftsführer von Gesundheit Österreich, spricht im Interview mit PULS 24 Reporterin Bettina Häberlin über die Lage im Gesundheitssystem.

Online-Rechner bestimmt Sterbewahrscheinlichkeit

Bei der Entscheidung soll den Ärzten auch ein sogenannter "4c Mortality Score" helfen. Dieser Online-Rechner bestimmt die Sterbewahrscheinlichkeit bei Covid-Patienten. Das Papier merkt aber an, dass aufgrund der geringen Erfahrung "diesbezüglich aber noch keine Empfehlung ausgesprochen werden" kann. Ärzte verlassen sich bei ihren Entscheidungen aber nicht ausschließlich auf dieses Tool. Der Rechner wird mit unter anderem Labor-Werten und der Vorgeschichte des Patienten sowie Alter und Geschlecht gefüttert und soll so die Überlebenschancen ausrechnen. 

Noch sind geringe Ressourcen in Wien frei. Die Zahlen steigen aber täglich. Die Lage ist angespannt, das könnte zunehmend schlimmer werden. 

Intensivmediziner In Wien-Hietzing: Am Wochenende bereits Patienten verlegt

Stephan Kettner, Intensivmediziner im Krankenhaus Hietzing, spricht im Interview mit PULS 24 Anchor René Ach, über bereits bestehende Engpässe in seinem Spital. 

Quelle: Redaktion / lam